http://www.faz.net/-gqz-7x1fv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 03.12.2014, 13:32 Uhr

Jugendamt und Sorgerecht Warum ohne seine Tochter?

Das Bundesverfassungsgericht klopft psychologischen Gutachtern auf die Finger. Damit stärkt es Eltern den Rücken, denen das Jugendamt ohne Not ein Kind wegnehmen will. Ein Fall statuiert ein Exempel.

von
© dpa Es geht um Fälle, in denen der Staat ungerechtfertigt in private Lebensverhältnisse eingreift.

Was für ein Satz, der jetzt vom Ersten Senat des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe zu lesen ist, ein Satz der Bodenständigkeit, Gelassenheit und Vernunft: „Die Eltern und deren sozio-ökonomische Verhältnisse gehören grundsätzlich zum Schicksal und Lebensrisiko eines Kindes.“ Da möchte man eigentlich nur wissen: Wer wollte diese höchstrichterliche Anthropologie bestreiten? Wer wollte bestreiten, dass man sich seine Herkunft nicht aussuchen kann, im Guten wie im Schlechten? Dass man allenfalls versuchen kann, für sich persönlich das Beste aus ihr zu machen?

Christian Geyer-Hindemith Folgen:

Also: Wer bestreitet das? Bestritten wird dieser Realitätssinn von einem gerichtlichen Gutachterwesen, das nach dem Motto „Alles oder nichts“ für Eltern und ihre Kinder immer nur das Beste will - mit der beunruhigenden Konsequenz, dass, wer den Höchsterwartungen an sein eigenes Dasein und an das seiner Kinder nicht genügt, als nicht daseinstauglich, als anormal begutachtet werden kann und sich im Handumdrehen als jemand vorfindet, der weder rechts- noch erziehungsfähig ist. Wie viele Menschen sitzen fälschlicherweise in psychiatrischen Anstalten, nur weil ein Psychologen-Gutachten die Einweisung nahelegte? Immer mehr Fälle dieser Art werden bekannt. Und wie vielen Eltern werden aus demselben Grund ohne Not ihre Kinder weggenommen, vom Jugendamt in eine Fremdunterbringung gebracht?

Zäsur für das gerichtliche Gutachterwesen

Mehr als ein halbes Dutzend Mal haben die Karlsruher Richter in diesem Jahr Jugendämter und Gerichte gerügt, weil sie Eltern ohne tragfähige Begründung das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen haben. Dabei geht es selbstverständlich nicht um jene vergleichsweise wenigen, aber stark beachteten Fälle von schlimmer Verwahrlosung, bei denen das Jugendamt zu Recht und mitunter bedauerlicherweise auch zu spät einschreitet. Nein, stattdessen geht es um die vielen Fälle alltäglicher Denormalisierung, in denen der Staat unbotmäßig in private Lebensverhältnisse eingreift.

Jetzt hat, so sieht es aus, das Bundesverfassungsgericht in einem besonders fahrlässig gehandhabten Fall ein Exempel statuiert. Der Beschluss ist ein Dokument des Augenmaßes (Az. 1 BvR 1178/14) und dürfte eine Zäsur für das gerichtliche Gutachterwesen sein. Im Detail werden hier die Ansichten einer Sachverständigen dekonstruiert, welche maßgeblich dafür verantwortlich war, dass einem um Asyl ersuchenden Afrikaner zu Unrecht das Sorgerecht für seine Tochter aberkannt wurde. Zumal die beiden Fachgerichte werden gerügt, die ohne Wenn und Aber das fragliche Gutachten zur Grundlage ihrer nun aufgehobenen Entscheidung gemacht haben.

Mit geradezu spöttischem Unterton

Das Gutachten sei, so Karlsruhe, erkennbar nicht geeignet, die behauptete Kindeswohlgefahr aufzuklären: „Das hätten die Gerichte bei der Verwertung der Feststellungen des Sachverständigengutachtens berücksichtigen und die Feststellungen eigenständig auf ihre rechtliche Relevanz hin auswerten müssen. Dies ist nicht in der gebotenen Weise geschehen.“ Die Fachgerichte werden also ausdrücklich in die Pflicht genommen, sich nicht etwa blind auf ihre Gutachter zu verlassen, sondern deren Ergebnisse auf ihre Triftigkeit hin einer eigenständigen Prüfung zu unterziehen. Wie das geht, wird in dem Karlsruher Beschluss vorgemacht - mit vernichtenden Schlussfolgerungen für die Gutachter-Expertise.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Freiburg Ermittlungen gegen Jugendamt nach Alessios Tod eingestellt

Nach dem gewaltsamen Tod des dreijährigen Alessio sitzt der Stiefvater im Gefängnis, der Sachbearbeiter im Jugendamt muss eine Geldstrafe zahlen. Die Leitung der Behörde geht nun straffrei aus. Mehr

27.07.2016, 15:45 Uhr | Aktuell
NEU 10 O-Ton zur Tochter Bianca NEU 10 O-Ton zur Tochter Bianca

NEU 10 O-Ton zur Tochter Bianca Mehr

28.07.2016, 23:00 Uhr | Aktuell
Frauenleiche auf Mülldeponie Alles, was geht

Die Frankfurter Polizei hat aus 12.000 Tonnen Müll menschliche Überreste einer ermordeten jungen Frau geborgen. Nun ist das Urteil gegen den ehemaligen Freund gefallen. Mehr Von Raquel Erdtmann, Frankfurt

26.07.2016, 16:35 Uhr | Aktuell
Neues Gerät Esel von Eselflüsterer sprechen jetzt

Eselflüsterer Mark Ineson hat zusammen mit einer Veranstaltungsagentur aus London ein Gerät entwickelt, das Kindern beim Ritt auf einem Esel eine Idee davon geben soll, was dem Grautier gerade so durch den Kopf geht. Ich habe selbst 17 Esel. Ich arbeite Tag für Tag mit Ihnen und merke mir ihre Verhaltensweisen, verstehe ihre Emotionen, was sie so denken, sagt Ineson zu seiner Entwicklung. Mehr

29.07.2016, 11:14 Uhr | Gesellschaft
Steinewerfende Kinder Autofahrer bleibt auf Schaden sitzen

Zwei Kinder werfen Steine auf ein Auto und verursachen einen Schaden von mehr als 2000 Euro. Der Besitzer will die Kosten vom Kindergarten erstattet haben, die Erzieherinnen hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt. Münchner Richter sehen das anders. Mehr Von Anne-Christin Sievers

26.07.2016, 16:06 Uhr | Finanzen
Glosse

Merkels Trotz

Von Christian Geyer

Dass die Kanzlerin ihre Pressekonferenz dazu nutzte, sich als Rechthaberin zu inszenieren, war unsouverän, instinktlos und in der Sache falsch. Mehr 1457

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“