Als Julija Timoschenko ihren Weg vom Gericht ins Kiewer Lukjaniwska-Gefängnis einschlug, ist sie einem Pfad gefolgt, den vor ihr schon manche gegangen sind. Ihr früherer Innenminister Luzenko gehört dazu, der gewesene Verteidigungsminister Iwaschtschenko, der ehemalige stellvertretende Justizminister Kornijtschuk – alle hat die Justiz des Präsidenten in die „Isolatoren“ geschickt, in die stinkenden, von Tuberkulose durchzogenen Untersuchungsgefängnisse der Ukraine. Aber nicht nur jungen Spuren wie diesen ist Julija Timoschenko nachgegangen. Ihr Weg ist noch älter, er reicht tief in die Erinnerung.
Manchmal will man glauben, sie habe diesen Weg gewollt. Nicht in dem Sinne, dass sie es für richtig, für rechtens gehalten hätte, dass Richter Rodion Kirejew sie in Haft nehmen ließ. Dass ihre Festnahme am 5. August jeder Rechtlichkeit und Verhältnismäßigkeit entbehrte, hat der gewesene dänische Staatsanwalt und Polizeichef Mikael Lyngbo mittlerweile in einem ausführlichen Bericht für das Helsinki-Komitee für Menschenrechte dargelegt: Ihre (unbestrittene) Weigerung, ihrem Richter, den sie nicht ohne Grund eine „Marionette“ des Regimes nennt, auch nur einen Hauch von Respekt zu zollen, ist nach internationalen Standards kein Haftgrund. Dennoch hat sie den dicklichen, schwitzenden, vor Angst und Pein mit der Augenbraue zuckenden jungen Mann, der in einem überhitzten, von Geschrei erfüllten Gerichtssaal im zentralen Kiewer Distrikt Petschersk mutterseelenallein auf der Höhe des Richterstuhls über ihr sitzt, gleichsam an unsichtbarer Schnur, an die Schwelle seiner fatalen Entscheidung herangeführt.
Der Part der Märtyrerin
Sie hat sich geweigert, vor ihm aufzustehen und sich trotz erregter Verweise nicht einmal bewegen lassen, ihn auch nur anzusehen. Wenn sie sprach, wandte sie sich sie von ihm ab, redete ausschließlich in die Fernsehkameras und winkte nach jeder Replik einem imaginären Volk zu. Den Richter verhöhnte sie, während er um Fassung rang, mal als „Ungeheuer“, mal als „Affen mit Handgranate“. Als er in der Enge des Verhandlungszimmers einmal ganz nah an ihr vorbeimusste, flüsterte sie ihm in einem kurzen, bösen Hauch ein Wort zu, das nur er verstand. Es dauerte Minuten, bis der Richter seine Contenance wiederfand und das Gelächter ihrer Freunde auf den Bänken nachließ.
Irgendwann ist Rodion Kirejew, zappelnd zwischen den Gewalten einer Politik, die jenseits seines Horizonts liegt, und den Grundsätzen einer fairen Verfahrensführung, dem bohrenden Drängen der Anklage gefolgt und hat den von allen erwarteten Befehl zur Festnahme ausgesprochen. Julija Timoschenko aber, die Ikone der „Revolution in Orange“, später mit Unterbrechungen Regierungschefin bis 2010 und heute die stärkste Oppositionspolitikerin des Landes, hat den Augenblick genutzt, als hätte sie ihn geprobt.
In den Monaten davor hätte sie fliehen können. Sie hätte in Westeuropa um Asyl bitten können, wie ihr ehemaliger Wirtschaftsminister Danilischin. Stattdessen ist sie geblieben, hat sich Reisebeschränkungen unterworfen, mindestens 42 Verhöre überstanden und sich dem Gericht gestellt. Schließlich, als die Staatsanwältin ihre Festnahme beantragte, rief sie den bühnenreifen Satz: „Beantragt doch gleich Tod durch Erschießen! Gebt ihr den Revolver!“ Dies war der Augenblick, in dem Julija Timoschenko, der Popstar mit Porsche-Kavalkaden und strahlendem Haarkranz, ihre neue Rolle annahm: den Part der Märtyrerin, Jeanne d’Arc im Kerker.
