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Jugendkriminalität : Gestörte Wahrnehmung?

Über Kreuz mit Reusch: Justizsenatorin von der Aue Bild: dpa

Der Berliner Oberstaatsanwalt Reusch - Leiter einer Anklagebehörde für junge Kriminelle mit intensiver Karriere - wird seinen Stuhl demnächst wohl räumen müssen. Wer aber glaubt, damit könne die Diskussion erstickt werden, ist mindestens naiv.

          Wer behauptet, der Berliner Oberstaatsanwalt Reusch - Leiter einer speziellen Anklagebehörde für junge Kriminelle mit intensiver Karriere - sei versetzt worden, irrt. Er sei nämlich so wenig „versetzt“ wie schon vor einem Jahr, sagt die Justizpressestelle im Kriminalgericht Moabit. Nun haben aber alle Berliner Zeitungen, die erst recherchieren und dann kommentieren, das Gegenteil längst vermeldet: Roman Reusch soll versetzt werden, auch der Generalstaatsanwalt hatte das unlängst im Rechtsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses angekündigt.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Der Ermittler ist bekanntlich recht erfolgreich und wird nicht nur in Juristenkreisen geschätzt. Doch er ist auch über Kreuz mit der Justizsenatorin (Ein Staatsanwalt darf nicht über Jugendkriminalität reden) Gisela von der Aue, einer ehrgeizigen Sozialdemokratin. Dieses Zerwürfnis existiert schon länger als ein Jahr, und es ist in der Stadt ein offenes Geheimnis, dass der Politikerin die gesamte Linie der Intensivtäterabteilung nicht passt. Dass der Leiter derselben seine Arbeit auch noch bei öffentlichen Diskussionen oder gar in Zeitungen selbst vertrat, hat immer wieder für Verdruss gesorgt. Zumal die Senatorin in der gleichen Zeit alle paar Wochen für einen neuen Skandal verantwortlich gemacht wurde - zuletzt für aberwitzige Zustände in der überfüllten Jugendhaftanstalt Berlin-Plötzensee.

          Nicht karrierefördernd

          Hier Nichterfolg, da inzwischen überregionales Interesse - das ist für untergebene Beamte nicht unbedingt karrierefördernd. Roman Reusch wird darum seinen Stuhl demnächst wohl räumen müssen. Gleichzeitig wird eine Spur zu eifrig dementiert, dass die ganze Abteilung für junge Erpresser, Prügler und Räuber mit Hang zur Wiederholung durch eine unauffälliger agierende ersetzt werden soll. Eine, die keiner mehr fürchten muss, weil sie wieder routiniert die katastrophalen Entwicklungen in einigen Vierteln von Berlin in den Mantel politisch korrekten Schweigens hüllt.

          Die Reusch-Abteilung hatte sich unbeliebt gemacht, weil sie immer wieder darauf hinwies, dass trotz umfangreicher Präventionsmaßnahmen sich die kriminelle Energie junger Straftäter immer krasser entfaltete. Die Analyse der Intensivtäterstatistik ergab zudem, dass in bürgerlichen Vierteln von Berlin gerade mal eine Handvoll dieser gefährdeten Jugendlichen lebt, in den schwierigsten aber die Mehrheit (im Jahre 2006 waren es 99 in Neukölln, inzwischen sind es 113, 44 leben in Moabit, 70 in Wedding, und 55 in Kreuzberg). Zudem stammten unverhältnismäßig viele junge Serientäter aus arabischen Familien (46 Prozent), zumeist Libanesen, Mhallamiye-Kurden und Palästinenser, die wiederum nur eine kleine Minderheit der Berliner Zuwanderer ausmachen.

          Stadtbekannte Fakten

          Diese Fakten sind längst stadtbekannt, sie haben es sogar - keineswegs durch Wahlkämpfe irgendwo ausgelöst - immer mal wieder aus den Lokalteilen der Zeitungen auf Seite 1 und in die Kommentarspalten geschafft; auf den Leserseiten und im Internet wird darüber lebhaft debattiert. Wer dort nachliest, kann kaum zu der Erkenntnis kommen, hier würden arme Jungs oder ganz normale Gauner stigmatisiert. Vielmehr ergibt sich das Bild einer beunruhigenden Unsicherheit auf Berliner Straßen, Schulhöfen und Schulwegen, für U-Bahn-Benutzer, Lehrer und nicht selten auch Polizisten. Die forschen Einwände von Politikern der Grünen, der Linken, aber auch aus der Sozialdemokratie, dies alles werde wieder gut, sofern wir nur alle nett zueinander seien und noch mehr Geld in die Schulen gepumpt werde, können da kaum noch verfangen. Wer zudem glaubt, mit der Versetzung eines Beamten könne die Diskussion erstickt werden, ist mindestens naiv. Die Senatorin aber redet zuweilen über die von Reuschs Abteilung beklagten Phänomene, als litten die Ermittler unter Wahrnehmungsstörungen.

          Reusch wäre nicht der erste kritische Geist in Berlin, dem das passiert. Vor einiger Zeit wurde ein hoher Kriminalbeamter abgelöst. Er hatte ein Jahrzehnt lang eine Spezialabteilung des Landeskriminalamtes aufgebaut, die offenbar zu gründlich die Verstrickung bestimmter Gruppen in die organisierte Kriminalität analysierte und auch in dieser Zeitung auf gefährliche Fehlentwicklungen in Migrantenvierteln aufmerksam machte. Die Arbeit werde von anderen weitergeführt, hieß es damals. Stillen Beamten, die der Öffentlichkeit ersparen, was sie beunruhigen könnte.

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