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Legitimationsprobleme der Banker Es war Dummheit!

24.10.2011 ·  Seit das Volk gegen sie protestiert, haben die Banker ein Legitimationsproblem. Zu Recht! Warum wir den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern retten sollten - vor ihnen.

Von Claudius Seidl
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Der Staat, sagen jetzt die Banker, sei ein schlechter Banker: Man darf ihm nicht die Kontrolle überlassen.

Kann schon sein, ist vermutlich richtig.

Aber wer in den vergangenen drei, vier Jahren aufmerksam war; und erst recht, wer betroffen war, weil er sich, in Deutschland, womöglich jenen Schrott hat aufschwatzen lassen, der im Jargon der Banker „innovatives Finanzprodukt“ hieß; oder wer, in Amerika, sich von seiner Bank überreden ließ, eine Hypothek aufs längst bezahlte Haus aufzunehmen, weil sich damit die angebliche Wertsteigerung so unbeschwert verjubeln ließ: Der weiß heute, dass auch die Banker verdammt schlechte Banker sind.

Und er wird ihnen jenes Image- und Legitimationsproblem von Herzen gönnen, welches sich auch an diesem Wochenende wieder darin zeigt, dass es nicht der schwarze Block ist, der gegen die Macht der Banken demonstriert, und auch nicht die kommunistische Partei. Sondern der sogenannte Bürger, der vielleicht ein Sparbuch hat, einen Job, geputzte Schuhe. Und vor allem einen Zorn, für den es Gründe gibt.

Das war vielleicht nicht ganz illegal

Es sei eigenartig, hat in der vergangenen Woche die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben, „dass sich der Zorn der Straße erst jetzt gegen die Banker entlädt und nicht vor drei Jahren - als sie es nämlich verdient hätten“. Worauf man, gerne von der Straße aus, nur antworten kann: Hat sich aber jemand geändert in dieser Zeit? Hat sich jemand entschuldigt? Haben jene Investmentbanker, die zweistellige Millionensummen allein dafür bekamen, dass sie besonders viel von dem innovativen Finanzschrott in Umlauf brachten, ihre Inkompetenz bekannt, ihre Häuser auf Long Island verkauft, ihr Vermögen den Armen gespendet und sich um ein freiwilliges soziales Jahr beworben, in den Vorstädten von Detroit oder den Problembezirken von Berlin?

Hat irgendwer bei der Deutschen Bank inzwischen ein paar erklärende Worte darüber gesagt, wie es dazu kommen konnte, dass die amerikanische Tochterbank einerseits mit dem Finanzschrott handelte - und andererseits auf dessen Wertlosigkeit spekulierte? Was vielleicht nicht ganz illegal war. Aber ungefähr so seriös, wie wenn mein Arzt mir eine Therapie verordnete, von deren Schädlichkeit und Wirkungslosigkeit er längst überzeugt ist.

Sie hatten einfach keine Ahnung

Nein, dies hier ist kein Aufruf zur Verstaatlichung der Banken und zur Abschaffung des Kapitalismus, ganz im Gegenteil - und zu den dümmsten und lächerlichsten Wortmeldungen dieser Tage gehört die Rede der Gesine Lötzsch auf dem Parteitag der Linken, in welcher es darum ging, dass die Banken, die Spekulanten und andere Kapitalisten in Griechenland ein Exempel statuieren wollten: auf dass die gesamte westliche Welt wieder lerne, die Macht des Geldes zu fürchten.