Die schwerreiche „Gasprinzessin“
Es ist die erste große Image-Revolution seit 2001. In diesem Jahr hatte Julija Timoschenko, an sich eine Brünette mit kaukasischen Wurzeln, die blondbekränzte Ikone geschaffen, als die sie während der „Revolution in Orange“ den von Russland unterstützten Janukowitsch (damals Ministerpräsident) vorübergehend von der Macht vertrieb. Zusammen mit ihrem Revolutionspartner (und späteren Feind) Viktor Juschtschenko hat sie damals der Ukraine ein paar Jahre lebendiger (wenn auch chaotischer) Demokratie beschert.
Die Figur, die sie damals mit durchschlagendem Erfolg schuf, ist von der Soziologin Oksana Kis als Kombination zwischen „Barbie“ und „Berehynia“ beschreiben worden – als geniale Verbindung von erotisch aufgeheiztem Konsumidol auf der einen und altslawischer Muttergottheit auf der anderen Seite. Beide Konzepte hatten ihre Wurzeln in den späten Sowjetjahren, beide waren seit dieser Zeit oppositionell aufgeladen. Die mit Accessoires und westlichen Luxusartikeln behängte „Barbie“ mit optischen Leihgaben aus der Welt der spätsowjetischen „Intergirls“ und Dollarprostituierten, hatte in der puritanischen Sowjetunion („U nas seksa njet“, bei uns gibt’s keinen Sex), wo man Frauen am liebsten am Traktor oder Presslufthammer darstellte, ebenso wie der Schmuggler und Devisenschieber, der sich später zum Typus des „Oligarchen“ entwickelte, ausgesprochen systemsprengende Konnotationen. Konsum war cool unter jungen Komsomolzen, sexy zu sein war oppositionell, und Julija Timoschenko hat in den Zeiten der Wende dieser Welt angehört.
Mit ungeheurer Energie und vermutlich nur begrenztem Respekt für längst nicht mehr wirksame Gesetze hat sie sich nach der Wende dann von der Betreiberin einer Hinterhofvideothek in ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk, wo sie vaterlos als Tochter einer Taxi-Telefonistin aufgewachsen war, zur luxuriösen, schwerreichen „Gasprinzessin“ und Vertrauten des heute in Amerika wegen Geldwäsche und anderen Delikten einsitzenden Ministerpräsidenten Lasarenko hochgearbeitet. Zu Verhandlungen mit Gasprom-Chef Wjachirew erschien sie in Minirock und hochhackigen Stiefeln, und in einem Interview sagte sie, jede Frau träume doch davon, einmal für den „Playboy“ zu posieren.
Die alten Praktiken der Manipulation
2001 hat Julija Timoschenko den systemsprengenden Typus des Luxusgirls dann um einen zweiten ergänzt, der in sowjetischen Zeiten ebenfalls oppositionell besetzt war. Sie erweiterte ihr Image-Portfolio um die „Berehynia“, ein altslawisches Mutteridol, welches sich die ukrainische Nationalbewegung im antisowjetischen Widerstand zu eigen gemacht hatte. Die Adaptation kam schnell. Timoschenkos Aufstieg als Gasmonopolistin war damals in eine schwere Krise geraten. Ihr Protektor, der korrupte Lasarenko, war gestürzt, sie selbst kam Anfang 2001 für 42 Tage in Haft. Flugblätter, die damals für ihre Freilassung warben, zeigen sie noch mit brünettem Pagenschnitt. Im Herbst desselben Jahres erschien dann jener Haarkranz in ihrem Bildprogramm, mit dem sie später weltberühmt wurde.
Das Konsumidol „Barbie“, die verführerische Anziehpuppe, trat etwas zur Seite (wenn auch die Presse im Jahr 2005 ihr zweihundertstes Kleid feierte), und die bekränzte Muttergottheit „Berehynia“ erschien in ukrainischer Stickbluse. Mit dieser doppelt oppositionell besetzten Bildersprache, als Verkörperung eines altukrainisch-patriotischen Impulses, der seine Energien mit den Konsumversprechen westlicher „Freiheit“ paarte, hat sie in der demokratischen Pop-Revolution von 2004 gegen die Clans ihres Gegners Janukowitsch den Sieg erkämpft.
