21.07.2009 · Der Kapitalismus hat manches überstanden, er wird auch durch diese Krise nicht in Gefahr kommen. Behält man die jeweilige Rahmenordnung im Auge, wird sich das System auch in Zukunft konstruktiv behaupten. An Alternativen fehlt es ohnehin.
Von Viktor VanbergWenn man unter Kapitalismus jene Wirtschaftsordnung versteht, die auf Privateigentum und Vertragsfreiheit beruht, gibt es wenig Grund, um seine Zukunft besorgt zu sein. Diese Wirtschaftsordnung, die wir als Marktwirtschaft bezeichnen, hat sich als die robusteste Spezies unter den konkurrierenden Ordnungsvarianten durchgesetzt, mit denen die Menschheit im Verlauf ihrer Geschichte experimentiert hat. Eine grundsätzliche Alternative, die ihr in Zukunft diesen Rang streitig machen könnte, ist nicht erkennbar.
Die Prinzipien, auf denen sie beruht, sind das Ergebnis eines Jahrtausende umspannenden, von Versuch und Irrtum geleiteten kulturellen Evolutionsprozesses, der mit der Entdeckung seinen Anfang nahm, dass Menschen sich durch Spezialisierung und Tausch wechselseitig besserstellen können. Freiwilliger Tausch liegt dort vor, wo Menschen die Dinge, die sie von anderen wünschen, dadurch erwerben, dass sie diesen etwas anbieten, was sie zur Bereitstellung der gewünschten Leistung bewegt. Die Marktwirtschaft in unserem heutigen Verständnis bildete sich in dem Maße heraus, in dem der freiwillige Tausch zum vorherrschenden Ordnungsprinzip des Wirtschaftslebens wurde, und dies geschah dort, wo eine Rechtsordnung durchgesetzt wurde, die die Voraussetzungen für freiwilligen Tausch - den Schutz von Privateigentum und Vertragsfreiheit - sichert.
Vom Reiz einer wirksamen Privatrechtsordnung
In der Tat ist die Marktwirtschaft nichts anderes als die Gesamtheit der wirtschaftlichen Transaktionen und Strukturen, die sich in einer Privatrechtsgesellschaft herausbildet. Marktwirtschaft stellt sich da und in dem Maße ein, in dem Menschen privatautonom mit anderen auf der Grundlage freiwilliger Verträge in Austausch treten oder sich zu gemeinsamen Unternehmungen zusammenschließen können. Dass nicht die bloße Privatisierung von Staatseigentum, sondern die wirksame Durchsetzung einer Privatrechtsordnung das Sine qua non einer funktionsfähigen Marktwirtschaft darstellt, ist von manchen postkommunistischen Transformationsstaaten sträflich vernachlässigt worden.
Die Robustheit der Marktwirtschaft hat ihren Grund darin, dass Menschen die individuellen Freiheiten, die sie gewährt, und die daraus resultierende produktive Dynamik den Verhältnissen vorziehen, die sie in alternativen Regimen vorfinden. Die Wanderungsbewegungen der neueren Geschichte sprechen hier eine deutliche Sprache. So war die mangelnde Attraktivität der Lebensbedingungen, die kommunistische Regime den Menschen boten, der entscheidende Grund für ihren Kollaps, der schon wesentlich früher gekommen wäre, hätten die Regierenden nicht zu gewaltsamen Mitteln gegriffen, um ihre Bürger an der „Abstimmung mit den Füßen“ zu hindern. Angesichts der Tendenz zur nachträglichen Romantisierung der Verhältnisse in der DDR ist es nicht überflüssig, daran zu erinnern.
Wichtige Rahmenbedingungen
Nun bedarf die These von der Robustheit der Marktwirtschaft allerdings einer Präzisierung. Sie ist, um es auf eine einfache Formel zu bringen, global äußerst robust, aber lokal durchaus verwundbar. Sie ist global robust, weil sie wegen ihrer Attraktivität auf ihre Umgebung ausstrahlt und als Magnet wirkt, der Menschen anzieht. Sie ist lokal verwundbar, weil die rechtlich-institutionellen Bedingungen, von denen ihre Funktionsfähigkeit abhängt, durch Gesetzgebung, Rechtsprechung und staatliches Handeln gestaltet werden und sie daher nur dort zur Geltung kommen kann, wo der politische Wille und die Macht vorhanden sind, diese Bedingungen zu schaffen und zu sichern.