O je, möchte man da rufen, hinaus auf die Straße, wo das Volk noch ganz furchtlos demonstriert: Was für ein Blödsinn! Es war keine Verschwörung, es war auch keine diabolische Intelligenz, kein macchiavellistisches Kalkül, was zu jenem Crash führte, dessen Folgen noch immer nicht bewältigt sind. Es waren Dummheit und Gier, Inkompetenz, Kurzsichtigkeit und Arroganz, es waren Banker, denen man noch nicht einmal Bösartigkeit unterstellen kann. Sie hatten nur keine Ahnung, was sie da taten - und wer wirklich wissen will, wie überwältigend diese Ahnungslosigkeit war, der kann getrost das Parteiprogramm der Linken vergessen und sollte auch nicht zuhören, wenn SPD und Grüne nur ihre Ressentiments auf den neuesten Stand bringen. Besser sollte er Michael Lewis lesen, den Autor der Stunde: Sein neues Buch „Boomerang“ ist soeben auf Englisch erschienen (Deutsch im November).

Warum sitzen sie noch in Büros, nicht in Zellen?

Wer es ein bisschen genauer wissen will, fängt am besten mit „The Big Short“ an (F.A.S. vom 9.5.2010), einer Chronik der Krise, geschrieben aus der Perspektive jener Leute, die den deutschen Linken für die Schlimmsten gelten, weshalb man sie gerne in Tiergestalt malt: Heuschrecken, Haie, Hyänen. Für Lewis ist die Spekulation gewissermaßen eine Wahrheitsmaschine - und der Hedgefonds-Manager Steve Eisman, einer seiner Helden, ist der Mann, der nicht nur bald erkannt hat, dass der ganze Boom mit den Ramschhypotheken ein gigantisches Programm zur Enteignung der unteren Schichten war. Er beschimpfte auch jeden Wall-Street-Boss als kompletten Idioten und fragte sich auf jedem Kongress, laut und unhöflich, warum diese Leute in schicken Büros hocken und nicht vielmehr im Gefängnis. Er übte aber nicht nur verbale, sondern auch praktische Kritik, indem er gegen die Banken wettete. Und ihnen, als der Crash kam, ein paar Milliarden Dollar abnahm.

Lewis’ Deppen sind all jene Investmentbanker, die, weil die Immobilienpreise dreißig Jahre lang gestiegen waren, sich nicht vorstellen konnten, dass sie einmal fallen würden. Howie Hubler verdiente 25 Millionen Dollar im Jahr dafür, dass er besonders viel Ramsch verkaufte; als er seiner Bank Morgan Stanley den sensationellen Verlust von neun Milliarden gesichert hatte, musste er gehen, mit einer nur einstelligen Millionensumme als Abfindung.

Hilfestellung beim Verschleiern

Die Rating-Agenturen, die die Wertlosigkeit der Papiere hätten erkennen müssen, waren so ahnungslos, dass man ihnen heute nicht einmal mehr glauben möchte, wenn sie einem das Datum oder die Uhrzeit sagen. Und wie sich die Europäer von all dem inspirieren ließen, beschreibt Lewis in seinem neuen Buch. In Island war man so inspiriert von der Erkenntnis, dass Finanzkapitalismus darin bestehe, einander einfach nur Papier zu verkaufen, dass man dort ein Modell entwickelte, welches, schreibt Lewis, ungefähr so funktioniert: Wenn ich dir meine Katze um 500 Millionen verkaufe und du mir deinen Hund um dieselbe Summe, haben wir beide diesen Wert in unseren Büchern und können uns ein paar schöne Firmen kaufen. In Irland befeuerte allein der Glaube an einen Grundstücksboom die Investmentfirmen, einander so heftig zu überbieten, bis das kleine Irland fast so viel wert war wie Japan. Leider wollte dann doch niemand irische Grundstücke kaufen, noch nicht einmal die Iren. Die Verluste stottern jetzt die Steuerzahler ab. Und als die Griechen merkten, dass sie ihre irren Defizite verschleiern mussten, half ihnen ein Kompetenzteam von Goldman Sachs.

Was, wenn man das gelesen hat, herauskommt, ist nicht etwa der Schluss, dass man den Kapitalismus abschaffen müsse. Sondern dass er dringend gerettet werden sollte. Aber wenn wir, die Steuerzahler, die Banken mal wieder retten sollen, dürfen wir schon fragen: Vor wem? Vor welchen Bankern retten wir sie?

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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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