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Algerischer Autor : Ein kritischer Journalist verstummt

Man hätte mehr Rückgrat erwartet: Nach kritischen Äußerungen zu seinem Artikel über die Kölner Übergriffe verabschiedet sich Kamel Daoud vom Journalismus. Bild: Ferhat Bouda

Der algerische Autor Kamel Daoud musste für seine provokanten Artikel über die Kölner Übergriffe viel Kritik einstecken. Zu viel für ihn. Er will sich vom Journalismus verabschieden.

          Kamel Daoud schreibt, er gebe nicht auf. Aber zurückziehen will er sich wohl. Nur wenige Tage nachdem er in Frankreich mit dem Jean-Luc-Lagardère-Preis als bester Journalist des Jahres 2015 ausgezeichnet worden ist, hat der algerische Schriftsteller angekündigt, dem Journalismus den Rücken kehren zu wollen. „Unmoralisch“ seien die Vorwürfe, die ihm eine Reihe von Universitätsdozenten öffentlich gemacht hatte, nachdem sein auch in diesem Feuilleton veröffentlichter Artikel über die Ereignisse in Köln erschienen war. Er werde sich daher, schrieb er in einem offenen Brief, fortan der Literatur widmen. „Ich werde Zuversicht und Ruhe in mir wiederherstellen. Forschen. Nicht aufgeben, aber weiter gehen, als es das Spiel der Medien erlaubt.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das Spiel, von dem Daoud hier spricht, ist gleichwohl noch gar nicht lange im Gang. Es hat mit jenem Text begonnen, den Daoud kurz nach der Silvesternacht von Köln verfasste und in dem er sowohl einigen westlichen Beobachtern vorwarf, im Flüchtling nur den wilden Barbaren zu sehen, als auch den Angreifern selbst unterstellte, einem arabisch-muslimischen Frauenbild anzuhängen, für das der weibliche Körper ein öffentliches Gut darstelle, das man, wenn es sich so ungeschützt präsentiere wie im Westen, gern in Besitz nehmen dürfe. Daoud attestierte den „Ländern Allahs“ eine „sexuelle Misere“ und prophezeite das Scheitern einer Willkommenskultur, die sich auf das bloße Gewähren von Asyl beschränkt. „Die Flüchtlinge bringen das Problem von ,Werten‘ ins Spiel, die es zu teilen, durchzusetzen, zu verteidigen und verständlich zu machen gilt.“

          Islamophobie oder Heimaterfahrung?

          Daouds Text war pauschalisierend, das lässt sich nicht leugnen. Er war zugespitzt und emotional, geschrieben mit der trotzigen Feder eines Mannes, der sich seit Jahren und trotz mehrfacher Bedrohungen weigert, seine Heimat zu verlassen, um ins Exil zu gehen. Genau dies nicht beachtet zu haben, wirft Kamel Daoud seinen Kritikern denn auch vor. Etwa ein Dutzend Wissenschaftler, überwiegend Historiker wie Noureddine Amara und Soziologen wie Benoît Challand, hatten ihn für seine groben Verallgemeinerungen kritisiert - weder seien die „Länder Allahs“ ein einheitlicher Raum, noch sei jede Handlung der dort lebenden Menschen von Religion determiniert. Mit seinen Anschuldigungen „bedient Daoud nur die islamophoben Phantasien eines wachsenden Teils der europäischen Öffentlichkeit“. Besonders sein Aufruf zur Verteidigung westlicher Werte erinnert sie an jene mission civilisatrice, die, ausgehend von der angenommenen Überlegenheit des Westens, jahrzehntelang als Legitimierung vor allem der französischen Kolonialpolitik diente.

          Was ist an diesen Anschuldigungen aber „unmoralisch“, wie Kamel Daoud in seiner Entgegnung an die Unterzeichner des Briefes schrieb? Unmoralisch sei, dass sie von Leuten formuliert würden, die nicht in seiner Haut lebten und nicht in seinem Land. „Ich finde es illegitim, wenn nicht skandalös, dass man mich der Islamophobie beschuldigt, während man in westlichen Hauptstädten sitzt, in denen Sicherheit und Komfort herrschen.“ Daoud fühlt sich an einen „stalinistischen Prozess“ erinnert: Man lese einem Eingeborenen die Leviten, weil man angeblich besser als er um die Interessen der anderen Eingeborenen weiß. Schließlich wundert er sich auch, wieso das Anprangern der herrschenden Theokratie in arabischen Ländern, das er im Sinn hatte, so leicht umzuwandeln sei in den Vorwurf der Islamfeindlichkeit.

          Aber Schuldige hat er schon ausgemacht. In harten Zeiten wie diesen, schreibt er, werde am „arabischen“ Schriftsteller von allen Seiten gezerrt. „Die Überinterpretation lauert ihm auf, die Medien bedrängen ihn, um, je nachdem, eine Vision oder eine Weigerung bestätigt zu finden.“ Soll heißen? Kamel Daoud zieht sich zurück. Und hinterlässt neben Bedauern vor allem Verwunderung: Darüber, dass ein einziger Gegenstoß aus Paris schon reicht, um einen seit zwanzig Jahren gegen algerische Zustände anschreibenden Journalisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

          Quelle: F.A.Z.

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