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Zukunft des Kapitalismus (12) Ohne Aufstiegswille kein Kapitalismus

10.07.2009 ·  Allein mit sanften Methoden lassen sich die Finanzinvestoren nicht auf den Boden der Realität zurückholen. Nur durch umfangreiche Staatsmaßnahmen kann die polarisierende Dynamik des Kapitalismus gebändigt werden, meint der Soziologe Christoph Deutschmann.

Von Christoph Deutschmann
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Kapital, das im Überfluss vorhanden ist – kann es so etwas geben? Selbstverständlich, wird der informierte Leser antworten, der gegenwärtige Zustand der internationalen Kapitalmärkte mit einem immer noch gigantischen Überhang an nicht gedeckten Forderungen und auf null zurückgenommenen Zentralbankzinsen beweist es. Für die herrschende Wirtschaftstheorie verhält es sich nicht so einfach. Für sie sind Güter definitionsgemäß knapp, folglich auch Kapital als Inbegriff der Mittel zu ihrer Herstellung. Deshalb konnten die Verfechter der neoklassischen Theorie die Krise gar nicht voraussehen, sie kam in ihrem Weltbild nicht vor. Milton Friedman und die Theoretiker „effizienter“ Finanzmärkte wollten noch nicht einmal die Möglichkeit von Finanzmarktblasen einräumen.

John Maynard Keynes hatte schon zu Beginn der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre eine ganz andere Position vertreten. In einem Aufsatz über „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ wandte er sich gegen allzu großen Pessimismus. So schmerzhaft die aktuellen Probleme seien, seien sie doch nur ein Symptom dafür, dass der moderne Kapitalismus unablässig an der Überwindung des Menschheitsproblems der Knappheit der Güter und Ressourcen arbeite.

Das Kätzchen des Investors

In einem System, das die Bedürfnisse der Verbraucher mit immer geringerem Aufwand befriedige, werde es, wie Keynes später in seiner „General Theory“ präzisierte, immer schwieriger, profitable Investititionsgelegenheiten zu finden. Kapital aber, das nicht länger knapp ist, bringt auch keine Rendite mehr. Natürlich sei es nicht leicht, die Finanzinvestoren von ihrer Fixierung auf den Renditeanspruch abzubringen. Die staatliche Politik müsse auf eine „Euthanasie des Rentiers“ und auf eine „ziemlich umfassende Sozialisierung der Investitionen“ hinsteuern. Am Ende jedoch werde eine Ära der Muße und des Überflusses kommen. Der Finanzinvestor gleiche einem Menschen, der nicht seine Katze liebt, sondern „die Kätzchen seiner Katze; und in Wirklichkeit nicht die Kätzchen, sondern die Kätzchen dieser Kätzchen, und so fort bis zum Ende des Katzentums“. Pathologien dieser Art werde man an die Fachleute für psychische Erkrankungen verweisen.

Sind wir heute so weit? Einerseits ja, wie die Überliquidität an den Finanzmärkten zeigt, anderseits nein. Mit dem objektiv wachsenden Überfluss an anlagesuchenden Geldvermögen ist die Liebe der Anleger zum Geld keineswegs verschwunden. Im Gegenteil, sie hat sich, getrieben durch die Mechanismen einer globalen Finanzindustrie, nachgerade zu einer Gier gesteigert. Keynes’ Bild des modernen Kapitalismus erweist sich als noch zu einfach, trotz seiner vielen richtigen Intuitionen. Der Kapitalismus ist keine harmlose Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse mit möglichst effizienten Mitteln. Was er betreibt, ist schöpferische Zerstörung, die unternehmerische Eroberung des Eldorados der kreativen Möglichkeiten freier Lohnarbeit.

Der große Spalter

Ebenso wenig ist der Kapitalismus eine harmlose „Marktwirtschaft“ gleicher und freier Marktsubjekte. Er radikalisiert den Markt, indem er auch die Grundlagen gesellschaftlicher Reproduktion – den Boden und die Arbeit – dem Geldnexus unterwirft. Er verwandelt Geld in ein absolutes Mittel, indem er die unermesslichen Potentiale freier Lohnarbeit zum Gegenstand privater Eigentumsansprüche macht; bei der Liebe zum Geld handelt es sich folglich nicht bloß um eine individuelle Pathologie. Der Kapitalismus trennt das Haus vom Betrieb, die Produzenten von ihren Produktionsmitteln und spaltet die Gesellschaft in zwei Klassen, von denen die eine über Geld und Sachvermögen verfügt, die andere nur über ihre Arbeitskraft.

Dort, wo die Klassendichotomie nicht ständisch oder ethnisch verriegelt ist, gibt es für die Vermögenslosen die oft dennoch grundlose Hoffnung, sich durch innovative Leistungen am Markt sozial hochzuarbeiten und auf die andere Seite zu wechseln. Die durch das Freiheitsversprechen des Geldes motivierte unternehmerische Arbeit der Vermögenslosen wiederum nährt die Verwertung des Kapitals der Vermögenden. So entsteht ein System, das den schuldengetriebenen Zugriff auf das Neue zur Bedingung alltäglicher Bedürfnisbefriedigung macht und daher seiner Natur nach dynamisch ist. Es kann sich nicht auf gleicher Stufe reproduzieren, sondern nur wachsen oder schrumpfen.

