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Veröffentlicht: 16.06.2016, 08:51 Uhr

Historische Aufarbeitung Jungtürkische Massaker an den Christen

Bei der Diskussion um den Genozid von 1915 gibt es viele Leerstellen. Nicht nur die Armenier waren Opfer von Massenmorden, sondern auch die Aramäer – und die Frage nach der deutschen Rolle wird ignoriert.

von Dorothea Weltecke, Boris Barth und Dominik Giesen
© dpa Die Schuld der anderen? Armenische Flüchtlinge in Syrien, 1915. Sie waren nicht die einzige betroffene Minderheit des Genozides.

Heute, am 15. Juni, begehen aramäische Christen weltweit erstmals ökumenisch den Jahrestag des „Sayfo“. Dieser Begriff meint „das Schwert“ und ist das Wort für die aramäische Erinnerung an die Massenmorde, die vom jungtürkischen Regime im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1917 an dieser Volksgruppe begangen wurden. Genaue Opferzahlen sind nicht bekannt, doch wurde der Großteil ihrer Bevölkerung im Osmanischen Reich vernichtet und vertrieben. Uralte Siedlungen wurden für immer aufgegeben; an zentrale historische Orte aramäischer Kultur wie die Städte Urfa (Edessa) oder Nusaybin (Nisibis) sind die Nachfahren der Opfer nie wieder zurückgekehrt.

Damit sind auch die letzten Spuren ihrer Kultur, der antiken Aramäer und Assyrer und ihrer bedeutenden christlichen Traditionen in Syrien und Mesopotamien, in Gefahr. Während der Völkermord an den Armeniern in der deutschen Presse diskutiert wird, ist nur wenigen Spezialisten bekannt, dass auch andere christliche Gruppen während des Ersten Weltkrieges systematisch verfolgt und ermordet wurden. Hierzu gehören neben den aramäischen Christen (heute Aramäer, Assyrer, Chaldäer) auch mehrere hunderttausend griechische Zivilisten, die ebenfalls mit erheblicher Gewalt aus ihren angestammten Wohngebieten deportiert und im Inneren Anatoliens und hinter der Front zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Zu diesen Aspekten des Ersten Weltkrieges existiert fast keine seriöse Forschung.

Unberechtigt anderen Versöhnung befehlen

Die Tatsache, dass ein Genozid im Osmanischen Reich stattfand, ist aus wissenschaftlicher Perspektive belegt. Doch noch immer weisen die türkische Regierung und einige Historiker, die ihr nahestehen, die Einstufung der Massaker als Völkermord entschieden zurück. Sozialwissenschaftler, Journalisten und Politiker sind deshalb oft unsicher. Die türkischen Reaktionen in der Woche nach der Resolution zur Anerkennung des Völkermordes im Bundestag haben gezeigt, wie weit der türkische Staat geht, um seine Position durchzusetzen.

Die in Deutschland lebenden Nachfahren der Überlebenden verbinden mit der Anerkennung große Hoffnungen. Sie haben hier seit vielen Jahrzehnten eine neue Heimat gefunden. Neben ihrer Religion und Sprache ist auch die Erinnerung an den Völkermord ein Teil ihrer Identität – auch als deutsche Staatsbürger. Wie die Armenier und die Griechen wünschen sich auch die Aramäer, Assyrer und Chaldäer eine historische Aufarbeitung der Ereignisse in der Bundesrepublik, die inzwischen wenigstens publizistisch auch eingesetzt hat.

Wir anderen Deutschen haben nicht das Recht, ihnen und den Türken in Deutschland und außerhalb in paternalistischer Weise die Versöhnung zu befehlen. Zwar scheint es in der Debatte, als sei die historische Analyse des Völkermordes Aufgabe der Türkei, die von deutscher Seite dazu nur gemahnt werden müsse. Allerdings trug das Deutsche Reich als Verbündeter des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg eine Mitverantwortung, die bis heute bei weitem nicht genug erforscht wurde. Die Deutschen waren bestens über die Ereignisse informiert. Doch duldeten sie die Gewalt, um die politischen und militärischen Ziele des Reiches nicht zu gefährden.

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