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Veröffentlicht: 11.08.2012, 12:15 Uhr

Gespräch zur Krise mit Meinhard Miegel Das System ist am Ende, das Leben geht weiter

Als die Politik sich 2009 zur Überwindung der amerikanischen Immobilienkrise gratulierte, warnte Meinhard Miegel im F.A.Z.- Interview bereits mit den Worten „Staaten werden wackeln“ vor der nächsten, größeren Krise - ein Anlass zur Nachfrage.

© Edgar Schoepal Meinhard Miegel im Wissenschaftszentrum Bonn, August 2012

Unser letztes Interview liegt etwas länger als drei Jahre zurück. Damals hatte sich die Welt vom Schock der amerikanischen Hypothekenblase, dem Untergang von Lehman Brothers, erholt; alle feierten die rasche Reaktion der Politiker und erklärten die Krise für überwunden. Sie nicht. Sie erklärten vielmehr, derzeit werde die nächste Blase mit Staatsgeldern aufgepumpt, und erklärten: In der nächsten Krise, die jetzt vorbereitet wird, werden Unternehmen, Banken und Staaten wackeln.“ Wie beurteilen Sie Ihre Prognose heute?

MIEGEL (lacht): Was soll ich dazu sagen? Schneller als gedacht wanken ja mittlerweile viele Staaten. Und was wird dagegen unternommen? Noch mehr vom Gleichen! Ungedeckte Wechsel und weitere Schulden! Versucht wird also abermals, eine platzende Blase durch eine neue, noch größere zu ersetzen. Diese möge dann, so das Hoffen und Harren mancher, in nicht zu ferner Zukunft in einem großen schwarzen Loch verschwinden. Doch diesen Gefallen wird sie uns nicht tun. Vielmehr wird auch sie platzen und voraussichtlich die ganze Welt in Mitleidenschaft ziehen. Eine wahrlich bemerkenswerte Vorgehensweise oder genauer: eine halsbrecherische Strategie. Ich halte sie für aberwitzig, nur noch aberwitzig.

Sie sprachen damals auch von einer finalen Krise und zitierten Meinungen, die diese für das Jahr 2015 oder früher erwarteten.

Diese Krise wird kommen, weil sie kommen muss. Zwar bedeutet „final“ nicht, wie manche meinen, dass dann alles zu Ende ist. Das wäre völlig ahistorisch und wirklichkeitsfern. Das Leben wird weitergehen. Enden wird jedoch die seit Jahrhunderten dominante Verhaltensmaxime der Expansion um jeden Preis, des ständigen Höher, Weiter und Schneller. Diese Maxime ist gerade dabei, sich ad absurdum zu führen. Mit ihr sind nämlich die Menschen nach einer langen Phase materieller Wohlstandsmehrung in eine Sackgasse geraten, und jetzt streiten sie darum, wie dieser wieder entkommen werden kann. Mit einem Weiter-so jedenfalls nicht. Doch zu alternativen Wegen können sich viele noch nicht durchringen.

Bleiben wir zunächst bei der Eurokrise. Wie analysieren Sie deren Ursachen?

Hier möchte ich zwischen zwei Ursachenbündeln unterscheiden: Fehlern bei der Schaffung und Handhabung des Euro und der eben angesprochenen Erschöpfung einer Verhaltensmaxime - ich könnte auch sagen: Ideologie. Zum Ersten: Bei der Schaffung des Euro ging man davon aus, es wäre grundsätzlich möglich, einer Vielzahl unterschiedlicher Länder eine gemeinsame Währung überstülpen zu können. Dem lag die Vorstellung zugrunde, Währungen und Geld wären primär wirtschaftlich determiniert und mithin eine Angelegenheit von Ökonomen, Finanzexperten und vielleicht noch Juristen. Das aber ist falsch. Viel maßgeblicher sind mental-kulturelle Faktoren. Menschen, die über eine gemeinsame Währung verfügen, sollten sich in kulturellem Gleichklang befinden und sehr ähnliche Wertvorstellungen haben. Vor allem aber müssen sie so vertraut miteinander sein, dass sie einander trauen. Denn Geld ist ja nichts anderes als eben ein solches Vertrauen. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, wird es mit einer gemeinsamen Währung schwierig. Dann können auch wirtschaftliche und fiskalische Ausgleichsmaßnahmen im Ergebnis wenig bewirken. Sie können mentale und kulturelle Unterschiede bestenfalls ein wenig kaschieren; beseitigen können sie sie nicht. Und hier nun stehen die Europäer vor einer essentiellen und möglicherweise sogar existentiellen Frage: Sollen sie einer gemeinsamen Währung wegen ihre kulturellen Unterschiede einebnen? Das aber müssten sie, um mit einer gemeinsamen Währung erfolgreich zu sein. Ich bin da sehr zögerlich. Denn diese Unterschiede machen für mich Europa zu Europa. Das zeigt schon ein Blick auf die Weltkarte. Da sind diese riesigen homogenen Blöcke in Nord- oder Südamerika oder Asien. Und dann ist da dieses farbige Krisselkrassel Europa. Passt das wirklich unter eine Währung? Ich meine, hierüber muss noch einmal gründlich nachgedacht werden.

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