Die Vorteile, die eine marktwirtschaftliche Ordnung den unter ihr lebenden Menschen zu bieten hat, sichern ihr nicht per se die für ihren Bestand notwendige politische Unterstützung. In einer in staatliche Hoheitsgebiete aufgeteilten Welt hängt ihr Schicksal von den jeweils lokal herrschenden politischen Bedingungen ab. Unter Bedingungen von Rechtlosigkeit, Anarchie oder Bürgerkrieg kann sie sich ebenso wenig entfalten wie unter Machthabern, die zum Zwecke der eigenen Bereicherung die Freiheit wirtschaftlicher Betätigung und des Handels unterdrücken, oder unter Regierungen, die aus ideologischen Gründen oder schlicht aus Irrtum ihre institutionellen Grundlagen zerstören. Ob und in welchem Ausmaß Menschen in bestimmten Ländern in den Genuss der Lebensbedingungen kommen, die die Marktwirtschaft ihnen bieten kann, ist daher durchaus ungewiss. Gewiss ist jedoch, dass die Marktwirtschaft sich wegen ihrer Attraktivität nicht überall und nicht auf Dauer verdrängen lassen wird.
Unsicherheit als Kehrseite der produktiven Dynamik
Ein tieferliegender und für demokratische Gesellschaften wie die unsere schwerer wiegender Grund für die lokale Verwundbarkeit der Marktwirtschaft hängt jedoch direkt mit dem Grund für ihre globale Robustheit zusammen, ist gewissermaßen dessen Kehrseite. Es ist der Wettbewerb, der unter Bedingungen wirtschaftlicher Handlungs- und Vertragsfreiheit in Gang kommt, der einerseits die produktive Dynamik entfaltet, der die Marktwirtschaft ihre Attraktivität verdankt, der aber andererseits auch mit Anforderungen und Unsicherheiten einhergeht, die Menschen als belastend empfinden. Dass diese ungeliebte Seite des Wettbewerbs von seiner geschätzten produktiven Seite nicht zu trennen ist, hindert freilich Menschen nicht daran, sich eine Welt zu wünschen, in der sie die Früchte der Marktwirtschaft ohne die Anforderungen des Wettbewerbs genießen können.
Um Wählerstimmen werbende Politiker sind immer in Versuchung, solche Illusionen zu nähren. Der politische Prozess eröffnet einzelnen Gruppen die Möglichkeit, für sich das Privileg der Verschonung von Wettbewerbsdruck oder seinen Folgen zu erstreiten. Je mehr Gruppen bei solcher Privilegiensuche erfolgreich sind, desto mehr wird die produktive Kraft der Marktwirtschaft geschwächt. Auch demokratische Gesellschaften sind aus diesem Grunde in Gefahr, die institutionellen Grundlagen einer Wirtschaftsordnung zu zerstören, der sie ihren Wohlstand verdanken, ohne dass den Menschen unbedingt klar würde, wo die Ursachen für diesen Erosionsprozess liegen.
Überlegen, aber nicht krisenfrei
Die These von der Robustheit der Marktwirtschaft soll besagen, dass sie als System anderen uns bekannten und realisierbaren Wirtschaftsordnungen überlegen ist, nicht etwa, dass sie perfekt und krisenfrei wäre. Lässt man einmal die hier nicht weiter zu erörternde Frage beiseite, wie bei der derzeitigen Wirtschaftskrise die jeweiligen Anteile von „Marktversagen“ und „Staatsversagen“ zu bemessen sind, so gilt es schlicht festzustellen, dass es wenig Sinn hat, aus dem Befund, dass das, was existiert, am Maßstab einer perfekten Welt gemessen, Mängel aufweist, auf seine Untauglichkeit zu schließen. Die gegenwärtige Krise gibt Anlass, darüber nachzudenken, in welcher Weise das Regelwerk der Marktwirtschaft verbessert werden könnte, und auch darüber, ob ihre ethischen Grundlagen nicht stärker ins öffentliche Bewusstsein gehoben werden müssen, als dies in der Vergangenheit geschehen ist. Solche Bemühungen sollten aber von der realistischen Einsicht getragen sein, dass wir auch in Zukunft Krisen werden meistern müssen.
Zu präzisieren ist die These von der Robustheit der Marktwirtschaft schließlich auch in dem Sinne, dass es „die“ Marktwirtschaft als in Stein gemeißeltes institutionelles Gebilde nicht gibt. Zwar kann es ohne die grundlegenden institutionellen Voraussetzungen von Privateigentum und Vertragsfreiheit keine Marktwirtschaft geben. Wie jedoch die Rahmenordnung, durch die sie eingehegt wird, im Einzelnen gestaltet werden sollte, ist eine Frage, die einem Lernprozess unterliegt. Die konkreten Funktionseigenschaften einer Marktwirtschaft werden von der Art und Weise abhängen, wie die Privatautonomie durch öffentlich-rechtliche Regulierungen eingegrenzt ist, und sie werden ihre Grenze dort finden, wo Handlungsbereiche direkter staatlicher Entscheidungsgewalt unterliegen.
Mobilität als Herausforderung
Die Gestaltungsvarianten marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen sind in einer globalisierten Ökonomie mit mobilen Menschen und mobilen produktiven Ressourcen zunehmend dem Test ausgesetzt, ob sie Bedingungen zu bieten vermögen, unter denen Menschen freiwillig leben und ihre wirtschaftlichen Ressourcen zum Einsatz bringen wollen.