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Streit ums Alte Testament : Hiobs Botschaft

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Gott erschafft Adam: kolorierter Holzschnitt von Michael Wolgemut aus der Schedelschen Weltchronik von 1493 Bild: Ullstein

Kann man das Alte Testament einfach herauskürzen aus der christlichen Lehre, wie ein Berliner Theologe vorschlägt? Oder zeugt dieser Vorschlag von Antisemitismus und Ahnungslosigkeit?

          Wer eine alte Luther-Bibel zur Hand nimmt, findet nicht nur das Alte und das Neue Testament. Schon seit reformatorischer Zeit wurden zwischen den beiden Testamenten auch die „Apokryphen“ aufgenommen, im 1. und 2. Jahrhundert vor Christus entstandene Texte, denen man zwar keinen kanonisch verbindlichen Rang zuerkannte, die aber als hilfreich zum besseren Verständnis der im Kanon gesammelten Schriften galten. Es waren teils Zusätze zu alttestamentlichen Büchern, die nur in griechischer Sprache überliefert waren, teils eigenständige Schriften, die die Auseinandersetzung altisraelitischer Frommer mit dem Hellenismus spiegelten und eine innere Einheit von Gottes Gesetz mit der Weisheit der Schöpfung erweisen sollten.

          Die Bücher des Alten wie des Neuen Testaments galten den Reformatoren demgegenüber als „Heilige Schrift“. Wie schon die Theologen der Alten Kirche und des Mittelalters mussten die protestantischen Schriftgelehrten deshalb Theorien zum Verhältnis der beiden Testamente entwickeln. Das war eine schwierige, anspruchsvolle Aufgabe.

          Streitpunkt im 3. und 4. Jahrhundert

          Denn der Wanderprediger Jesus von Nazareth war ein frommer Jude, und seine Jünger, die Apostel, waren es auch. Jesus wollte das Judentum seiner Zeit religiös erneuern, aber keine neue Religion gründen. Erst als einige seiner Anhänger Jesu Kreuzestod, also sein Scheitern, zum Sieg seiner Auferstehung umdeuteten, lösten sich die an Jesus Christus Glaubenden allmählich aus jüdischen Lebenswelten.

          Die Hebräische Bibel, die sie das Alte Testament nannten, behielten sie dennoch bei. Dies führte schon im 3. und 4. Jahrhundert unter christlichen Gelehrten zu viel Streit. Einige bestritten, dass das Alte Testament für die Christen überhaupt wichtig sei. Andere erklärten, dass es zwar im Gottesdienst zu lesen, aber weniger bedeutsam als das Neue Testament sei. Wieder andere entwickelten Modelle einer inneren Zuordnung der beiden Testamente: Im Neuen Testament sei erfüllt, was das Alte Testament verheißen habe. Der gnädige Gott der Liebe, der in Jesus Christus zum Heile aller Sünder Mensch geworden sei, habe den strafenden Richtergott des mosaischen Gesetzes abgelöst.

          Fixierung auf die Herkunftsgeschichte

          Besonders erfolgreich setzte eine Begrifflichkeit sich durch, die das Verhältnis von Altem und Neuem Testament in der Grundunterscheidung von „partikular“ und „universal“ bestimmte: Im Alten Testament sei es um den Bund Gottes mit Israel gegangen. So sei es Zeugnis einer nur besonderen, partikularen Offenbarung Gottes an sein auserwähltes Volk. Im Neuen Testament hingegen gehe es um seine Selbstoffenbarung in Jesus Christus für alle Menschen.

          Doch welche Modelle der Zuordnung der beiden Testamente christliche Theologen auch immer entwickelten – sie standen fortwährend unter dem Zwang, die Identität des Christlichen durch Bezug auf den jüdischen Ursprung und zugleich durch dessen Negation zu betonen. Das Neue Testament ist in seinen Bildern, Gleichnissen, Motiven und Zitaten ohne das Alte gar nicht verständlich. Aber es soll zugleich etwas ganz Eigenständiges, Neues sein.

          So blieben die christlichen Theologen auf die eigene Herkunftsgeschichte aus jüdischen Glaubenswelten fixiert, die sie doch immer auch relativieren mussten. Ihre Zuordnung von Altem und Neuem Testament lief deshalb fortwährend auf Überbietung des Alten durch das Neue hinaus. Allen Christentümern sind konstitutiv Elemente von Negation des Jüdischen oder Antijudaismus eingestiftet.

