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Kapitalismus : Das Ende des Plunders

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Das könnten sie auch einfacher haben: Würden die Menschen Zeit statt Plunder verschenken, müssten sie sich nicht, wie hier in Freiburg, durch die Fußgängerzone zur Weihnachtszeit quetschen. Bild: dpa

Die weihnachtliche Hochzeit des Konsums beruht darauf, Menschen Dinge anzudrehen, die sich nicht brauchen. Was passiert, wenn man das System auf den Kopf stellt? Eine Absage an die spätkapitalistische Absurditätskultur.

          Im Kapitalismus ist nicht immer Weihnachten, und schon gar nicht für alle, aber Weihnachten ist immer ganz besonders viel Kapitalismus. Zu keinem Anlass wird mehr sinnloses Zeug angeboten und gekauft, und das will etwas heißen, schöpft doch die Wachstumswirtschaft ihr Wachstum ohnehin vor allem daraus, dass sie in Menschen Wünsche nach Dingen weckt, von denen die zuvor noch gar nicht wussten, dass sie sie jemals hegen würden. Das führt dann nicht selten zur Anschaffung von Produkten, die es nur deshalb gibt, weil sie von anderen Produkten gebraucht werden. Bei Ikea etwa, dem Unternehmen, dem das historische Verdienst zukommt, Möbel in Wegwerfartikel transformiert zu haben, gab es vor Jahren die „Regalfigur“, eine putzige Miniskulptur, die ausschließlich zu dem Zweck existierte, das gleichfalls bei Ikea gekaufte Regal zu füllen.

          Diese Regalfiguren waren zwar ästhetisch immer noch hochwertiger als zum Beispiel die zur Möblierung von Oligarchen-Wohnzimmern vorgesehenen Jeff-Koons-Skulpturen, stellten aber ebenfalls nichts anderes dar als eine Materie gewordene Variante des Satzes, dass Menschen in Schwierigkeiten geraten, wenn sie schon alles haben, was sie brauchen. Meist verwenden sie dann ihre überflüssige Kaufkraft auf etwas Unbrauchbares, unter dem sie leiden können. Und kaufen sich zum Beispiel den neuesten Plasma-Fernseher, der mit 140 Zentimetern Bildschirmdiagonale zwar theoretisch die Nasenhaare älterer männlicher Talkshowgäste brillant zur Geltung bringt, in der Regel aber in Zimmern zu stehen kommt, die nur zwölf Quadratmeter groß sind, weshalb der Besitzer auf die Straße gehen muss, wenn er das Bild tatsächlich scharf sehen will. Oder er schafft sich mit einem sogenannten SUV ein Auto an, dass ihm, weil er damit in keine Parkgarage mehr kommt, am Bein hängt wie den aus dem Gefängnis entflohenen Dalton-Brüdern die Eisenkugel.

          Mangel besteht nur an der Zeit

          Und wer leidet nicht unter Geschenken, die keiner braucht? Seit das Passivkochen durch Fernsehköche in Mode gekommen ist, nimmt das Verschenken von Kochbüchern epidemische Ausmaße an, aber davon bleiben allein in Deutschland jährlich viereinhalb Millionen in ihrem Plastik eingeschweißt und werden nie benutzt. Von all den ungetragenen Pullovern, unbenutzten Werkzeugen, ungehängten Bildern und ungenießbaren Weinen ganz zu schweigen.

          Schluss mit all dem Plunder, dachte sich der Designer und Agentur-Chef Michael Volkmer aus Wiesbaden, und erfand das Web-Portal „Zeit statt Zeug“. Denn der wahre Mangel besteht ja in der spätkapitalistischen Absurditätskultur nicht an Dingen, sondern an Zeit. Zeit kostet, anders als das Sprichwort behauptet, nichts, ermöglicht aber eine Menge: etwa nachzudenken, sich mit Freunden zu treffen, Skat zu spielen oder auch nichts zu tun, wofür Gerhard Polt das wunderbare Verb „sinnlosen“ erfunden hat. Auf www.zeitstattzeug.de kann man sich daher Geschenkanregungen anderer Art holen: zum Beispiel jemandem den Keller aufzuräumen, ihm einen Spaziergang zu schenken, während man die Arbeit macht, die die dafür erforderliche Zeit eigentlich beanspruchen würde, und so weiter. Man schenkt also Waldluft statt Parfüm oder Vorlesen statt Buch, Zoobesuch statt Stofftier, also immer: Aktivität statt Material.

          Kettenreaktion von Geschenkideen

          Das Schöne daran ist, dass das Zeitstattzeug-Portal nicht mit der Veggie-Day-Miesepetrigkeit von Jürgen Trittin daherkommt, sondern erstens höchst attraktiv gemacht ist (weil Volkmer von der zutreffenden Annahme ausgeht, dass auch die Aufforderung zur Verhaltensänderung ohne anständige Warenästhetik nicht verfängt) und zweitens die politische Eleganz eines guten Vorschlags aufweist, der umgehend die Produktion eigener Ideen nach sich zieht. Und damit die nun nicht wieder im eingeübten Konjunktiv („man müsste mal . . .“) steckenbleiben, gibt es gleich die Funktion, der Person, der man zeitmäßig Gutes tun möchte, eine diesbezügliche Geschenk-Mail zukommen zu lassen.

          Wenn man die losgeschickt hat, fällt einem zunächst schockartig, nach längerem Nachdenken aber freudig ein, dass diese Art Geschenk durchaus zwei Seiten hat, muss man doch die Zeit, die man gibt, sich selbst gleich auch nehmen, so dass die Freude, die man gibt, wie schon das Poesiealbum wusste, direkt ins eigene Herz zurückkehrt. Eine schöne Art der Selbstverpflichtung. Jetzt muss noch die komplette Medienlandschaft der Bundesrepublik sämtliche vorweihnachtliche Geschenkempfehlungen gegen „Zeitstattzeug“ austauschen, und die Anbieter von Kram und Plunder erleiden jene schweren Umsatzeinbußen, die die Welt dringendst braucht, besonders zu Weihnachten.

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