16.12.2006 · Sie rauben, erpressen und prügeln. Sie hassen Deutsche und Juden und leben nur nach dem Recht der Straße. Viele sind nicht strafmündig und von ihren Eltern, der Schule und der Polizei schon aufgegeben worden. Kapitulieren wir vor kriminellen Kindern?
Von Regina MönchZwei Jungen geraten vor einem Schultor in Berlin-Neukölln aneinander. So jedenfalls sieht es aus. Doch der eine, ein Deutscher und damit in der Schule wie im Viertel Angehöriger einer Minderheit, wehrt sich nur. Er will sein Handy nicht hergeben. Der andere, ein arabischer Junge, „zieht ihn ab“. Das ist der niedliche Ausdruck für Raub unter Schülern. Mit dem Gerät erbeutet der Räuber auch den Schülerausweis seines Opfers und damit dessen Adresse. Der Räuber, dessen intensive kriminelle Karriere in Kindertagen begann, fliegt schließlich zu Hause raus.
Die Eltern werden mit ihm nicht mehr fertig. Die Verwandten auch nicht. Deren Erziehungsmethoden sind zudem nicht gerade das, was Sozialtherapeuten und liberale Pädagogen empfehlen. Und so steht der kleine Räuber eines Abends vor der Wohnungstür des Opfers und verlangt Obdach, denn sie, die Familie des „abgezogenen“ Jungen, habe ihm den Ärger eingebrockt. Die Opferfamilie sucht wieder Hilfe, stößt auf viel Verständnis und Mitgefühl, doch wirklich helfen kann niemand, und so lebt sie fortan in Angst. Mitten in Berlin.
Handschellen, Protokoll, Schulhof
Der Räuber mißhandelt seinen Mitschüler weiter, erpreßt ihn sogar. Das Opfer vertraut sich seinen Lehrern an. Die Polizei wird wieder eingeschaltet. Es kommt bei der Übergabe des erpreßten Geldes zur Verhaftung. Die Handschellen schnappen zu. Zwei Stunden später steht der Übeltäter wieder auf dem Schulhof. Ein Held, der damit prahlt, daß er jeden fertigmachen könne, weil er ja nicht einmal vierzehn sei. Vor Lehrern und Schülern warnt er sein Opfer: Nächste Woche seien dann hundert Euro fällig. Der erpreßte, mißhandelte, verängstigte Schüler ist auch erst vierzehn Jahre alt. Er besucht seitdem nicht mehr die Schule, die ihm keinen Schutz bieten kann, obwohl die Polizei den Täter wieder und wieder verhaftet, immer mit dem gleichen Ergebnis; Handschellen, Protokoll, Schulhof. Die Mutter dieses Opfers kapituliert, sie wird mit ihrem Sohn das Viertel verlassen, denn sie werden auch auf der Straße angepöbelt und verfolgt.
Das Kollegium der Schule ist empört, aber ratlos. Verzweiflung könne man sich nicht leisten, sagt ein Lehrer, schließlich sei die Mehrzahl der Schüler stinknormal, mit vielleicht ein paar mehr Lebensnöten beladen als Gleichaltrige in anderen Berliner Vierteln. Warum gibt es an der Schule keine Solidarität, die Opfer schützen würde? „Du Opfer!“ sagt der Schulleiter bitter, das sei so ziemlich das schlimmste Etikett für einen Heranwachsenden in manchen Vierteln. Und nur, weil es auch auf Schulhöfen gebraucht wird, wissen wir davon. Wer als Opfer stigmatisiert ist, hat dort verloren, wo es um physische Stärke, um vermeintliche Ehre und die Zugehörigkeit zu einem Clan, einer Kraftprotzclique oder einer bestimmten Ethnie geht.
Auch Antisemitismus spielt eine Rolle
Für das, was wir im umgekehrten Falle rassistische Diskriminierung nennen würden, gibt es keine Rubrik in den unzähligen Statistiken, die Gewaltausbrüche von Jugendlichen hochdifferenziert erfassen. Zwei Berliner Jugendrichter machten unlängst auf dieses neuere Phänomen - „eine unverblümte Deutschenfeindlichkeit“ - in einem Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ aufmerksam.