          Charlton Heston als Moses in Cecil B. DeMilles Film „Die zehn Gebote“ aus dem Jahr 1956
          Charlton Heston als Moses in Cecil B. DeMilles Film „Die zehn Gebote“ aus dem Jahr 1956 : Bild: Picture-Alliance

          Der in Chicago lehrende Mediävist David Nirenberg hat in einer glänzenden, soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Studie „Anti-Judaismus. Eine andere Geschichte des westlichen Denkens“ gezeigt, dass christliche Denker und ihre säkularen Erben dabei oft gar nicht reale, sondern bloß imaginierte Juden meinten. Besonders unter Theologen war es beliebt, innerchristliche Gegner als Juden zu denunzieren, als Leute, die noch in falschem Denken befangen seien.

          An uralte theologische Konflikte muss erinnern, wer die aktuelle Aufregung um eine behauptete Wiederkehr von Antijudaismus in der protestantischen Universitätstheologie Deutschlands verstehen will. In einem Graduiertenkolleg des „Theologischen Arbeitskreises Pfullingen“, einem eingetragenen Verein kirchennaher und an sehr speziellen dogmatischen Sprachspielen interessierter protestantischer Theologieprofessoren, hatte der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrende Systematische Theologe Notger Slenczka 2013 einen schon im ersten Satz als Provokation angekündigten Vortrag über „Die Kirche und das Alte Testament“ gehalten.

          Gemeinsam mit vier weiteren beim selben Anlass von protestantischen Professoren gehaltenen Vorträgen erschien sein Text bald in einem akademischen, „Das Alte Testament in der Theologie“ betitelten Jahrbuch.

          Natürlich war mit „Theologie“ die eigene gemeint, und da es „den Pfullingern“ auch um Netzwerkbildung und Berufungspolitik im Fach geht, waren Juden und Katholiken gar nicht erst eingeladen; man bedarf ihrer nicht, um selbst zu bestimmen, wozu man das Alte Testament braucht oder sich aneignet.

          Kaum jemand nahm von all dem Notiz, vielleicht auch deshalb, weil sowohl die Herausgeber als auch die anderen Autoren des Bandes klar erkennbar zu Slenczka auf Distanz gegangen waren. Denn der Berliner Systematiker, derzeit stellvertretender Vorsitzender des Vereins, hatte Dinge behauptet, die schlicht nicht zutreffen, etwa dass Christen in ihrer Frömmigkeitspraxis Texten des Alten Testaments „faktisch ... einen minderen Rang im Vergleich zu den Texten des Neuen Testaments zuerkennen“.

          Und was ist mit den Psalmen?

          War dieser Theologieprofessor niemals bei einer christlichen Beerdigung, in der mit Psalmen unserer Sterblichkeit gedacht wurde? Hat er niemals über Texte aus der Genesis gepredigt, Geschichten vom befreienden Exodus aus Zwang und Gefangenschaft nacherzählt oder mit Hiob an Gott gelitten? „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade des Herrn aber währt von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Brauchen wir solcher Texte nicht mehr zur religiösen Selbstreflexion?

          In den sogenannten „Perikopenordnungen“, den Vorgaben der evangelischen Landeskirchen für die in den Gottesdiensten zu lesenden Bibeltexte, ist das Alte Testament in den letzten 30 Jahren deutlich aufgewertet worden. Denn es bietet einen reichen Schatz wunderschöner religiöser Lyrik über Leben und Sterben, auch Glück und Leid, spannende Geschichten über Hoffnung und Enttäuschung sowie faszinierende Reflexionsprosa zum Seelenkampf des Einzelnen ob der eigenen Widersprüchlichkeit.

          Eine Bibel ohne Lot? Albrecht Altdorfers Gemälde von 1537 zeigt Lot und seine Töchter.
          Eine Bibel ohne Lot? Albrecht Altdorfers Gemälde von 1537 zeigt Lot und seine Töchter. : Bild: culture-images/fai

          Slenczka vertrat die steile These, dass das Alte Testament für die Christen nie dieselbe Bedeutung wie das Neue Testament haben könne. Mit konventionell gearbeiteten, ahistorischen Referaten zu bedeutenden Theologen des modernen deutschen Protestantismus wie Friedrich Schleiermacher, Adolf von Harnack und Rudolf Bultmann wollte er zeigen, dass das Alte Testament für „das christlich-fromme Selbstbewusstsein der Gegenwart“ nicht mehr relevant sei, könne doch der Christ von heute mit diesen ganz alten Texten nur „fremdeln“.

          So bestritt er in eigensinniger Konsequenzmacherei die „Kanonizität“ des Alten Testaments und wollte es im kirchlichen Leben nur noch wie „die Apokryphen“ genutzt sehen. Warum sein Christ von heute bei so furchtbaren neutestamentlichen Texten wie der gewaltreichen Johannesapokalypse keine Gefühle von „Fremdheit“ empfindet, sagte er allerdings nicht.

