Home
http://www.faz.net/-gsf-72ooh
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Julian Assange Der Gefangene des Zwischenreichs

 ·  Was ist im Fall Assange eigentlich der Fall? Seine Person? Seine Taten in Schweden? Oder verweist das Drama auf die größere, verdrängte Schuld derer, die den Irakkrieg begonnen haben?

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (25)
© Getty Images Selbst jene, die in ihm den Heiligen der letzten Internettage sehen, können nicht mehr: London im Assange-Sommer

Den Assange-Fall habe ich mit einem Unbehagen verfolgt, dessen Ursache ich nicht benennen konnte. Hier nahm einer die Pose des verfolgten Aufklärers ein, aber ich tat mich schwer damit, ihn als solchen zu akzeptieren, vor allem wegen seiner zweifelhaften Unterstützer wie Wladimir Putin. Aber man entkommt ihm nicht, der Fall schillert und dauert und scheint bestens zum Thema des in diesem Sommer veröffentlichten Konfusionsessays von Ferdinand von Schirach zu passen: „Verstehen Sie das alles noch?“

Doch auch solch eine Haltung hat nur einen begrenzten Haltbarkeitswert, wenn man intellektuell und publizistisch redlich bleiben will. Man muss sich wenigstens bemühen zu verstehen. Also begann ich, mich mit dem Fall zu beschäftigen. Doch nach einiger Zeit wurde mir klar, dass schon dieser Entschluss problematisch ist, denn was ist der Fall im Fall Assange?

Wie eine Traumerzählung

Sein organisierter Geheimnisverrat? Seine lange Geschichte als Hacker? Überstrahlt wird alles von den Bildern, von dem gut zu fotografierenden, weil immer mehrdeutigen Gesicht und den weißen Haaren. Assange stellt sich selbst aus und macht sein Assange-Sein, seine Geschichte und seine Männlichkeit zum Thema seines Buches. Wobei sein Buch, also „Julian Assange. Die unautorisierte Autobiografie“, wieder diesen für den Fall typischen Charakter des Unaufgelösten und Verkorksten hat: Er hat es zwar selbst geschrieben, dann aber nicht autorisiert. Der Status dieses Textes bleibt also ewig unklar. Es ist ein introspektiver Text, der dem Leser immer etwas mehr verrät, als er wissen möchte.

Manche Passagen wirken wie eine Traumerzählung, etwa das Kapitel über die Flucht der Familie vor einem Stiefvater, der einer mansonartigen Sekte angehörte. Sie flohen über das australische Hinterland in einem alten Auto, alle Habseligkeiten an Bord. Hinten der Bruder mit seinem Haustier, einem Hahn, daneben Assange mit seinen Haustieren, einem Bienenvolk. Bei Pausen wurde den Tieren Auslauf gewährt, da gingen die Bienen auf den Hahn los und die Assange-Brüder hinterher. Schließlich wird im Buch ein Showdown geschildert; erst in der Konfrontation mit dem unheimlichen zweiten Mann seiner Mutter erlebt sich Assange als erwachsen, freut sich an seiner Kraft. Jedenfalls verzieht sich der andere.

Nichts bleibt der Phantasie überlassen

Es liest sich wie ein Traum. Aber ist in dieser australischen Hippie- und Hackerjugend die Quelle der anhaltenden Verstörung zu suchen? Oder doch in Schweden? Wer dazu Dokumente nachlesen möchte, findet schnell alles zu diesem Fall im Netz. Sämtliche Zeugenbefragungen sind dort zu lesen, auch die Befragung Assanges. Schon seine zweite Antwort enthält die Frage, ob dieses Protokoll denn auch wirklich vertraulich sei: Sicher stehe es morgen in der „Expressen“, Schwedens auflagenstärkster Tageszeitung. Man versichert ihm, das Dokument sei vertraulich, nur die im Raum anwesenden Personen würden es bekommen. Und am folgenden Tag stand es in „Expressen“.

Manch einer wird schadenfroh bemerkt haben, gerade der, der mit dem Verraten von Geheimnissen berühmt wurde, fragt hier ängstlich nach Vertraulichkeit. Doch es ist ein Unterschied zwischen Dokumenten, die das Handeln von Diplomaten und Regierungen ausstellen, und diesen Protokollen zu Fragen des Intimlebens. Nichts bleibt der Phantasie überlassen, nach der Lektüre könnte man das Geschehen mit Playmobilfiguren nachstellen, so detailliert ist die Schilderung.