Mittlerweile hat die Ikone etwas Glanz verloren. Die Demokratie ist kein reiner Erfolg gewesen in der Ukraine. Die Führer der Revolution, der glitzernde Rampenstar Timoschenko und der moralisierende Prediger Juschtschenko, waren schon neun Monate nach ihrem gemeinsamen Sieg bittere Feinde und verbrauchten ihre Energien in giftigen Intrigen gegeneinander. Die Ukraine schaffte es zwar, 2006 und 2007 freie und faire Parlamentswahlen zu halten, die Presse schrieb und die Sender sendeten, was sie wollten, doch das Ansehen der Politik sank ins Bodenlose, und als im Herbst 2008 die Finanzkrise das Land mit voller Wucht traf, war es aus. Timoschenko hatte sich zwar „sauber“ gehalten; in ihrer Regierungszeit ist sie – anders als Janukowitschs Freunde vorher und nachher – bei keiner jener Milliardenschiebereien in eigene Taschen erwischt worden, für die ukrainische Regierungen berühmt sind. Dennoch kam der vertriebene Gegner in der Präsidentenwahl 2010 mit knapper Mehrheit wieder. Seither hat er die alten Praktiken der Manipulation wieder eingeführt. Er hat den größten Teil der Presse unter Kontrolle bekommen, seine Verfassungsvollmachten erweitert und die Gerichte gleichgeschaltet.
Ein Muster der Korrektheit
Julija Timoschenko schien der Rückkehr dieser postsowjetisch-oligarchischen Seilschaften anfangs hilflos gegenüberzustehen. Sie beschädigte ihr Ansehen, als sie sich trotz eines positiven Votums internationaler Wahlbeobachter weigerte, Janukowitschs Sieg von 2010 anzuerkennen, und sie scheiterte beim Versuch, das zersplitterte „demokratische Lager“ zu einen. Ihre Parlamentsfraktion schrumpfte, seit Janukowitschs milliardenschwere Polit-Technokraten einen Abgeordneten nach dem anderen abwarben, und ein Finanzier nach dem anderen wechselte unter dem Druck des Regimes die Seiten, um sich vor der Steuerpolizei und den Gerichten des Systems zu retten. Julija Timoschenko, die Barbie-Berehynia, war am Ende. Bis Janukowitschs Juristen ihr den Prozess machten.
Seit die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr ein Ermittlungsverfahren nach dem anderen gegen sie eröffnete, hat sie wieder eine Bühne. Das Libretto zu dieser Oper, niedergeschrieben in den Schriftsätzen der Anklage, kommt ihr zupass: Wie sehr das Regime sich auch bemüht hat, es ist ihm nicht gelungen, einen Fall zu konstruieren, in dem Julija Timoschenko in die eigene Tasche gewirtschaftet oder sonst einen persönlichen Vorteil gesucht hätte. In den Anklageschriften geht es hier um die vorschriftswidrige Verwendung von Umweltmitteln im Haushalt, da um Krankenwagen, die angeblich im Wahlkampf eingesetzt wurden, und in dem Fall, dessentwegen sie jetzt im Gefängnis ist, soll sie beim Abschluss eines Gasvertrages mit Russland das Kabinett übergangen haben. Der dänische Gutachter Lyngbo sagt, in anderen Ländern gelte so etwas als „normale politische Tätigkeit eines Ministerpräsidenten“, keineswegs aber als „Straftat“.
Im Vergleich zu Janukowitschs Freunden, die sich seit Beginn seiner Amtszeit nach allem, was bekannt ist, wieder systematisch privatisierte Staatsbetriebe zu Schleuderpreisen unter den Nagel gerissen haben und an den Aufträgen für die Fußball-Europameisterschaft 2012 Milliarden verdienen (der Präsident selbst besitzt offenbar plötzlich eine herrliches, ehemals staatseigenes Seegrundstück mit Villa und Swimmingpool) ist Julia Timoschenko ein Muster der Korrektheit.
Das Motiv der eingekerkerten Schönen
In dieser Lage hat sie längst den Signalmix geändert. Die „Barbie“, das moralisch nicht ganz unumstrittene Luxusgirl der Neunziger, verzieht sich in die Kulissen. Die Kleider sind nicht mehr extravagant wie früher, meistens trägt sie jetzt einfarbige Kostüme in schwarz, beige oder weiß. In scharfer Abkehr von ihrer bisher betonten Jugendlichkeit, zeigt sie sich neuerdings mit Brille. Anstelle der „Barbie“ aber ist eine neue Figur in den Vordergrund ihrer Ikonographie gerückt – eine Figur, deren Kampagnenfarbe ein jungfräuliches Weiß ist, und deren Symbol ein rotes Herz: Julija Timoschenko spielt mit den Attributen der Heiligkeit.
