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Kanzlerin im Abendland : Sie ist nicht der Staat – oder doch?

St. Michael-Jahresempfang der deutschen Bischöfe mit Angela Merkel und Kardinal Reinhard Marx (links) Bild: dpa

Schöne neue Welt zwischen Thron und Altar: Warum Angela Merkel und Reinhard Kardinal Marx mehr als der Islam dazu beitragen, dass das christliche Abendland in Deutschland schwächelt.

          Sie findet es „irgendwie komisch“, dass die Debatte um die Islamisierung Europas sich immer nur an den Islam richte und nicht - „bitte schön, ein bisschen mal“ - auch ans Christentum (immer wieder eigentümlich, dieser Merkelsche Wuschel-Ton, mit dem sie auch komplexe rechtliche oder theologische Sachverhalte so gefühlig bespricht, als recke und strecke sie sich noch vor der ersten Tasse Kaffee). Aber wo die Kanzlerin recht hat, hat sie recht. Und eben hier, bei der religionspolitischen Komik der Flüchtlingsfrage, muss man einfach mitschmunzeln, wenn Angela Merkel schmunzelt. Da trifft sie ins Schwarze, da liefert sie die richtigen Stichworte zur „geistigen Situation der Zeit“ (Jaspers, Habermas).

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Oder stimmt es etwa nicht, was sie neulich bei einem Bürgergespräch in Bern sagte, als sie angesprochen auf die augenscheinlich drohende Islamisierung Europas antwortete: „Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Wir haben doch alle Chancen und Freiheiten, uns zu unserer Religion, sofern wir sie ausüben und an sie glauben, zu bekennen. Und wenn ich etwas vermisse, dann haben wir doch auch den Mut zu sagen, dass wir Christen sind, aber auch bitte schön die Tradition, mal wieder in den Gottesdienst zu gehen oder ein bisschen bibelfest zu sein oder vielleicht auch mal ein Bild in einer Kirche noch ein bisschen erklären zu können. Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, es ist mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass sich Muslime im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und wir mehr Kenntnis darüber haben.“

          Der Heilige Geist, der kirchlicherseits zu Pfingsten gefeiert wird, schreibt bekanntlich auf krummen Zeilen gerade - und das, was Angela Merkel hier sagte, war, wie gebogen auch immer formuliert, geradeaus gedacht, empirisch überprüfbar (die Pfingst-Aufsätze sollte man mal schreiben lassen) und gleichsam die bedenkenswerte Kehrseite ihrer rechtsvergessenen, auf Bilder, die um die Welt gehen, ausgerichteten Kirchentags-Politik. Tatsächlich wundert man sich ja, wie inbrünstig christliche Werte hochgehalten werden, wenn ihr Verlust durch den Islam beschworen werden soll. Merkels pfingstliche Gegenthese zum geistigen Eintopf der Abendlands-Retter lautet denn auch: Wenn das Christentum in Deutschland schwindet, dann nicht, weil es vom Islam abgeschafft wird, sondern weil es sich selbst abschafft.

          Ein Triptychon

          Drei Bilder, die zeigen, dass die Kanzlerin Recht hat in puncto sich-an-die-eigene christliche Nase fassen.

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