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Zukunft des Kapitalismus (18) Sprechstunde beim Betriebspsychologen

11.08.2009 ·  Kapitalismus des Unbewussten: Die Marktwirtschaft macht nicht nur krank - sie ist nun auch selbst krank: neurotisch, depressiv, befallen vom Aufmerksamkeitsdefizit. Eine Krankengeschichte.

Von Heiner Mühlmann
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Neurose, Depression und ADHS (also Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivitätsstörung) sind Krankheiten der Individuen. Es gibt aber auch eine Kapitalismuskrankheit, die ganze Kulturen befällt. Sie hat den Namen „Weltwirtschaftskrieg“, ein hässlicher Mutant, der aus dem Krieg mit Waffen hervorgegangen ist. Demnach werden öffentliche Finanzmittel eingesetzt, um die Volkswirtschaften anderer Staaten durch Dumping-Exporte zu schwächen.

Unter allen amerikanischen Banken war Lehmann Brothers am meisten mit nichtamerikanischen Banken vernetzt. Also war vorauszusehen, dass ein Lehman-Brothers-Zusammenbruch Zusammenbrüche auf der ganzen Welt nach sich ziehen würde. Was voraussehbar ist, ist auch strategisch einsetzbar, etwa nach dem Motto: „Ich bin an einer Sintflut interessiert, weil mein Haus wasserfester gebaut ist als die Häuser meiner Konkurrenten.“

Denn auch Folgendes war voraussehbar: In einem weltweiten Wirtschaftschaos würde man dem amerikanischen Staat mehr Geld leihen in Form von Staatsanleihen als anderen Staaten. Denn Amerika hat die größere Bonität. Dadurch würde der Dollar als Leitwährung gestärkt, beispielsweise gegenüber dem Konkurrenten Euro. Euro-Staatsanleihen sind nicht möglich, weil es keinen Euro-Staat gibt. Es sind nur Staatsanleihen an europäische Einzelstaaten möglich. Außerdem setzt sich die Bonität der Euro-Zone aus der Durchschnittsbonität der europäischen Einzelstaaten zusammen. Das ist ein Mittelwert zwischen Griechenland und Deutschland. Dieser Wert ist eindeutig niedriger als der amerikanische Bonitätswert.

Kapitalismus des Unbewussten

Angenommen, Wirtschaftssysteme gehorchten blinden Evolutionsdynamiken, die man nicht beeinflussen kann; und angenommen, die Veränderungen des Kapitalismus gehorchten nicht dem Prinzip der menschlichen Rationalität, das die Wirtschaftswissenschaftler für das Axiom der ökonomischen Theorie halten: Dann müsste es einen Kapitalismus des Unbewussten geben. Und dann sollte man sich fragen, ob es trotzdem Regelmäßigkeiten gibt, die ein unbewusstes Wirtschaftssystem beschreibbar machen.

Möglicherweise liefern in diesem Zusammenhang auffällige Krankheiten einen Hinweis. Man könnte versuchen, herauszufinden, von welchen Krankheiten die Menschen in den verschiedenen Epochen der Kapitalismusgeschichte besonders häufig befallen wurden. Man sollte natürlich auch darüber nachdenken, von welchen Krankheiten die Menschen in Zukunft befallen werden. Dann würde die Antwort auf die Frage nach der Zukunft des Kapitalismus zu einer Voraussage, die sich auf eine neue symptomatische Kapitalismuskrankheit bezöge.

Krankheitsepochen des Kapitalismus

Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Krankheitsgeschichte des Kapitalismus. Sie scheint in drei Phasen verlaufen zu sein. Hennric Jokeit und Ewa Hess beschreiben diesen Prozess in einem „Merkur“-Aufsatz folgendermaßen: Erste Phase – die Neurose; sie fällt zusammen mit dem Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Zweite Phase – die Depression; sie fällt zusammen mit der Kapitalismusentwicklung, die bis zur Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert reicht. Dritte Phase, die sich auf die Zukunft bezieht – ADHS; was das bedeutet, soll noch nicht verraten werden.

Begnügen wir uns für die Neurose mit der bloßen Feststellung, dass ihr Erscheinen mit der Zeit des brutalen Ausbeutungskapitalismus zusammenfällt. Der Verbreitungsgrad dieser Krankheit reichte immerhin aus, um Sigmund Freud dazu zu veranlassen, der Nachwelt die Theorien und Therapiemethoden der Psychoanalyse zu hinterlassen. Übrigens äußert Freud in seinen „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ die Meinung, nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch die Mehrzahl der unterdrückten Arbeiter sei von Neurosen befallen. Sie konsultierten nur deshalb keine Psychologen, weil sie nicht genug Geld hätten. Freud vermachte der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts den psychologischen Diskurs. Die auf diese Weise entstandene therapeutische Kompetenz breitete sich vor allem in den Vereinigten Staaten aus. Dort entwickelte sich seit 1920 ein neues Anwendungsgebiet: die Betriebspsychologie. In ihr begegnet uns eine funktionale Beziehung zwischen der Wirtschaft und einer für die Wirtschaft entwickelten Krankheits- beziehungsweise Gesundheitstheorie.

Errettung der Seele

Die Betriebspsychologie verfolgte zwei Ziele: die Fähigkeit der „Kommunikation“ und den Habitus der „emotionalen Intelligenz“. Vorgesetzte sollten lernen, ihre eigene emotionale Ausstrahlung auf die empathische Wahrnehmung ihrer Untergebenen abzustimmen; gleichzeitig sollten sie ihre eigenen empathischen Reaktionen auf das Verhalten ihrer Untergebenen verfeinern. Durch „Kommunikation“ sollte dann Emotionskontrolle bei allen Beteiligten erzeugt werden, um statt eines Betriebsklimas der Unterdrückung eines der Gleichheit entstehen zu lassen. Zusammenhänge, denen zuletzt die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Die Errettung der modernen Seele“ nachgespürt hat.