Ihre Reden hat sie schon im Wahlkampf 2010 in die Form von Gebeten gegossen, und auf dem Schreibtisch ihres verdunkelten, von schweren Stilmöbeln und stürmischen Seelandschaften geschmückten Büros steht eine heilige Johanna in Bronze. Das Bild der Jeanne d’Arc, von der Presse seit Jahren immer wieder bemüht, war schon seit längerem bei ihr aufgeleuchtet. Das Element der „kämpfenden Frau“ ist dabei längst vorhanden. Eine Fotografie in ihrem Büro zeigt sie etwa Wange an Wange mit ihrem Rollenvorbild Margaret Thatcher, auch sie eine „Eiserne Lady“, und schon ein Wahlplakat von 2006 (noch in der Zeit der Luxusaccessoires, in diesem Fall eines silbrig schimmernden Motorrads im Hintergrund) zeigt sie mit Samuraischwert, halb Uma Thurman aus Tarantinos „Kill Bill“, halb Heldin des postsowjetischen Fantasy-Schinkens „Notschnoj Dosor“ (Wächter der Nacht) von Timur Bekmambetow. Nun ist neben den Waffen noch ein weiteres Definitionselement der heiligen Johanna zum Greifen nah: das Motiv der eingekerkerten Schönen, der Märtyrerin, die für das Vaterland zum Scheiterhaufen schreitet. Zusammen mit der früh etablierten Schwertfechterin gibt das eine komplette Jeanne d’Arc.
Julija Timoschenko hat einiges getan, um dieses Motiv zu betonen, und ihre Verhaftung ist hier nur der Schlussstein eines Bogens, der lange schon in Bau ist. Noch am Tag ihrer Festnahme veröffentlichte ihr Parteihauptquartier eine vorab eingespielte Videoansprache, die nur zu gut zeigt, wie genau sie die Einkerkerung vorhergesehen und in ihre Bildersprache eingebaut hat. In diesem Video hat sie der Figur der „unbefleckten Heiligen“ noch weitere Facetten hinzugefügt: den Verzicht auf das familiäre Glück – auf die Chance „mein Leben . . . zu verteidigen und mit meiner Familie glücklich zu sein“, das Bekennertum („Ich werde mich nicht verstecken“), die Armut („Ich besitze weder Fabriken, noch Kraftwerke, Ländereien, Bodenschätze oder regierungseigene Grundstücke, die zu meinen Gunsten privatisiert wurden“). Auf ihrer Website erscheint sie jetzt in nonnenhaftem Grau.
Das Vertrauen der Menschen zum großen Teil verloren
Noch ist unklar, ob ihre Anhänger der neuen Suggestion folgen werden, wie sie der alten gefolgt sind. Die täglichen Demonstrationen für Julija Timoschenko vor dem Gerichtsgebäude auf Kiews Zentralboulevard Chreschtschatik sind zwar deutlich größer als die gleichzeitig stattfindenden Kundgebungen ihrer Feinde, aber trotz ungeheurer Sound-Anlagen und ungezählter Spruchbänder täuschen sie mit ihren paar hundert Teilnehmern nicht darüber hinweg, dass die Ukraine von einer echten Massenmobilisierung wie zur Zeit der Revolution in Orange Welten entfernt ist. Das Land ist nach dem glanzlosen Scheitern des großen Aufbruchs von 2004 enttäuscht und zynisch geworden. Man hat die Heroen der Demokratie wie Waschweiber zanken sehen, man sah sie keifen und Gift verspritzen, jetzt hat man genug von ihnen. Nach einer Umfrage aus der vergangenen Woche jedenfalls haben sowohl Präsident Janukowitsch mit seiner Rückkehr zum Autoritarismus, als auch Julija Timoschenko mit ihren neuen Image-Angeboten das Vertrauen der Menschen zum großen Teil verloren. Während sie bei der Präsidentenwahl vom Februar 2010 noch 49 (Janukowitsch) und 45 (Timoschenko) Prozent der Stimmen gewannen, kommt Janukowitsch heute auf 17 Prozent, Timoschenko auf 14.
