Home
http://www.faz.net/-gsf-vcf5
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kampf gegen „Rechtsabweichler“ Über Maos Jagd darf heute niemand mehr reden

16.07.2007 ·  Der Intellektuelle in China ist notgedrungen ein Denker unter Vorbehalt. Die Schockwellen der Kampagnen gegen „Rechtsabweichler“ im Jahr 1957 wirken fort. Mark Siemons aus Peking über die Situation fünfzig Jahre danach.

Von Mark Siemons, Peking
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Was im heutigen China ein „Rechter“ oder gar ein „Rechtsabweichler“ sein könnte, ist nicht leicht zu sagen, nachdem die regierende Partei in den letzten Jahrzehnten selber alle nur denkbaren Richtungswechsel vollzogen hat. Aber so unklar das inhaltliche Kriterium auch geworden ist, scheint das Etikett doch immer noch eine magische Rolle zu spielen. Als Anfang des Jahres eine Liste verbotener Bücher bekannt wurde, sickerte auch durch, dass bei einem der Titel weniger das Thema - das Schicksal einiger berühmter Pekingoper-Sänger während der Kulturrevolution - für die Zensur ausschlaggebend war als die Person der Autorin. Dass der Verlag trotz aller Warnungen etwas „von dieser Person“ drucken wollte, soll laut Sitzungsprotokoll den verantwortlichen Zensor bei der Behörde für Presse und Publikationen mehr als alles andere entrüstet haben.

Bei dieser „Person“ handelte es sich um Zhang Yihe, die Tochter von Maos Transportminister Zhang Bojun, der vor fünfzig Jahren zum prominentesten Opfer der „Kampagne gegen Rechtsabweichler“ geworden war. Die Figur des „Rechten“ scheint in China weniger mit einem politischen Programm als mit Geschichte zu tun zu haben; man könnte auch sagen: mit dem Blut.

Die Geschichtspolitik wird rigider

So bizarr der Vorgang auch anmutet - allein die ebenfalls Anfang des Jahres erlassene Anweisung der Zentralen Propagandaabteilung der Partei, das Jubiläum der Kampagne nirgendwo zu erwähnen, zeigt, wie gegenwärtig dieses Ereignis des Jahres 1957 ist. Eine Autobiographie des Journalisten Dai Huang, der damals für 21 Jahre hinter Gitter kam, konnte Ende der neunziger Jahre ungehindert in zwei Auflagen erscheinen; jetzt aber wurde ihr eine dritte verwehrt. Ähnlich wie letztes Jahr beim Jubiläum der Kulturrevolution zeigt sich auch hier, dass die chinesische Geschichtspolitik mit dem Abstand zum Ereignis rigider wird. Aufgrund der staatlich verordneten Diskretion dürfte die „Kampagne gegen Rechtsabweichler“ einem Großteil der heute lebenden Chinesen unbekannt sein. Doch die Lage der chinesischen Intellektuellen ist ohne dieses Datum kaum zu verstehen.

Schon 1956 hatte Mao unter dem Eindruck des Ungarnaufstands eine Rede über die „richtige Behandlung der Widersprüche im Volk“ gehalten, in der er die Auffassung vertrat, der Sozialismus in der Volksrepublik sei bereits so reif, dass er nur noch „nicht-antagonistische Widersprüche“, Meinungsverschiedenheiten gewissermaßen unter Freunden, hervorbringe, sich also Selbstkritik erlauben könne. Um dem Unmut ein Ventil zu bieten, gab er die Parole aus: „Lasst hundert Blumen blühen / Lasst hundert Schulen miteinander wetteifern.“ Doch die Debatte, die nach einigem Zögern 1957 in Gang kam, kümmerte sich schon bald nicht mehr um die subtil konstruierte Unterscheidung zwischen antagonistischen und nicht-antagonistischen Widersprüchen. Die Intellektuellen innerhalb und außerhalb der Partei, die sich immer freimütiger zu Wort meldeten, forderten Marktwirtschaft auf dem Land, Autonomie der Hochschulen, Wahlen unter mehreren Parteien.

