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Fünfzig Jahre nach 1968 : Die Zeiten konnten nicht finster genug sein

Eine Diskussionsveranstaltung zu den Berliner Studentenunruhen hinter dem Bockenheimer Studentenhaus in Frankfurt. Bild: Lutz Kleinhans

Vom Familienrecht bis zur öffentlichen Dauerentrüstung: Wer sich heute über das „versiffte links-rot-grüne 68er-Deutschland“ ereifert, übersieht, wie viel er in der eigenen Lebensführung jenen Protesten verdankt. Ein Kommentar.

          Die Jahreszahl 1968 ist zur Chiffre geworden. Angeblich steht sie für eine historische Zäsur. Wer heute, fünfzig Jahre danach, „1968“ sagt, meint also nicht nur Einträge in den Protestchroniken westlicher Nationalstaaten, Demonstrationen gegen Diktaturen und Stellvertreterkriege oder den „wilden“ französischen Generalstreik vom 16. Mai jenes Jahres. Gemeint sind auch nicht bloß universitäre Neuerungen wie das Stören von Seminaren, das Erzwingen von Diskussionen oder einem Themenwechsel in ihnen.

          Gemeint sind vielmehr eine Jugendbewegung und ihre politischen Erwartungen. 1968, das war zunächst Kapitalismuskritik und Kolonialismuskritik. Aber weder interessierte sich die Arbeiterschaft, in deren Namen die Studenten zu sprechen glaubten, sonderlich für eine Revolution, noch erwiesen sich das Leid Vietnams und der Trotz Kubas hierzulande als mehrheitsfähige Themen. Ironie der Geschichte: Erst durch den Zerfall der Studentenbewegung und nachdem auch die kommunistischen Splittergruppen am Ende waren, in denen viele Protagonisten danach eine Heimat gesucht hatten, trat mit dem Bewusstsein für die Umweltproblematik der konstruktivste politische Beitrag der 68er hervor.

          Gesellschaftlich genauso folgenreich war die Geste, mit der um 1968 herum die erste Generation, für die das Fernsehen selbstverständlich war, alle Autoritäten ins Licht der Öffentlichkeit stellen wollte, um deren Schatten zu zeigen. Keine Institution, die nicht mit Vorwürfen oder Kritik überzogen wurde – von der Familie über Schule und Universität, das Rechtssystem und die Wirtschaft bis zu den Parteien. Auf die Frage, was sie gern ändern würden, hätten die Studentensprecher damals sagen können: das Ganze. Überall wurde Unterdrückung beobachtet, überall der Befreiung bedürftige Menschen. Weit über Wohngemeinschaften und die Lockerung sexueller Verhaltensnormen hinaus gab es die Erwartung, schlechterdings alles müsse und könne „ausdiskutiert“, anschließend demokratisiert und neu verteilt werden. Auch das Private sei politisch, lautete der entsprechende Slogan, der alles den Zweifeln und Entlarvungen aussetzen wollte, außer das Zweifeln und das Entlarven selbst.

          Die Feindbilder überleben ihre Anlässe

          So konnten nur Jugendliche und junge Erwachsene argumentieren. Denn Jugend ist die Möglichkeit, sich schon zu Wort zu melden und also der Kindheit entwachsen zu sein, ohne doch bereits ganz dazuzugehören. Das erlaubte es zumindest rhetorisch und wenigstens für ein paar Jahre der Generation von 1968, eine umfassende Unzufriedenheit mit allem zu artikulieren. Sie verstand sich als utopisch, weil sie selbst so tun konnte, als wäre sie am falschen Ganzen unbeteiligt. Zugleich war es eine Revolte von Jugendlichen, die privilegiert waren, weil sie, anders als neun von zehn Mitgliedern ihrer Jahrgänge, studierten. Sie wussten also, dass sie bald etwas zu sagen haben würden, aber eben erst demnächst. Der Zeitraum dazwischen wurde für umso schärfere Appelle und umso verwegenere Forderungen genutzt. Dass Jugendliche keine Organisationsmacht haben, wurde als Tugend interpretiert. Seit 1968 gilt es schon als politisch, wenn jemand von anderen verlangt, ihr Leben oder wenigstens ihre Meinung zu ändern.

          Heute fällt an vielen der damaligen Protagonisten auf, dass sie nicht ahnten, wie sehr sie an der gesellschaftlichen Absorption ihres eigenen Protests beteiligt sein würden. Der Hedonismus von 1968 wurde von der Unterhaltungs- und Konsumgüterindustrie bearbeitet. Wer gefordert hatte, die Universität müsse demokratisiert werden, bekam den Wunsch als endlosen Sitzungsmarathon und in Form von Drittmittelanträgen erfüllt. Der Ruf nach mehr Teilhabe ließ die Bürokratien und das Feld staatlicher Zuständigkeiten wachsen.

          Studenten und Arbeiter demonstrieren in der Frankfurter Innenstadt gegen die Notstandsgesetze.

          Die Behauptung, die Gesellschaft sei unerträglich, der Kapitalismus ein Schrecken, der Rechtsstaat eine Farce und die Demokratie hohl, wurde also entweder im Zuge des Älterwerdens und nach mancher biographischen Konversion in Mitarbeit transformiert. Oder in die kriminellen Karrieren derjenigen, die auf ihre enttäuschten Illusionen mit Aggression antworteten. 1968 war nicht nur das Jahr, in dem die „Bild“-Zeitung Bürger dazu aufforderte, „die Drecksarbeit“ im Konflikt mit protestierenden Studenten nicht der Polizei zu überlassen, es war nicht nur das Jahr des Attentats auf Rudi Dutschke, sondern auch des ersten Anschlags von Andreas Baader und Gudrun Ensslin.

          Die entsprechenden Feindbilder überleben ihre Anlässe. Wenn heute auf einem AfD-Parteitag der Satz vom „versifften links-rot-grünen 68er-Deutschland“ Gejohle auslöst, ist das bemerkenswert. Denn es kommt von Leuten, die gar nicht merken, wie viel sie in ihrer eigenen Lebensführung jenen Protesten verdanken: vom Familienrecht über die Sexualmoral bis zur Gewöhnung an die öffentliche Dauerentrüstung, die sie praktizieren. Das unablässige Moralisieren, das den anderen kompromisslos kommt, weil es sich um die bösen Eliten handele, die sich gegen das Land verschworen haben, gehörte zur rhetorischen Grundausstattung von 1968. Schon damals konnten die Zeiten gar nicht finster genug sein, nur damit schrillste Töne angemessen waren. Es gehört zum Erbe von 1968, dass solche Weltbilder inzwischen altersunabhängig gepflegt werden.

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