Vielleicht hat sie das ja geahnt, als sie den Pfad ins Gefängnis einschlug, den alten Weg, den so viele in diesem Land vor ihr gegangen sind. Vielleicht gibt es deshalb noch einen „Plan B“, eine realistischere, glaubwürdigere Ersatzfigur neben der Heiligen und Märtyrerin. Manches spricht dafür. Kurz vor ihrer Festnahme jedenfalls hat Julija Timoschenko der „New York Times“ noch ein Interview gegeben, in dem sie ihre Lage als verfolgte Oppositionelle in einen überraschenden Zusammenhang stellt: Nicht mit den Großen der antisowjetischen Dissidenz stellt sie sich hier auf eine Stufe. Sie beschwört nicht die unbeirrte Lauterkeit eines Andrej Sacharow oder den Prophetenbart des Alexander Solschenizyn; stattdessen vergleicht sie sich in überraschender Hellsichtigkeit mit Michail Chodorkowskij, dem russischen Oligarchen und Milliardär, den Wladimir Putins Justiz nach Sibirien schickte, als er dem neuen russischen Autoritarismus im Weg stand, und der jetzt trotz seiner unbestreitbaren Sünden zu einem Kristallisationspunkt der Regimekritik geworden ist.
Eine Chance, die Macht des Regimes zu bezwingen
Chodorkowskij, Geschäftsmann und Ölmagnat aus der Zeit der russischen Sumpfblüten-Vermögen, ist alles andere als ein russischer Heiliger. Dass er dennoch so große Aufmerksamkeit auf sich zieht, kommt aber vielleicht daher, dass er ins Gefängnis gegangen ist, wie in der Überlieferung Russlands und der Ukraine viele vor ihm gegangen sind: als ein befleckter Held. Die russische und ukrainische Literatur ist voll von ihnen: Da ist die Prostituierte Sonja aus Dostojewskis „Schuld und Sühne“, die Raskolnikow in die Verbannung folgt. Da ist die verführte Katjuscha aus Tolstois „Auferstehung“, da ist die luxuriöse Nastassja Filipowna aus dem „Idioten“, und da ist schließlich Margarita aus Bulgakows „Meister und Margarita“, die sich mit dem Teufel selbst verbündet, um als lustvoll zerstörerischer Scherbendämon einmal so richtig dreinfahren zu können in den muffigen Appartements der Nomenklatura. Das Publikum liebt die befleckten Helden vielleicht noch mehr als die reinen. Ob es sie aber an der Regierung haben will, ist eine andere Frage.
Wenn Julija Timoschenko jetzt, mit Absicht oder weil die Kraft der Mythen es einfach so fügt, nicht nur dem Modell der heiligen Johanna folgt, sondern ebenso den Weg der Sonja, der Katjuscha und der Margarita geht, hat sie eine Chance, die Macht des Regimes nicht nur herauszufordern, sondern auch, sie auf lange Sicht zu bezwingen. Janukowitsch, den autoritären Präsidenten, hat sie im Kampf der Bilder längst besiegt. Sein Ruf ist ruiniert, seit seine Richter und Staatsanwälte „Julija“ in den Isolator gesteckt haben. Ob der Pfad der befleckten Helden sie dabei jemals wieder an die Spitze des Staates führt oder ob sie sich damit wird begnügen müssen, von ihrer Zelle in der Lukjaniwska aus die brutale Verkommenheit der Macht zu entlarven, bleibt offen. Für Bulgakows Margarita jedenfalls hat es den Weg zurück nicht gegeben.
ein schönes bild
Theo Schönburg (kleio62)
- 30.08.2011, 14:09 Uhr
ein anderes Bild
Marina Sidorenko (manixe)
- 29.08.2011, 23:35 Uhr
Ein wenig viel Pathos
Marc Schweizer (NemiroffPremium)
- 29.08.2011, 23:06 Uhr
Vielen Dank, EOM
Carolus Doomdey (Domday)
- 29.08.2011, 21:50 Uhr
Kluger Zopf
Maik Trommer (MaikTrommer)
- 29.08.2011, 21:05 Uhr