http://www.faz.net/-gsf-137tl

Zukunft des Kapitalismus (11) : Was starrt ihr alle auf 1929?!

  • -Aktualisiert am

Schlangen in der großen Krise: Beim Berliner Postscheckamt versuchen Tausende, 1929 ihr Geld abzuheben Bild: picture-alliance/ dpa

So schlecht hat das deutsche Nachkriegsmodell nicht funktioniert, wie ihm seine Gegner jetzt gerne unterstellen. Deutschland tut genug und ist längst da, wo die Amerikaner es haben wollen. Aber die nächste Krise kommt bestimmt: die Rente!

          Wenn der Patient erkrankt, gibt man ihm Medizin. Ist der Patient gesundet, wird die Medikamenteneinnahme beendet. Kein Arzt käme auf die Idee, den Patienten medikamentensüchtig zu machen, weil er ja vielleicht wieder in zehn Jahren krank werden könnte. Dies aber ist das Gesundungskonzept Thomas Strobls für die deutsche Volkswirtschaft. Doch bevor wir zu der von ihm empfohlenen Therapie kommen, schauen wir uns doch zunächst einmal seine Diagnose an: Die Marktwirtschaft wird nicht nur „seit ihren frühesten Anfängen regelmäßig von Krisen heimgesucht“, sie bringt sich „neuerdings im Rhythmus von lediglich fünf bis zehn Jahren an den Rand der Selbstzerstörung“.

          Da ist uns etwas entgangen. Selbst in der großen Weltwirtschaftskrise 1929 hat sich das System der Marktwirtschaft nicht selbst zerstört, und diese hatte wahrlich andere Dimensionen als die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise. Mit einigen Zahlen lässt sich dies leicht demonstrieren. Damals waren in Amerika und in Deutschland Arbeitslosenquoten von mehr als fünfundzwanzig Prozent zu verzeichnen. Sollten wir in diesem Jahr ein negatives Wirtschaftswachstum von fünf Prozent zu verbuchen haben, fänden wir uns in etwa auf dem Niveau des Bruttosozialprodukts von 2005 wieder – wahrlich kein Traumergebnis, aber deutlich entfernt von Selbstzerstörung. Selbst die größten Pessimisten unter den Nationalökonomen sehen eine Wiederholung der gegenwärtigen Krise alle fünf bis zehn Jahre als kaum realistisches Szenario an.

          Der Staat als der schlechtere Bankier

          Schuld an der ganzen Misere in Deutschland ist laut Strobl der „Siegeszug der allgemeinen Liberalisierungs-Mantras“. Die Ursachen der Krise sieht er „im Wesen der Marktwirtschaft selbst“. Und so verwundert es nicht, dass er als Therapievorschlag denn auch die Verstaatlichung der Banken im Koffer hat. Auch diesbezüglich sollte man zunächst einmal die Fakten auf sich wirken lassen: Federführend im großen Spielkasino der gegenwärtigen Finanzkrise waren in Deutschland gerade die Landesbanken sowie als Vorreiter die IKB, wesentlich im Besitz der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau, bei der ein anderer Verstaatlichungsfreund, nämlich Oskar Lafontaine, im Aufsichtsrat sitzt. Die riesigen hier eingefahrenen Verluste sollen vermutlich als Leistungsausweis für eine noch größere Staatsrolle im Bankenwesen dienen. Man will den Bock zum Gärtner machen.

          Für den Steuerzahler beruhigend ist immerhin, dass die Vorstandsgehälter – bei der Linken als eine der Hauptursachen der gegenwärtigen Krise erkannt – in diesen Instituten im Gegensatz zur Privatwirtschaft von überschaubarer Größe sind. Da fällt es einem fast leicht, ein paar hundert Milliarden Euro zu spendieren. Störend wirkt dabei allein die Tatsache, dass die Privatwirtschaft selbst im gegenwärtigen Niedergang noch einige positive Nachrichten zu vermelden hat. Der Deutschen Bank und ihrem Vorsitzenden Ackermann wird es in diesen Kreisen übelgenommen, auch in der Krise mehr oder weniger verantwortlich gewirtschaftet zu haben und auf Staatshilfe bisher verzichten zu können. Und die Deutsche Bank ist keine Ausnahme: Zahlreiche Privatbanken weisen den Gedanken an Staatshilfe von sich.

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Topmeldungen

          Bundeswehr : Zehn Millionen Deutsche sind nun Veteranen

          Verteidigungsministerium und militärische Verbände legen einen jahrelangen Streit bei. Die Grünen sprechen von Herummogelei – und die Linken von einem Verklärungsversuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.