Antisemitismus kommt noch hinzu. Nun lernen Schüler jüdischen Glaubens eher selten an Schulen, deren Schüler überwiegend aus arabischen oder türkischen Familien stammen. Doch wechselten gerade zwei Kreuzberger Mädchen an ein Gymnasium in Mitte, weil sie den Terror auf dem Schulweg in Kreuzberg - bespuckt, verprügelt, gejagt und beschimpft zu werden - nicht mehr ertrugen. In der Schule hatten die Lehrer diese Ungeheuerlichkeit mit Erfolg bekämpfen können. Doch nicht einmal Polizeischutz konnte dem jüdischen Mädchen helfen. Und so floh es, gemeinsam mit einer Freundin, die nur zum „Opfer“ wurde, weil sie zu ihr hielt, an das Jüdische Gymnasium. Sie sind dort nicht die einzigen mit solchen Erfahrungen.
Unterentwickeltes Bewußtsein für Unrecht
Viele dieser Jungen sind seit ein paar Jahren in einer speziellen Kartei erfaßt: Es sind junge Intensivtäter, deren Roheitsdelikte sich nicht nur atemraubend häufen, sondern bereits im Kindesalter beginnen und sich durch besondere Brutalität auszeichnen. Ein Staatsanwalt arbeitet in diesen Fällen eng mit Polizei und Jugendamt zusammen. Nicht allen, die um einen politisch möglichst korrekten Frieden auf Berlins Straßen bemüht sind, gefallen die Erkenntnisse des Oberstaatsanwalts Reusch. Achtzig Prozent der Intensivtäter, die Mehrzahl davon im Jugendalter, kommen aus Migrantenfamilien.
Arabische, kurdische oder vermeintlich libanesische Jungen sind die auffälligste Gruppe, nicht nur wegen ihrer überdurchschnittlich großen Zahl - gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung. Sie kommen oft aus Familien, Clans mit bis zu zweihundert Mitgliedern, deren Jungenerziehung wir Kindesmißhandlung nennen. Nur sieht man es dort als althergebrachte Erziehungsmethode, mit der sich Väter und große Brüder oder Cousins Respekt verschaffen. Die Jungen reichen diese Erfahrung auf der Straße weiter, ihr Bewußtsein für Unrecht ist so unterentwickelt wie ihre Gewißheit groß ist, daß ihnen keiner etwas anhaben kann.
Beschränkte Möglichkeiten für die Schulen
Und die Lehrer? Sie erfahren oft nur zufällig, was einige ihrer Schüler auf dem Kerbholz haben. Eher wird bekannt, daß ein Opfer wieder einmal im Krankenhaus gelandet ist. Der Täter aber genießt Datenschutz, und den Schulen wird unterstellt, Schläger und Dealer stigmatisieren zu wollen. Die Opfer, so eine Polizeisprecherin, müßten auch lernen, sich zu wehren. „Täterschutz vor Opferschutz“ ist die Formel, die der Rektor einer Neuköllner Hauptschule gebraucht. Er arbeitet wie viele seiner Kollegen eng mit der Polizei zusammen. Doch es gibt seiner Meinung nach zu hohe bürokratische Hürden, die Pädagogen behindern, die sich als Schutzmacht all ihrer Schüler verstehen. Gewalttätig sind nur wenige, doch gefährden sie viele und können schon zu zweit oder zu dritt (dazu natürlich die Freizeitgang, die Verwandten) das Klima an einer Schule vergiften.
Die Möglichkeiten der Schulen, auf brutale Zwischenfälle mit Sanktionen zu reagieren, sind äußerst beschränkt: Briefe an die Eltern, sofern sie lesen können. Wenn nicht, bleibt noch, einen Dolmetscher für sie zu bezahlen (im Schuletat eigentlich nicht vorgesehen) und Einbestellung zum vertrauensvollen Gespräch. Hilft selten. Dann bleibt noch die Suspendierung vom Unterricht. Sie beeindruckt niemanden, dessen Schlachtfeld die Straße ist. Zu guter Letzt bleibt der Schulverweis. Sind die Übeltäter schulpflichtig, wandern sie unter Umständen von Schule zu Schule, was auch selten hilft, die intensive Gewaltkarriere zu bremsen, trotz Sozialtherapeuten, Jugendpsychologen und verpflichtendem Anti-Gewalt-Training.
Wie soll es weitergehen?
