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Zukunft des Kapitalismus (19) : Licheń lässt mir keine Ruhe

  • -Aktualisiert am

Symbol des polnischen Kapitalismus: die Wallfahrtskirche Lichen Bild: ASSOCIATED PRESS

Ein katholischer Themenpark in Polen zeigt in Gigantomanie, wie unsere kapitalistische Zukunft aussieht: Investitionen ohne Rendite, sich selbst perfektionierende Formen, kalte Pracht ohne Sinn.

          Seit einigen Tagen fahre ich durch Polen. Von Süden nach Norden und wieder zurück. Insgesamt werde ich etwa zweitausend Kilometer zurücklegen. Sonntag kam ich an Rzgów vorbei, das ungefähr in der geographischen Mitte des Landes liegt. Kilometerweit erstrecken sich hier Großhandelsmärkte, Warenlager und Magazine mit Textilien, Unterwäsche, Galanterieware, Schneiderzubehör, mit allem, was der Mensch zum Anziehen braucht. Von hier aus geht die Ware in die Läden und auf die Wochenmärkte des ganzen Landes. Von dort weiter nach Osten, in die Ukraine, nach Belarus. Auch am Sonntag blühte der Handel. Hunderte Autos parkten, die ganztags geöffneten Restaurants empfingen ein hungriges Publikum. Gleich danach kam Łódź, wahrscheinlich die hässlichste Stadt Polens, aber doch faszinierend genug, dass David Lynch immer wieder hierherkommt, um mit den hiesigen Filmstudios zu arbeiten.

          ód wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts zur unangefochtenen Metropole des Kapitalismus auf polnischem Boden. Durch seine Lage an einem Punkt, an dem die Grenzen von drei Kaiserreichen zusammentrafen – Österreich-Ungarn, Preußen und Russland –, verwandelte es sich im Laufe weniger Jahre von einer kleinen Siedlung in ein mächtiges Zentrum der Textilindustrie. Polnische, deutsche und jüdische Vermögen wurden hier im Handumdrehen gemacht. Heute ist Łódź eine heruntergekommene, leicht ruinierte Stadt.

          Hinter den Bildern keine Welt

          Wenn ich durch Polen fahre, habe ich oft das Gefühl, ich führe durch ein unbekanntes Land. Alles hat sich verändert: die Landschaft und die Gesichter der Menschen, ihre Kleidung und Autos, Häuser und Gärten. Eigentlich hat sich die ganze Welt verändert. Knapp zwanzig Jahre Kapitalismus haben die materielle Wirklichkeit in einem nie zuvor gekannten Ausmaß umgestaltet. Um sich zu vergegenwärtigen, wie diese Wirklichkeit früher war, ist man auf die Vorstellungskraft angewiesen – geblieben ist von ihr so gut wie nichts. Die freigesetzten Kräfte von Unternehmertum und Konkurrenz, das zurückgegebene oder neu erworbene Eigentum haben eine elementare Wirkung entfaltet.

          Themenpark der polnischen Volksfrömmigkeit: die Wallfahrtskirche Lichen im Modell

          Die Umgebung von Łódź ist scheußlich und ausdruckslos. Sie macht den Eindruck eines frühkapitalistischen Heerlagers. Die Zahl der Werbeplakate, Reklameschilder, Anzeigen und Hinweisschilder auf Handel, Dienstleistungen, Firmen, Gewerbe und Sortimente am Straßenrand schlägt sämtliche polnische Rekorde. All das ist buntscheckig, geschmacklos, hastig, provisorisch hingehauen, aber es bringt treffend die Energie und Kraft zum Ausdruck. Alle sind tätig, alle handeln mit etwas, produzieren, vermitteln, konkurrieren, kämpfen ums Überleben und gehen gewiss auch nicht selten unter. Eine vielfarbige, chaotische Bildergeschichte von der Geburt des Business bedeckt Zäune, Wände und Dächer. Hinter diesem gigantischen Marketing-Fresko ist die normale Welt kaum noch zu erkennen.

          Themenpark der Volksfrömmigkeit

          Hundert Kilometer hinter Łódź bog ich nach Norden ab. Ich wollte endlich einmal Licheń sehen. Licheń ist das größte katholische Heiligtum in Polen und vermutlich das siebtgrößte in Europa. Kaum hatte ich es am Horizont entdeckt, erschien es mir wie das größte Bauwerk des Kapitalismus, das wir je hatten errichten können. Ein bescheidener Dorfpfarrer hatte die Vision einer gigantischen Kirche, und er hat sie in die Wirklichkeit umgesetzt. Etwa zehn Jahre brauchte er dafür.

          Ausschließlich aus Spenden von Gläubigen im ganzen Land baute er eine Art Themenpark zur volkstümlichen polnischen Gläubigkeit im Zeitalter der unbegrenzten Möglichkeiten des Kapitalismus. Das ist wahrhaft gigantisch, man sieht es schon aus der Entfernung von über zehn Kilometern. Kuppeln und Gold dominieren. Was wohl eine Reminiszenz der Basilika des Heiligen Petrus in Rom werden sollte, erinnert eher an eine Kreuzung von Brandenburger Tor und Istanbuler Hagia Sophia. Es ist pompös, prätentiös und kitschig – so jedenfalls das Urteil von Kunst- und Architekturkennern, die sich mit der Vision des Dorfpfarrers in Marmor, Granit, Gips nicht anfreunden mochten. Das einfache, arme Volk aber kratzte seine letzten Groschen zusammen und unterstützte den Bau. Aus eigenem Antrieb, ohne irgendeinen Zwang und im Bewusstsein der Wirkung seiner unzähligen kleinen Spenden, beseelt von der Vision. Das Volk nutzte seine Freiheit und die Macht des eigenen Geldes.

          Spiritueller Kurort

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