Produktive Unterschiede

Es wäre naiv, an eine in diese Dynamik eingebaute Tendenz zum „Gleichgewicht“ zu glauben. Unter sehr spezifischen Bedingungen kann die kapitalistische Dynamik jedoch sehr wohl funktionieren: wenn es nicht nur den Klassenunterschied zwischen Vermögenden und Vermögenslosen, sondern zugleich eine wachsende, jugendliche, arme, aber nach sozialem Aufstieg strebende Bevölkerung gibt. Die gesellschaftlichen Institutionen sollten die Eigentumsrechte (auch die der Vermögenslosen) schützen; unterstützende soziale Netzwerke sollten vorhanden sein. Innovative Ideen sollten nicht nur den Spieltrieb der Ingenieure befriedigen, sondern in der ganzen Gesellschaft Resonanz finden und Unternehmer wie Arbeitskraft-Unternehmer zu Investitionen in neue Kombinationen motivieren.

Diese Bedingungen waren im Europa der industriellen Revolution gegeben, in den Vereinigten Staaten des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts mit ihren immer neuen Einwanderungswellen, geradezu beispielhaft im westdeutschen Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht heute (noch) in China, Indien und Brasilien. In den entwickelten Industrieländern – Westeuropa, Nordamerika, Japan, teils auch den ehemaligen asiatischen „Tigerstaaten“ – sind sie heute zweifellos nicht mehr gegeben.

Wohlstand für die breite Masse - und dann?

Hier wächst die Bevölkerung nicht mehr, sondern stagniert oder schrumpft; der wirtschaftlich aktive Teil der Bevölkerung geht zurück. Breite Mittelschichten haben sich gebildet, deren Angehörige nicht mehr um jeden Preis weiter nach oben streben. Geld ist zwar unvermindert beliebt; die Zahl der Vermögensrentiers und mit ihnen das Volumen der anlagesuchenden Geldvermögen wächst. Die unternehmerische Arbeit als notwendiges Gegenstück der Vermögen dagegen verliert an Attraktivität. Die Zahl der soliden, das heißt potentiell zahlungsfähigen Schuldner in den unteren Schichten geht relativ zurück, und die Vererbung der Vermögen und Bildungsprivilegien der Erfolgreichen sorgt dafür, dass die Vermögenslosen den Traum vom Aufstieg begraben.

Vor diesem Hintergrund kann die schon seit Jahrzehnten aufgestaute Überliquidität an den Kapitalmärkten, die sich in der aktuellen Krise entladen hat, nicht überraschen. Keynes hatte also recht mit seiner Prognose, ungeachtet der unzureichenden historisch-soziologischen Begründung. Das Problem des Kapitalismus liegt gerade in seinem eigenen Erfolg. Er mobilisiert die Individuen, manchmal sehr wirkungsvoll, mit seinem Versprechen eines Wohlstands für alle. Aber sollte sich diese Hoffnung wirklich für breite Massen erfüllen – was dann? Der Kapitalismus lebt von der Klassenpolarisierung zwischen Reich und Arm, von ihrer immer neuen Herstellung und dynamischen Überwindung. Er fordert Menschen, die auf die Zukunft hin leben. Lässt die Spannung nach, dann wird Kapital weniger knapp, die Rendite sinkt, und mit ihr lässt die Dynamik nach. Das aber bedeutet Krise und Armut mitten im Überfluss.

Bleibende Kapitalknappheit

Was folgt daraus für die Zukunft des Kapitalismus? Ich sehe zwei Möglichkeiten: Auf der einen Seite kann man mit gutem Recht argumentieren, dass von einer Überwindung der Kapitalknappheit auch heute noch nicht wirklich die Rede sein kann. Große Teile der Welt, insbesondere der afrikanische Kontinent, befinden sich noch in der Anfangsphase des kapitalistischen Aufbruchs, und der anstehende Übergang zu postfossilen Energiesystemen wird einen unermesslichen Kapitalbedarf erzeugen. Ein neuer, durch die Energiewende getriebener Wachstumszyklus könnte den Weg aus der Krise bahnen. Aber ein solcher Zyklus würde sich kaum im Selbstlauf durchsetzen, sondern massive, international koordinierte staatliche Interventionen voraussetzen.

Die zweite Möglichkeit ist, dass die Überliquidität der Kapitalmärkte zum Dauerproblem wird. Auch dann wären die demokratischen Nationalstaaten gefragt. Alles käme freilich darauf an, dass sie sich nicht in einen staatskapitalistischen Konkurrenzkampf hineintreiben lassen, der zu Staatsbankrotten, Währungszusammenbrüchen und sozialen Unruhen führen müsste. Es ginge darum, das Interesse des demokratischen Staates an sich selbst wahrzunehmen und die Erwartungen der Rentiers und Finanzinvestoren auf den Boden der Realität zurückzuholen, was wohl nicht nur mit sanften Mitteln geschehen könnte, wie Keynes glaubte.

Ende des Wachstumszwang

Liquidität müsste durch höhere Vermögensteuern abgeschöpft, Steueroasen müssten ausgetrocknet, größere Teile der Wirtschaft verstaatlicht, die Subsistenz der Bevölkerung vielleicht durch eine partielle Kollektivierung des Lohnfonds über die konventionellen Wohlfahrtssysteme hinaus gesichert werden. All dies müsste in einer international koordinierten Weise nach dem Vorbild des Systems von Bretton Woods geschehen.

Es würde nicht das Ende der Marktwirtschaft bedeuten, wohl aber das Ende der kapitalistischen Marktwirtschaft mit ihrem selbstreferentiellen Nexus von Geld und Arbeit. Es wäre eine sozial eingebettete Marktwirtschaft, die nicht mehr wachsen müsste, sondern sich auf die profane Reproduktion des Lebens beschränken könnte. Aber würden die Menschen es ertragen können, wenn die Geschichte so zu ihrem Ende käme? Ich wage keine Antwort.

Christoph Deutschmann lehrt Soziologie an der Universität Tübingen.

Quelle: F.A.Z.
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