Die Lehrer wissen das. Das Milieu, in dem diese Jungen - Mädchen tauchen da nur ausnahmsweise auf - kriminell wurden, bleibt. Es ist fast immer eine parallele Welt, in der ein sogenannter Friedensrichter mehr zu sagen hat als Polizei, Jugendamt und Lehrer zusammen. Ein Friedensrichter aus dem wichtigsten Clan des Viertels, der zur Not auch mit Geld oder Drohungen die Zeugen einschüchtert. Damit alles in der Familie bleibt.
Vom Weiterreichen von Schule zu Schule haben sich Neuköllner Schulleiter jetzt verabschiedet. Doch wie soll es weitergehen? Noch ein Netzwerk, noch eine Statistik, noch mehr ungehörte Briefe um Hilfe an Behörden, die nur eines zu wissen scheinen: Datenschutz ist wichtig, Elternrechte gehen über alles, und runde Tische besänftigen zwar nicht die Presse, aber die Gutmenschen im Kiez. Die Polizei, die zuweilen in bestimmten Vierteln auf der Verliererseite zu stehen scheint, wird jetzt nach neuen Leitlinien, wie es heißt, „verbal sensibilisiert“. Anlaß waren Krawalle in Kreuzberg, die eskalierten, als die Polizei dreiste junge Diebe aufs Revier bringen und die Nachbarschaft ihre Jungs nicht hergeben wollte. Sie waren doch noch so jung.
Schadensbegrenzung für den guten Ruf
Man müsse dies differenziert sehen, heißt es beim Berliner Polizeipräsidenten. Statistisch sei nachgewiesen, daß die Jugendgewalt zurückgehe. Doch die Berliner Kartei junger Intensivtäter wächst, trotz gewisser Korrekturen, die den Täterkreis einschränken sollten. Und der Hinweis, es gebe nicht nur in bestimmten Vierteln diese Jungen mit der atemraubenden kriminellen Karriere, sondern überall in der Stadt, klingt nach Schadensbegrenzung für den guten Ruf.
Denn ein Blick auf die Diagramme der Staatsanwaltschaft müßte ernüchtern. Etwa die Hälfte der 459 Intensivtäter hat einen deutschen Paß; als was sie sich begreifen, steht auf einem anderen Papier, und wie sie Deutsche wurden, auf einem weiteren. Nur einer lebt im bürgerlichen Lankwitz, drei im noch bürgerlicheren Zehlendorf, drei kommen aus Friedrichshain, weitere drei aus Köpenick, vier aus dem schicken Mitte. Doch im Wedding leben 65, in Tiergarten 44, im kleinen Kreuzberg 46 und 99 im großen Neukölln. Vier Säulen, die die sozialen Brennpunkte der Stadt deutlich markieren.
Stacheldraht, Blechnapf und Karzer?
Darüber, meinen Lehrer, sei nun endlich nicht mehr nur zu reden. Es sind zu viele Kinder darunter, die man vor sich selbst, vor allem aber vor ihrem Clan und sinistren Kriminellen schützen muß, die die Strafunmündigen für ihre Zwecke einsetzen. Die neue Berliner Justizsenatorin aber war gerade ernannt, da gab sie bereits bekannt, daß es mit ihr weder härtere Strafen geben wird für diese vom Wege abgekommenen Jungen noch geschlossene Heime. Das Jugendstrafrecht reiche aus. Das wirkliche Leben straft sie Lügen, aber der Reflex ist vertraut. Was stellen sich besorgte oder ahnungslose Politiker und Multikultiveteranen eigentlich unter einem „geschlossenen Heim“ vor? Stacheldraht vor dem Fenster und Blechnapf und Karzer?
Annette Schavan hat es einmal mit dem Begriff „Internate“ versucht, stand trotzdem sofort am Pranger als grausame Ewiggestrige. Diese Intensivtäter, besonders gefährdet und gefährlich, sind mit selbstbestimmter Jugendhilfe, die auf Freiwilligkeit basiert, und Strafarbeit zu wohltätigen Zwecken kaum zu beeindrucken. Und ihre Kindheit ist mitnichten das, was man einem Kind wünschen sollte. Wenn die Gesellschaft keine rettende Lösung für sie findet jenseits der gescheiterten althergebrachten Besserungsbemühungen, werden wir zumindest geschützte Häuser für die Opfer brauchen.