550.000 Menschen verschwanden in Arbeitslagern

Die Parteiführung schwieg wochenlang. Doch als sie dann im Juni 1957 die Debatte auf ihre Weise fortzusetzen begann, stand das Ergebnis schon fest. Mao vertraute dem aufstrebenden Deng Xiaoping die Leitung einer Kampagne an, wie sie China noch nicht gesehen hatte: Überall sollten die „Rechten“ entlarvt und in klassenkämpferischen Sitzungen unschädlich gemacht werden; als „Rechter“ galt vor allem, wer in den letzten Monaten für westliche Demokratie eingetreten war oder wer das Monopol der kommunistischen Herrschaft, die Landreform und die Außenpolitik kritisiert hatte.

Man schätzt, dass damals 550.000 Menschen aus ihren Ämtern entfernt wurden und in Arbeitslagern auf dem Land verschwanden. Viele kamen, sofern sie die Strapazen überlebten, erst nach der Kulturrevolution wieder frei.

Säuberungskampf mit Sollquote

Das war nicht die erste Säuberungskampagne der chinesischen Kommunisten. Schon lange bevor sie die Macht errangen, hatte Mao Jagd auf „Subjektivisten“, „Sektierer“ und „Formalisten“ in den eigenen Reihen gemacht, und später wiederholten sich solche Jagden in immer kürzeren Abständen. Doch die Bewegung von 1957 ragt unter allen anderen heraus, weil sie nicht eine bestimmte geistige Abweichung aufs Korn nahm und auch nicht eine der klassischen Klassen wie die der Großgrundbesitzer. Die Parteiführung gab vielmehr eine Sollquote der zu bekämpfenden Rechten aus, die sich an der geschätzten Zahl einer ganz speziellen Gruppe von Menschen orientierte: den „Intellektuellen“.

Zehn Prozent von etwa fünf Millionen sollte es erwischen. In allen Organisationen und Einheiten des Landes, in denen Intellektuelle arbeiteten, sollte wenigstens ein „Rechter“ ausfindig gemacht werden, damit der Rest der Belegschaft sich von ihm distanzieren und im Klassenkampf üben konnte.

Erst „notwendig“, dann „aus dem Ruder gelaufen“

Tatsächlich bedeutete die Kampagne den definitiven Bruch mit den Resten der Geisteswelt, die noch aus der Zeit vor der kommunistischen Machtübernahme übriggeblieben war. Ausgerottet werden sollten nicht nur bestimmte Meinungen, sondern ein „bürgerlich“ oder „westlich“ infiziertes intellektuelles Klima. Übrig blieben nur jene, die die neuen, durch „Klassenkampf“ entstandenen Kategorien als den Rahmen ihres Denkens akzeptierten.

Die offizielle Linie der Partei gegenüber diesen Ereignissen ist in der nach wie vor gültigen Resolution „Über eine Reihe historischer Probleme bezüglich der Führerschaft der Partei“ niedergelegt. Die Kampagne sei in ihrer ersten Phase notwendig gewesen, um einer für die kommunistische Herrschaft existentiellen Bedrohung zu wehren, doch dann sei sie aus dem Ruder gelaufen, heißt es dort in einer Formulierung, die sich an einen Ausspruch von Deng anlehnt. Es ist die gleiche Art von Notwendigkeit wie die, die bei der ebenfalls von Deng mitverantworteten Niederschlagung der Studentenbewegung von 1989 geltend gemacht wurde, als die Intellektuellen ein weiteres Mal die für sie vorgesehene nicht-antagonistische Sphäre verlassen hatten.

Seither gibt es nur noch guten Willen

Davon kann heute keine Rede mehr sein. So sehr sich die Intellektuellen in den neunziger Jahren ausdifferenziert, pluralisiert und internationalisiert haben, so gründlich haben sie auch die Tabuzonen verinnerlicht, die ihr Denken von Staats wegen auszusparen hat. Auch jene, die mit oft hohem persönlichen Risiko auf konkrete Missstände etwa auf dem Land oder in der Rechtsprechung aufmerksam machen, akzeptieren meist die um das Monopol der herrschenden Partei herum gezogene Sphäre des Unaussprechlichen. Der Intellektuelle ist in China notgedrungen ein Denker unter Vorbehalt.

