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Deutsche Bahnhöfe : Freie Fahrt für den Ignoranz-Express

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So schön könnte es aussehen, so wird es nicht sein: Die Bahn AG lehnt den Siegerentwurf des von ihr selbst ausgeschriebenen Wettbewerbs für den Neubau den Münchner Hauptbahnhofes ab Bild: Auer + Weber

Chronische Nachrichten vom aktiengesteuerten Banausentum: Die Deutsche Bahn versagt als Bauherr mit geradezu ungenierter Sturheit. So lässt sie die Bahnhöfe als wichtige öffentliche Räume in architektonischer Beliebigkeit verkommen.

          Frankfurts Bahnhofplatz ist kein Platz. Wo historische Fotografien ein elegantes Arrangement aus Boulevards, Verkehrs- und Grüninseln zeigen, spreizt sich heute ordinäres Chaos. Vor verstümmelten Gründerzeitfronten und hingeschluderten Betoncontainern winden sich Fahrbahnen und Gleise wie heillos verknäulte Stromkabel, klaffen unvermittelt Eingänge in Unterführungen, kämpfen Dutzende Ampeln und Zebrastreifen vergeblich mit dem Moloch Verkehr, bilden Bordsteine und Haltestellen, chronisch verstopfte Kurzzeitparkplätze und überfüllte Taxistände zusätzliche Barrieren, deprimieren krüppelbegrünte Betonkübel und einzelne, hilflos gegen das Schmuddelgrau ankämpfende Sonnenschirme.

          Seit Jahrzehnten versuchte die Stadtplanung vergebens, Abhilfe zu schaffen. Doch im Jahr 2009 keimte Hoffnung auf: Ein Wettbewerb brachte einige annehmbare Lösungen zur Neugestaltung des Bahnhofsplatzes. Umso größer ist nun die Enttäuschung des Magistrats und der Bürger, seit in der vergangenen Woche die Deutsche Bahn (DB) bekanntgab, sie werde sich nicht an den Kosten beteiligen, wolle lieber auf die Modernisierung der B-Ebene setzen, einer heruntergekommenen Ladengalerie samt U- und S-Bahn-Zentrum unterm Bahnhof.

          Ein Flickwerk aus Rummelplatz, Frittenbude und Billigmarkt

          Man ist enttäuscht, aber nicht erstaunt. Denn wie zur Bestätigung ihrer Selbstherrlichkeit hatte die Bahn einen Tag zuvor München mit der Bekanntgabe überrumpelt, sie werde den 2006 preisgekrönten Entwurf für den dortigen neuen Hauptbahnhof nun doch nicht bauen. Und am Montag dieser Woche forderte das Unternehmen nach einem Treffen zwischen Bahnchef Rüdiger Grube und dem neuen Verkehrsminister Baden Württembergs, Winfried Hermann, bis zum kommenden Montag verbindliche Aussagen zum Projekt Stuttgart 21 ein. Komme es nicht dazu, werde die Bahn die einstweilen ruhenden Bauarbeiten für den umstrittenen neuen Tiefbahnhof unverzüglich weiterführen.

          Wer zu seinen Hobbies den Hindernislauf rechnet, ist hier gut aufgehoben: Vorplatz des Frankfurter Hauptbahnhofs

          Er sei, so begründete Grube das Ultimatum, vom „Aktiengesetz verpflichtet, Schaden vom Unternehmen fernzuhalten“. Dass für die Bahn seit langem das Wohl des Unternehmens über allem, auch dem Wohl der Millionen Bahnkunden und dem der Bürger steht, braucht man in Frankfurt niemandem zu erzählen. Schließlich bezeugt Frankfurts Hauptbahnhof, der nicht nur Lokalpatrioten als schönster Gründerzeitbahnhof Europas gilt, drastisch, dass die Bahn sich einzig um die eigenen Belange kümmert und nach Gutdünken mit ihren Bauten verfährt. Zwischen 2002 und 2007 wurden zwar die historischen Glasdächer und Tragwerke der Bahnsteighallen mustergültig restauriert. Die Hauptattraktion versprach die Empfangshalle zu werden, deren kolossale, römischen Kaiserthermen nachgebildete Gewölbe, Pfeiler und Arkaden aus piefigen Verkleidungen der fünfziger und siebziger Jahre geschält werden sollten. Doch auf halber Strecke ging der Bahn die Puste aus. Seither prunkt die Südhälfte der Halle wieder mit distinkter Eleganz, die Nordseite dagegen bietet sich weiterhin als Flickwerk aus Rummelplatz, Frittenbude und Billigmarkt dar.

          Auch Aschaffenburg erhielt nur einen Standardbahnhof

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