Ein Foucaultscher Albtraum

Das ist so merkwürdig an diesen Papieren: die vielen Details, die keinen eindeutigen Schluss zulassen, letztlich wenig aussagen. Nach Auswertung der Protokolle erhebt die zuständige Staatsanwaltschaft keine Anklage, wochenlang nicht. Erst als Assange das Land verlassen hat, wird er zu einer zweiten Befragung geladen, und diese Ladung ist die Basis für den internationalen Haftbefehl. Nach einer zweiten förmlichen Befragung kann die Staatsanwaltschaft Anklage erheben, und natürlich wird damit gerechnet, dass sie es auch tut, wenn sie Assange denn bekommt. Aber rechtfertigt der Fall das ganze Drama?

Der kurze schwedische Sommer 2010 Julian Assanges gehört mittlerweile zu den am besten dokumentierten Zeitspannen der Menschheit. Seitenlang schildern die Zeuginnen ihre kurze Bekanntschaft mit ihm; man liest von Spaziergängen am Wasser, von gestreichelten Hunden und kanadischen Gänsen. Ein beschafftes Laptopkabel spielt eine Rolle, auch ein belegtes Knäckebrot. Man liest auch von Enttäuschung, Assange habe sich mehr mit seinem Laptop beschäftigt als mit seinen Gastgeberinnen und Freundinnen sowie einmal morgens in barschem Ton nach Frühstück verlangt. Und es geht um Sex, seitenweise, ein Foucaultscher Albtraum.

Ist Assange Opfer einer Verschwörung?

Es ist eine Kippfigur: Mal sieht man die zu vertrauensseligen Frauen, die einen Unbekannten in ihre Wohnung einladen, mal die manipulative und übergriffige Berühmtheit, die seine Fans wie Groupies behandelt. Aber es ist vielleicht die völlig falsche Frage. Hier ist Stoff für einen großen Streit unter den Beteiligten und vielleicht der Gegenstand eines Aussage-gegen-Aussage-Verfahrens vor dem Stockholmer Amtsgericht. Das ist nicht das Zeug, aus dem globale Skandale gemacht sind, die die höchste Ebene der Diplomatie von nunmehr vier Staaten und alle Medien weltweit beschäftigen. Hier hat sich etwas verschoben, und das verstellt den Durchblick.

In dem 2010 veröffentlichten Film „Fair Game“ über die illegale Enttarnung der CIA-Agentin Valerie Plame durch die Bush-Regierung gibt es eine Szene, an die ich während des Studiums des schwedischen Falls plötzlich denken musste. Plames Mann, der von Sean Penn gespielte Bush-Kritiker Joe Wilson, fragt im Hörsaal einen Studenten: „Wer von euch kennt den Namen meiner Frau?“ Alle heben die Hände. „Wer weiß etwas über Niger und Yellowcake?“ Nur verstreute Meldungen. Wilson hatte in einem Artikel der „New York Times“ Behauptungen des Weißen Hauses widerlegt, wonach der Irak in Niger versucht hatte, an einen solchen Yellowcake, also an Ausgangsstoffe für die Herstellung von Brennelementen, zu kommen. Daraufhin hatte die Regierung Wilson mit dem Hinweis zu schaden versucht, seine Frau sei ja Agentin. Die Medien hatten sich auf die enttarnte Agentin gestürzt, das Foto von Plame und Wilson überstrahlte den eigentlichen Skandal - die Lügen des Weißen Hauses. Heute müsste man fragen: Wer kennt Julian Assange und kann sagen, was man ihm vorwirft? Und dann: Mit welchem Video wurde er berühmt? Wen und was zeigt es? Je sichtbarer Assange ist mit seinen Balkonreden, desto dunkler wird die Erinnerung daran, was die Brisanz von Wikileaks ausgemacht hat. Diese Organisation ist seitdem de facto lahmgelegt, Quellen können sie nicht mehr schützen, sie können sich ja selbst kaum schützen. Ist Assange Opfer einer Verschwörung? Dafür gibt es keinen Hinweis. Assange war auch leichtsinnig. Der Herr über all diese geheimen Daten, der Hacker, der die Großmächte herausfordert, begibt sich in die Wohnung von Unbekannten, schläft dort mit all seinen Telefonen und Laptops den Schlaf des Gerechten und weiß kaum, mit wem er es zu tun hat.

Das Phänomen des Wiedergängers

In seinem Buch beschreibt Assange eine Schwedin als leicht neurotisch, die andere als naiv und allzu anhänglich oder gar verliebt. Auf der anderen Seite drehen Briten und Schweden durch, der Aufwand der Repression ist unverhältnismäßig. Doch all dies ist gar nicht das Wesentliche dieses Falls, das ist nicht der Grund, warum er zum Symbol unserer Zeit taugt. Das Entscheidende ist, dass er nicht vergeht, sondern in einem legalen Zwischenreich aufgehoben ist. Es ist nicht abzusehen, wann Assange diese Botschaft verlässt, seine Zelle, die er dem drohenden amerikanischen Schattenreich vorzieht. Dieses Schattenreich gibt es: Gegen seinen eingekerkerten mutmaßlichen Informanten Bradley Manning ist bis heute kein Verfahren eröffnet worden - ebenso wenig gegen die Häftlinge in Guantánamo Bay. Es gibt ein ganzes Archipel mit Gefangenen und Verdächtigen, die dem öffentlichen Strafverfahren entzogen sind.

