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Julian Assange : Der Gefangene des Zwischenreichs

  • -Aktualisiert am

Selbst jene, die in ihm den Heiligen der letzten Internettage sehen, können nicht mehr: London im Assange-Sommer Bild: Getty Images

Was ist im Fall Assange eigentlich der Fall? Seine Person? Seine Taten in Schweden? Oder verweist das Drama auf die größere, verdrängte Schuld derer, die den Irakkrieg begonnen haben?

          Den Assange-Fall habe ich mit einem Unbehagen verfolgt, dessen Ursache ich nicht benennen konnte. Hier nahm einer die Pose des verfolgten Aufklärers ein, aber ich tat mich schwer damit, ihn als solchen zu akzeptieren, vor allem wegen seiner zweifelhaften Unterstützer wie Wladimir Putin. Aber man entkommt ihm nicht, der Fall schillert und dauert und scheint bestens zum Thema des in diesem Sommer veröffentlichten Konfusionsessays von Ferdinand von Schirach zu passen: „Verstehen Sie das alles noch?“

          Doch auch solch eine Haltung hat nur einen begrenzten Haltbarkeitswert, wenn man intellektuell und publizistisch redlich bleiben will. Man muss sich wenigstens bemühen zu verstehen. Also begann ich, mich mit dem Fall zu beschäftigen. Doch nach einiger Zeit wurde mir klar, dass schon dieser Entschluss problematisch ist, denn was ist der Fall im Fall Assange?

          Wie eine Traumerzählung

          Sein organisierter Geheimnisverrat? Seine lange Geschichte als Hacker? Überstrahlt wird alles von den Bildern, von dem gut zu fotografierenden, weil immer mehrdeutigen Gesicht und den weißen Haaren. Assange stellt sich selbst aus und macht sein Assange-Sein, seine Geschichte und seine Männlichkeit zum Thema seines Buches. Wobei sein Buch, also „Julian Assange. Die unautorisierte Autobiografie“, wieder diesen für den Fall typischen Charakter des Unaufgelösten und Verkorksten hat: Er hat es zwar selbst geschrieben, dann aber nicht autorisiert. Der Status dieses Textes bleibt also ewig unklar. Es ist ein introspektiver Text, der dem Leser immer etwas mehr verrät, als er wissen möchte.

          Manche Passagen wirken wie eine Traumerzählung, etwa das Kapitel über die Flucht der Familie vor einem Stiefvater, der einer mansonartigen Sekte angehörte. Sie flohen über das australische Hinterland in einem alten Auto, alle Habseligkeiten an Bord. Hinten der Bruder mit seinem Haustier, einem Hahn, daneben Assange mit seinen Haustieren, einem Bienenvolk. Bei Pausen wurde den Tieren Auslauf gewährt, da gingen die Bienen auf den Hahn los und die Assange-Brüder hinterher. Schließlich wird im Buch ein Showdown geschildert; erst in der Konfrontation mit dem unheimlichen zweiten Mann seiner Mutter erlebt sich Assange als erwachsen, freut sich an seiner Kraft. Jedenfalls verzieht sich der andere.

          Nichts bleibt der Phantasie überlassen

          Es liest sich wie ein Traum. Aber ist in dieser australischen Hippie- und Hackerjugend die Quelle der anhaltenden Verstörung zu suchen? Oder doch in Schweden? Wer dazu Dokumente nachlesen möchte, findet schnell alles zu diesem Fall im Netz. Sämtliche Zeugenbefragungen sind dort zu lesen, auch die Befragung Assanges. Schon seine zweite Antwort enthält die Frage, ob dieses Protokoll denn auch wirklich vertraulich sei: Sicher stehe es morgen in der „Expressen“, Schwedens auflagenstärkster Tageszeitung. Man versichert ihm, das Dokument sei vertraulich, nur die im Raum anwesenden Personen würden es bekommen. Und am folgenden Tag stand es in „Expressen“.

          Manch einer wird schadenfroh bemerkt haben, gerade der, der mit dem Verraten von Geheimnissen berühmt wurde, fragt hier ängstlich nach Vertraulichkeit. Doch es ist ein Unterschied zwischen Dokumenten, die das Handeln von Diplomaten und Regierungen ausstellen, und diesen Protokollen zu Fragen des Intimlebens. Nichts bleibt der Phantasie überlassen, nach der Lektüre könnte man das Geschehen mit Playmobilfiguren nachstellen, so detailliert ist die Schilderung.

          Ein Foucaultscher Albtraum

          Das ist so merkwürdig an diesen Papieren: die vielen Details, die keinen eindeutigen Schluss zulassen, letztlich wenig aussagen. Nach Auswertung der Protokolle erhebt die zuständige Staatsanwaltschaft keine Anklage, wochenlang nicht. Erst als Assange das Land verlassen hat, wird er zu einer zweiten Befragung geladen, und diese Ladung ist die Basis für den internationalen Haftbefehl. Nach einer zweiten förmlichen Befragung kann die Staatsanwaltschaft Anklage erheben, und natürlich wird damit gerechnet, dass sie es auch tut, wenn sie Assange denn bekommt. Aber rechtfertigt der Fall das ganze Drama?

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