          Was im akademischen Diskurs niemand ernst nahm, wurde von einem kirchlichen Möchtegern-Ajatollah aus der hessischen Provinz zum „handfesten theologischen Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus“ aufgebauscht. Pfarrer Friedrich Pieper, der „Evangelische Präsident des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V.“, warf Slenczka vor, einen „Grundkonsens christlicher Theologie“ zu verlassen und in „die theologische Sackgasse des deutschen Kulturprotestantismus“ zurückzukehren. Die Herausgeber des Bandes hätten „den so abwegigen Beitrag Slenczkas“ nicht veröffentlichen dürfen.

          Diese Statue des gebeugten Hiob wacht über die Gräber der NS-Opfer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
          Diese Statue des gebeugten Hiob wacht über die Gräber der NS-Opfer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. : Bild: Lucas Wahl

          Soll in der akademischen Theologie nun Zensur ausgeübt werden? Die weitere Geschichte des „Skandals“ ist schnell erzählt. Fünf Ordinarien der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität distanzierten sich von ihrem Kollegen, indem sie eine Gleichrangigkeit von Altem und Neuem Testament für den christlichen Glauben betonten. Zum heiteren Erstaunen des Publikums beteiligten sich die beiden Alttestamentler der Berliner Fakultät nicht an dieser Kollegenschelte.

          Micha Brumlik vom Berliner „Zentrum Jüdische Studien“, nicht immer ein Held der Differenzierungskraft, behauptete, dass „sich in Teilen der Evangelischen Theologie Deutschlands ein neuer theologischer Antijudaismus breit“ mache, und sprach vom „Weg kulturprotestantischer Theologie in den Judenhass des NS-Staats“ – eine These, die wenig theologiehistorische Bildung erkennen lässt. Natürlich gab es Mitglieder kulturprotestantischer Organisationen, die 1933 bei den antisemitischen „Deutschen Christen“ landeten.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Harnack selbst aber engagierte sich, trotz seiner religiös motivierten Abwertung des Alten Testaments, für die Christen, wie viele andere liberalprotestantische Theologen im „Abwehrverein zur Bekämpfung des Antisemitismus“, und griff in der Weimarer Republik mehrfach gegen völkische Antisemiten zur Feder.

          Beide Testamente kritisch lesen

          Ernst Troeltsch, der schon im Oktober 1921, als erster deutscher Intellektueller überhaupt, vor der „deutschen Faszistenbewegung“ warnte, erklärte den „hebräischen Prophetismus“ zu einer bleibend normativen Kulturpotenz Europas, Otto Baumgarten, ein Gründungsmitglied des Abwehrvereins, schrieb 1926 über den fundamentalen Gegensatz zwischen „Kreuz und Hakenkreuz“, und der entschiedene Demokrat Martin Rade starb, von den Nationalsozialisten als Marburger Professor 1933 entlassen, verarmt in Frankfurt.

          Den Muslimen im Lande empfehlen aufklärungsstolze Christen aus Wissenschaft und Politik derzeit gern, sie müssten endlich demokratiefähig werden, indem sie den Koran historisch-kritisch zu lesen lernten und die Aufklärung nachholten. Doch wenn es um die eigenen „Heiligen Schriften“ geht, führt man ohne jeden historischen Sinn dogmatische Debatten über deren „Kanonizität“.

          Texte sind aber nicht heilig, weil ein Gott sie geschrieben hat, sondern weil fromme Menschen ihnen einst besondere Orientierungskraft zur Selbstdeutung in einer Erinnerungsgemeinschaft zuerkannten. Juden lesen ihre Hebräische Bibel dabei anders als Christen ihr Altes Testament. Aber hier wie dort wird aus guten Gründen zumeist sehr selektiv gelesen, ist in den vorchristlichen Texten der Bibel doch viel von gottgewollter Gewalt die Rede. Auch das Neue Testament kennt mehr Gewalt, als oft gesehen wird.

          So kann man mit beiden Testamenten nur sehr kritisch, in radikaler Historisierung umgehen, was ihre selektive religiöse Inanspruchnahme nicht ausschließt. Aber die Kunst prägnanter Unterscheidung und die Offenheit für geschichtliches Denken scheinen derzeit nicht zu den Stärken mancher Kirchenfunktionäre, christlichen Universitätstheologen und jüdischen Intellektuellen zu gehören.

          Der Autor ist protestantischer Theologe und emeritierter Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München.

          Quelle: F.A.S.

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