Wenn heute von Unruheherden in China die Rede ist, tauchen „die Intellektuellen“ nicht mehr auf - einzelne Autoren oder Rechtsanwälte schon, aber nicht mehr „die Studenten“ oder Intellektuellen als Schicht. Offensichtlich ist die Einschüchterung, die von den Schockwellen 1957, 1966 und 1989 ausging, noch groß genug, dass das Medium der Umerziehung eine spektakulär symbolische Umkehrung erfahren konnte: Galt bis 1989 das Muster, dass die Intellektuellen „aufs Land“ geschickt wurden, ist seither die stehende Redewendung, dass sie sich „ins Meer“ werfen, nämlich in das des Marktes. Es scheint zu funktionieren.

Voraussetzung ist allerdings, dass der gegenwärtige Zustand, in dem die Moral wie selbstverständlich eine Funktion der Macht ist, nicht als historisch entstandene und wieder veränderbare, sondern als gewissermaßen naturwüchsige Gegebenheit erscheint. Letztlich läuft die chinesische Geschichtspolitik deshalb darauf hinaus, die Geschichte zu leugnen, wenn erst mal die Herrschaft der Kommunistischen Partei erreicht ist: Seither gibt es eigentlich keine relevanten Ideen und Ereignisse mehr, sondern nur noch einen höheren guten Willen und bisweilen „Fehler“. Die Regierung will nicht Gefahr laufen, dass Erinnerungen Unruhe schüren, doch dabei geht sie das wahrscheinlich höhere Risiko ein, dass sich unterhalb der neuerdings ständig beschworenen Moral und Rechtlichkeit allenthalben Zynismus breitmacht.

Ein trauriger Rest von Leben

Um so höher sind die Wortmeldungen derer einzuschätzen, die sich mit dieser Art Posthistoire nicht abfinden. In einem offenen Brief haben 55 ehemalige „Rechtsabweichler“ die Regierung aufgerufen, die Kampagne von 1957 als „eine erhebliche Verletzung der Verfassung unseres Landes“ einzustufen; die bisher geltende offizielle Position bezeichnen sie als „lächerliche Selbsttäuschung“. Sie fordern Entschädigungsleistungen für die Opfer und das Recht, offen über die eigenen Erfahrungen zu reden. Bao Tong, ein unter Hausarrest stehender ehemaliger Berater des 1989 gestürzten Ministerpräsidenten Zhao Ziyang, schrieb auf der Website von „Radio Free Asia“, dieses „experimentelle Opfer“ habe den Weg frei gemacht für „das fortgesetzte Abgleiten der Partei in die Illegitimität“. Wenn China wirklich eine Republik und eine Zivilisation aufbauen wolle, müsse es sich von dieser Bewegung unmissverständlich distanzieren.

Andere, wie der Autor Zou Qing, wollen überhaupt erst rekonstruieren, was passiert ist, um das Bodenlose der Augenblicksversessenheit zu kurieren. „Den Menschen reicht auf Dauer der Konsum nicht“, sagt Zou. „Sie wollen wissen, in welcher Welt sie leben.“ In seiner Videofolge „Museum der mündlichen Geschichte“ lässt er Zeugen der jüngsten Vergangenheit frei erzählen und holt damit die Geschichte aus aller Abstraktion heraus. Einmal war er etwa auf einen „Rechtsabweichler“ gestoßen, der zwanzig Jahre lang im Arbeitslager verbracht hatte, danach die Witwe seines Cousins heiratete und eine ruhige Arbeit in der Verwaltung übernahm. Auf einer Dienstreise in die Sonderwirtschaftszone Shenzhen entdeckte er dann plötzlich, wie billig dort die Prostituierten sind, und erschüttert von dieser plötzlichen Einsicht, gab er Familie und Beruf, seine ganze bisherige Existenz auf, um die verbliebenen Tage mit den Nutten zu teilen: Er, der um sein Leben betrogen worden war, wollte nun noch möglichst schnell möglichst viel davon an sich reißen. Die große Staatsaktion endet da in einer kleinen Farce, in der keine Idee, keine Moral, keine Politik mehr zählen, sondern nur noch ein trauriger Rest von Leben.

Quelle: F.A.Z., 16.07.2007, Nr. 162 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3