Nicht vergehende Fälle, Skandale ohne Auflösung und Verbrechen ohne Strafe, die permanente Verbannung in ein zweifelhaftes Zwischenreich, das ist das Merkmal, das der Fall Assange mit den beunruhigenden, schlimmsten Taten unserer Zeit teilt. Darum ist er so albtraumhaft verstörend. Es ist das Phänomen des Wiedergängers.

Unser verdrängendes Bewusstsein

Wir haben von Kindheit an das Rechtsstaatsprinzip internalisiert und vertrauen darauf, dass auf die Schuld eine Strafe folgt, dass Unrecht verfolgt und Unschuld beschützt wird. Das ist ein zentraler Teil unseres psychischen Immunsystems, so sehr, dass wir oft auf das Verfahren allein vertrauen, also glauben, dass eine Anklage schon auf die Schuld hinweist, nach dem Sprichwort „Wo Rauch ist...“. Die gleiche Operation vollzieht unser Bewusstsein auch umgekehrt: Wenn keine Strafe erfolgt, dann wird es schon kein Verbrechen gewesen sein.

Man muss sich noch einmal das Video ansehen, mit dem Wikileaks und Assange berühmt wurden, eine Aufnahme aus der Pilotenkanzel eines Kampfhubschraubers. Der Pilot nimmt an, dass es sich bei dem Kamerateam der Agentur Reuters um Aufständische handele, die Kamera eine Waffe und das Stativ ein Granatwerfer sei. Der Pilot feuert, aber einige suchen Deckung. Der Hubschrauber fliegt um den Block und feuert noch mal, bis alle tot sind. Das war ungefähr in jener Phase des Irak-Kriegs, in der Präsident Bush seine Sonderbeauftragte fragte, wie es denn dort so sei, im Irak. Sie antwortete: „Die Hölle, Mister President.“ Bis heute wurde niemand für diese Toten zur Rechenschaft gezogen. Keine Anklagen, keine Verfahren für jene, die sie dort hingeschickt haben.

In der vergangenen Woche schrieb der Friedensnobelpreisträger Bischof Desmond Tutu einen vielbeachteten Beitrag im „Observer“. Er begründet darin seine verspätete Absage einer Podiumsdiskussion, an der auch Tony Blair teilnehmen sollte. Und er trifft den Kern unseres verdrängenden Bewusstseins, wenn er feststellt, dass wegen des ungerechtfertigten, illegalen Angriffskrieges auf den Irak ein Verfahren vor dem internationalen Gerichtshof in Den Haag stattfinden müsste. Hunderttausende tote irakische Zivilisten, gefallene amerikanische und britische Soldaten, Verwundung und Verstümmelung, Zerstörung und Vertreibung gab es, ohne dass die dafür in schmerzvollen historischen Prozessen herausgearbeiteten Bedingungen und Verfahren beachtet worden wären.

Das Symptom unseres schlechten Gewissens

Aus Interviews mit damals entscheidenden Personen wissen wir, dass der Entschluss zum Angriff auf den Irak der Suche nach Gründen vorausging. Man entschloss sich, so Wolfowitz, die Gefahr durch Massenvernichtungswaffen in den Vordergrund zu spielen, um größere Unterstützung zu mobilisieren, aber der Entschluss stand da schon fest. Man kann sich das alles im Netz in der exzellenten Zusammenstellung „Leading to war“ kostenlos ansehen und zugleich erkennen, was man vergessen hat.

Ohne diese Lügen keine Folter in Abu Ghraib und Guantánamo, keine Videos und Dokumente von Kriegsverbrechen, kein Verrat von Geheimnissen, kein Wikileaks und kein Assange. Es ist das ursprüngliche Verbrechen. Das Drama um Assange ist das Symptom unseres schlechten Gewissens, wie ein wiederkehrender Albtraum. Assange verweist auf Bradley Manning, der auf Rumsfeld, Bush, Cheney und Blair verweist. Sie müssen vor ein ordentliches Gericht, alle.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

Jüngste Beiträge

99 Luftballons

Von Fridtjof Küchemann

Google will jetzt auch die Lufthoheit und lässt kommunizierende Ballons durch die Stratosphäre segeln. Wie niedlich, könnte man meinen, würde man den kalifornische Datensammler nicht besser kennen. Mehr 1 3