Mein Kopf füllte sich mit Projekten und Unternehmungen, die jenseits meiner Möglichkeiten lagen.“ Das schreibt 1719 der Titelheld eines Textes, der in der Literaturgeschichte als der erste moderne Roman gilt: Robinson Crusoe. Neu war der reportagehafte Realismus, mit dem hier das Leben auf einer einsamen Insel geschildert wurde; neu auch das Publikum, an das sich das Buch richtete: nicht mehr ausschließlich die gebildeten Stände, sondern eine breite Leserschaft. Und neu vor allem die Hauptfigur: Als Kaufmann und Kolonialherr ist Robinson ein homo oeconomicus. Er vertraut nicht mehr allein auf Gott, sondern nimmt mit der Aussicht auf Gewinn sein Schicksal selbst in die Hand und scheut dabei kein Risiko.
Beispielhaft vertritt er einen Menschentyp, der gerade in dieser frühkapitalistischen Phase in Europa zum ersten Mal massenhaft anzutreffen ist: den privaten Projektemacher, der phantastischen und oft kaum realisierbaren Geschäftsideen nachhängt. Die Geschichte des modernen Romans und des Kapitalismus fallen hier, am Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, zusammen.
Verpfändete Zukunft
Fast dreihundert Jahre später liest sich die Warnung, die der Erfinder der Robinsonade, der Händler, Bankrotteur, Journalist und Schriftsteller Daniel Defoe, allen Projektemachern und ihren Kunden mit auf den Weg gab, wie eine wahr gewordene Prophezeiung: „Es gibt leider nur zu viele verführerische Vorspiegelungen von neuen Entdeckungen, neuen Maschinen und anderem mehr, die, über ihren wahren Wert herausgestrichen, hoch gepriesen werden. Solche Scheinerfindungen haben die Phantasie Leichtgläubiger so erregt, dass sie auf einen bloßen Schimmer von Hoffnung hin große Geldmengen aufgebracht haben und einen leeren Begriff dermaßen in die Höhe getrieben haben, dass sich viele Leute haben verleiten lassen, ihre Geld in Aktien an einem neuen Nichts hinzugeben.“
Zwar ist das Geschehen an den Märkten in den Zeiten der Globalisierung ungleich abstrakter und komplexer geworden – der Crash ist jedoch in erster Linie die Folge eines damals wie heute praktizierten Risikospiels. Wenn man der Chronik der Krise glaubt, dann nahm sie ihren Anfang mit faulen Hypotheken. Faul, weil sie Subprime-Kunden, also Privatleuten mit geringer Bonität, gewährt wurden; faul, weil die Schulden, von Rating-Agenturen frisiert, weiterverkauft wurden. Diese Kreditgeschäfte wiederum koinzidierten auf unglückliche Weise mit dem Verfall von Optionen, dem Recht also, ein Wertpapier zu einem vorher festgelegten Preis zu einem späteren Termin zu erwerben, anders gesagt: Man wettete.
Fiktionalisierung des Realen
So entstand eine ganze Kette von für den Laien kaum durchschaubaren Ereignissen auf einem internationalen Markt, dessen Mechanismen sich endgültig verselbständigt hatten. Im Nachhinein wirkt es so, als wandelte die Welt in diesen Jahren des exzessiven Subprime-Geschäfts auf dem dünnen Eis der Fiktion: Häuser und Autos wurden gekauft, Ledergarnituren, Lebensmittel – das alles mit nicht vorhandenem Geld. Als diese liebevoll eingerichtete Blase platzte und die Schuldner vor den Trümmern ihrer Existenz standen, müssen sie sich vorgekommen sein wie auf einem futuristischen Holodeck, auf dem sich der Besucher per Computersimulation in seine Wunschwelt begeben kann.
Ist das Programm beendet, steht er freilich wieder nur in einer nüchternen Kammer. Eine explosive Zunahme von Phantasien also auf allen Seiten: hier die Banker, die nicht nur auf steigende Gewinne spekulierten, sondern auch immer neue, absurdere Finanzprodukte erfanden; dort die Anleger und Schuldner, die kurzzeitig ihre Hoffnung auf Wohlstand verwirklicht sahen. Die Börse als Traumfabrik.