Die typische Krankheit in der Epoche von Betriebspsychologie und emotionalem Derivat ist die Depression. Depression ist der Zustand totaler Emotionslosigkeit. Das „Selbst“ ist erkrankt. Das gesunde „Selbst“ ist das schwer erreichbare Ziel für das Streben nach Selbstfindung und Selbstverwirklichung. Der Selbstverwirklichungskult ist repräsentativ für eine ganze Epoche des Kapitalismus.

Unsichtbarwerden der Schuld

Die Beziehung zwischen Gläubiger und Schuldner ist bei Shakespeare noch so emotionsgeladen, dass ein venezianischer Geschäftsmann seinem Schuldner ein Stück Fleisch aus dem Körper schneiden will. Im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert dagegen ist auch das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis zu einer Beziehung der „Kommensuration“ geworden. Auch hier wird mit Derivaten gehandelt: Die Schuld eines Schuldners Nummer 1 wird vom Gläubiger Nummer 1 aufgeteilt, mit anderen Teilschulden zusammengelegt, dann an neue Gläubiger Nummer 2 übergeben, so dass der ehemalige Gläubiger Nummer 1 zum Schuldner Nummer 2 wird.

Gläubiger Nummer 2 besteht meistens aus einer Gruppe von Gläubigern. Bei ihr ist die primäre Schuld ihrer ästhetischen Wahrnehmbarkeit komplett beraubt. Gläubiger Nummer 2 kennt nur noch eine Mittelung der Schuld. Dabei handelt es sich um eine Zahl, die das Durchschnittsrisiko des Schuldenpakets ausdrückt. Hier ist das Stadium der „Kommensuration“ ebenso erreicht wie in der Ratgeberpsychologie. Auch die Finanzderivate sind emotionale Derivate. Denn die Emotionalität der Schuld ist durch das Mittelungsprinzip ersetzt worden.

Schlaf und Wachsein

Das Finanzderivat ist das Wirtschaftsgut mit den schnellsten Transportwegen. Zu seiner ökonomischen Fitness hat das Internet beigetragen. Während die Realwirtschaft auf eine langsame raumzeitliche Transportlogistik angewiesen ist, vollzieht sich die Transaktion des Finanzderivats in Echtzeit. Globalisierung bedeutet hier: vierundzwanzig Stunden Online-Business gleichzeitig in allen Zeitzonen des Planeten. Deshalb bevorzugen die Banker des Derivate-Handels den sogenannten Leninschlaf. Das ist der Wach-Schlaf-Rhythmus zwei Stunden Schlaf nach fünf Stunden Wachsein.

Die Krankheit der Zukunft ist ADHS. Sie wird ausgelöst durch permanente Vigilanz, also Daueraufmerksamkeit beziehungsweise Dauerwachheit. ADHS und Finanzderivat verdanken ihre Entstehung dem Internet. Damit wird ein Link zwischen einer repräsentativen Krankheit und einem repräsentativen Wirtschaftsphänomen erkennbar.

Virus des Finanzmarkts

Außerdem wird ein allgemeines Beziehungsmuster erkennbar. Man kann ihm den Namen „emotionaler Statistikeffekt“ geben. Denn das emotionale Derivat der Ehe- und Beziehungsberatung funktioniert auf der Basis eines emotionalen Statistikeffekts. Der Beziehungserfolg gewinnt auf diese Weise die Anmutung des betriebswirtschaftlichen Erfolgs. Das später erscheinende Finanzderivat verdankt seine virusartige epidemische Fitness der katalytischen Kombination von Schuldderivat (statistische Mittelung des Gläubigerrisikos) und Internet. Das Finanzderivat enthält ebenfalls den emotionalen Statistikeffekt, weil die Schuldner-Gläubiger-Beziehung ihre emotionale Ästhetik verloren hat. Das Finanzderivat bildet die Voraussetzung für die epidemische Störung, aus der sich die gegenwärtige Krise entwickelt hat.

In den Aggregaten der Finanzderivate werden Banken weltweit miteinander vernetzt. Kommt es bei den Schuldnern zu Zahlungsausfällen, die eine kritische Größenordnung überschreiten, werden die Gläubigerbanken zahlungsunfähig. Wenn der Anteil von zahlungsunfähigen Banken einen bestimmten Schwellenwert überschreitet, kommt es zu gravierenden Systemstörungen im globalen Finanznetzwerk. In derartigen Situationen wird die Bankenrettung durch Staaten zum erwarteten Normalfall. Es stellt sich heraus, dass man mit dieser Normalfallerwartung kriegsartig operieren kann.

Wenn es zutrifft, dass Wirtschaftssysteme blind evolvieren und sich der bewussten Kontrolle entziehen, dann wird es immer wieder zu Systemkrisen kommen. In wirtschaftlichen Chaossituationen obsiegt das strategische Verhalten. Dann gilt das Prinzip „Bonität als Feuerkraft“.

Heiner Mühlmann lehrt am Institut für Design und Technologie der ZHdK, Zürich, sowie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Von ihm erschien zuletzt „Darwin, Kalter Krieg, Weltwirtschaftskrieg“ (2009).

Quelle: F.A.Z.
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