In gegenläufiger Richtung
Der Roman indes, also jene Gattung, die lange Zeit als Chronik einer kapitalistischen Welt fungierte, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine dem ökonomischen Bereich genau entgegengesetzte Entwicklung vollzogen: Sein bevorzugter Stil ist der des vermeintlichen Realismus; vermeintlich deshalb, weil sich seine Stoffe, sein Vokabular und seine Struktur auf die Erfassung der Oberfläche eines unmittelbaren Umfelds konzentrieren. Aber nicht nur dessen phantastische Grundierung gerät dabei aus dem Blick, sondern auch der Sinn für Zusammenhänge.
Traditionell wäre es wohl die Aufgabe eines „großen“ Gesellschaftsromans à la Hermann Brochs „Schlafwandler“ oder Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, das Diffus-Abstrakte unserer Zeit zu veranschaulichen und zugleich auf den Punkt zu bringen. Doch wie soll man mit herkömmlichen Mitteln eine Vorstellung von jenen vierzig Billionen Euro vermitteln, die bei der Finanzkrise vernichtet wurden? Wie lassen sich die komplexen Kettenreaktionen der über die Welt verteilten Institutionen darstellen, die zum Einsturz des Marktes führten? Mit ihrer ungewöhnlichen Anlage und neuartigen Sprache stellen denn auch William Gaddis’ oder Ernst-Wilhelm Händlers Versuche, das ökonomische System zu erkunden, absolute Ausnahmen in der neueren Literaturgeschichte dar. Ja, selbst bloße Annäherungen wie Richard Fords „Die Lage des Landes“ oder Thomas Weiss’ „Tod eines Trüffelschweins“ sind rar.
So ist die Finanzkrise auch eine Krise des Romans. Weitgehend abhandengekommen ist ihm die Funktion als welterklärendes Instrument, das er in den Werken der klassischen Moderne oder bei Solitären wie David Foster Wallace noch besitzt. Eine kurz vor der Krise entstandene Dokumentation wie „Let’s make money“, die es spielend versteht, komplizierte globale Verwicklungen verständlich zu machen, zeigt, dass die Literatur ihre Monopolstellung als Barometer sozialer Umbrüche längst an den Film abgetreten hat.
Phantastische Gegebenheiten
Dazu erreicht eine weitere Entwicklung, die mit „Robinson Crusoe“ begann, heute ihren vorläufigen Höhepunkt: die der Kommerzialisierung der Literatur. Zwar ist man als Autor stets versucht, aus einem spätromantischen Gestus heraus die Branche als autonomen Bereich zu sehen, in dem es um Kunst und nur um sie geht. Jedes Buch ist aber sowohl Kunstwerk als auch Produkt; mehr noch: Der Literaturbetrieb bildet selbst einen Teil des Wirtschaftssystems. Diese unangenehme Wahrheit, die jedem idealistischen Künstler Unwohlsein bereiten muss, führt nicht selten zu einer Ausblendung alles Ökonomischen in den eigenen Arbeiten. Wird über die Zwänge des Marktes wiederum nicht reflektiert, droht der Autor von dessen Mechanismen vollends vereinnahmt zu werden. Idealismus wird so zu Naivität oder Borniertheit.
Es ist anzunehmen, dass wir in den Romanen der nächsten Saisons schon bald verstärkt von Maklern und Managern lesen werden. Es kann jedoch nicht damit getan sein, aus der Erleichterung heraus, endlich wieder ein „wichtiges“ Thema gefunden zu haben, in der bekannten Manier über arbeitslose Banker zu schreiben, die sich kein Sushi mehr leisten können. Diese Art der Karikatur innerhalb eines angeblichen Realismus verkennt die neuen phantastischen Gegebenheiten unserer Wirklichkeit und wird in absehbarer Zeit die völlige soziale Irrelevanz von Literatur zur Folge haben. Die Geschichte des Kapitalismus und des modernen Romans gehören zusammen – es ist wünschenswert, dass die sogenannte Krise auch im Literaturbetrieb, hat sie ihn einmal mit ganzer Wucht erreicht, zu nachhaltigen Veränderungen und einer Neubesinnung führt.
Wer läßt sich denn von Romanen die Welt erklären?
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 17.07.2009, 18:58 Uhr