02.07.2007 · Wenn die Resignation geteilt ist, gibt es vielleicht einen Hoffnungsschimmer: Hundert Experten aus aller Welt treffen sich in Elmau, um zu diskutieren, wie Muslime die Juden und wie Juden die Muslime sehen. Doch dann bricht der Streit los.
Von Oliver JungenDie Aktien des Propheten standen nicht gut im Europa des neunzehnten Jahrhunderts: Aufgeklärt, wie er war, hielt etwa Antoine-Isaac Silvestre de Sacy, immerhin der Begründer der modernen Arabistik, Mohammed schlicht für einen Betrüger. Es waren jüdische Gelehrte wie Abraham Geiger, die dagegen auf die Nähe ihrer Religion zum Islam hinwiesen. Ein solcher geistiger Schulterschluss scheint heute öffentlich kaum mehr möglich, steuert doch das Verhältnis von Muslimen und Juden einem neuen Tiefpunkt entgegen.
In den jüngeren Geisteswissenschaften, befeuert von Systemtheorie und Panoptismus-Diskurs, wurde gerne der Beobachter in den Blick genommen. Überhaupt galten Beobachtungen erst von der zweiten Ordnung an als satisfaktionsfähig. Das Modell ging allerdings von einer Überwachungs-Hierarchie aus. Der horizontale Blick, die Reziprozität gegenseitiger Wahrnehmung, blieb oft auf der Strecke. Eine hierarchische Einseitigkeit des Blickes hatte auch die „Orientalismus“-Studie Edward Saids unterstellt, welche die als eurozentrisch kritisierten Orientwissenschaften als Nebenprodukt des Imperialismus zu entlarven trachtete, dabei die Rolle der Juden aber einfach überging. Diese alte (Juden sind Europäer) und neuere (der Kolonialismus erklärt alles) Komplexitätsreduktion machte Schule, zumal in islamischer Perspektive.
Beeindruckende Fachtagung
Um etwas gegen solche Vereinfachungen zu tun, hatten nun zwei Professoren für jüdische Geschichte - Michael Brenner (München) und John Efron (Berkeley) - zu einer beeindruckenden Fachtagung eingeladen: „Islam through Jewish Eyes - Judaism through Muslim Eyes“. Aus aller Welt kamen etwa hundert Teilnehmer, darunter viele jüdische und muslimische Gelehrte, im traumhaft gelegenen Schloss Elmau zusammen. Noch ist die Wiederherstellung des vor zwei Jahren durch einen Brand schwer beschädigten Gebäudes nicht abgeschlossen, durchdringen sich hier Fünfsterneluxus und Baustellenatmosphäre. Im Rahmen dieser Konferenz aber wollte gerade die Arbeit an der Rekonstruktion als symbolisch erscheinen. Dringend instand zu setzen ist der intellektuelle Diskurs zwischen den Kulturen.
Die Beiträge zum islamischen Blick auf das Judentum überwogen. In umgekehrter Richtung wurde eher auf Historisches zurückgegriffen, auf den mittelalterlichen Philosophen Moses Maimonides etwa, dessen Begeisterung für den persischen Gelehrten Alfarabi allerdings kein Geheimnis ist. Interessanter waren da die Ausführungen von Eli Bar-Chen (München) darüber, wie sehr französische, englische und deutsche jüdische Organisationen zur Zeit des Kolonialismus das gewaltsame Vordringen der Europäer in arabische Länder bejubelt hatten: Hier stehe man am Anfang des Paradigmas einer quasi-europäischen Identität aller Juden, das heute im Islam gegen die Juden gewendet wird.
Negative Darstellung in Schulbüchern
Äußerst beunruhigend wirkt die Wahrnehmung des Judentums in der arabischen Welt. In einer mutigen Rede stellte Saad Al-Bazei (Riad) eingangs heraus, dass die meisten arabischen Gelehrten erstaunlich wenig über Juden wüssten, die für sie einfach die Bevölkerung Israels darstellten. Die jüdische Identität wichtiger Wissenschaftler werde gezielt ausgeblendet, so Al-Bazeis eigene Erfahrung nicht nur in Saudi-Arabien. Fast durchweg negativ ist die heutige Darstellung von Juden in arabischen Schulbüchern. Hamed Abdel-Samad (Braunschweig) listete pejorative Stereotype auf, die bis zu Verschwörungstheorien reichen. In Ägypten ist trotz staatlicher Mäßigungsversuche der Einfluss der fundamentalistischen Muslimbruderschaft stark bemerkbar.
Eine Ausnahme bilden allein die palästinensischen, letztlich von der Weltbank finanzierten Lehrbücher. Das von Shoshana Steinberg (Beer-Sheva) vorgestellte Vorhaben eines israelisch-palästinensischen Schulbuchs, das beide „Narrative“ - zwei gänzlich getrennte Darstellungen der gemeinsamen Geschichte - nebeneinander bestehen lässt, ist zwar postmodern gedeckt, dokumentiert jedoch zugleich eine tiefe Spaltung. Der Erfolg bleibt denn auch fraglich: Trotz bester Intentionen rezipierten die Schüler die beiden Erzählungen als „wahre“ versus „propagandistische“ Geschichtsschreibung.
Islamisierung des Wissens
Eine eigene Sektion widmete sich der „Islamisierung des Wissens“. Dieses Schlagwort wurde in den späten siebziger Jahren im Umfeld des Palästinensers Ismail Raji al Faruqi ausgegeben. Bald folgten zahlreiche Institutsgründungen. Einer der wichtigsten Protagonisten dieser Bewegung ist der Ägypter Abdul Wahab Al-Missiri, der sich, beeindruckt von Al-Faruqi, vom Marxisten zum Islamisten gewandelt hat, noch während er im Dienste der Vereinten Nationen stand. Omar Kamil (Leipzig) zeigte, dass Al-Missiris vom islamistischen Konsens abweichende Sicht auf den Holocaust nur vermeintlich objektiver und letztlich gegen Israel gerichtet ist, denn der Holocaust hängt für ihn kausal mit der Säkularisation zusammen. Kamil plädierte dafür, dennoch mit dem Literaturwissenschaftler ins Gespräch zu kommen. Als dann noch der jüdische Mediävist Reuven Firestone (Los Angeles) Al-Missiris Enzyklopädie über Juden und Zionismus „interessante Ansätze“ zuschrieb, zugleich aber eine Passage referierte, in der eine abstruse Genealogie Israels als funktionalistischer Staat im Dienste des Westens entwickelt wird, platzte John Efron der Kragen: Man solle doch bitte antisemitisch nennen, was antisemitisch sei.
Für noch mehr Aufruhr sorgte der emotionale, die Zeit dreifach überschreitende Vortrag Yehuda Bauers (Jerusalem) über den radikalen Islam, welchen er in befremdlicher Metaphorik eine „Mutation“ nannte. Offenbar wollte er durch Zuspitzungen provozieren. Dabei waren viele der angesprochenen Aspekte wie die genozidale Stoßrichtung islamistischer Ideologie ganz unstrittig. Dass aber ein anerkannter Schoa-Forscher reichlich von Nationalsozialismus-Vergleichen Gebrauch machte, war doch erstaunlich: Die radikalislamische Bedrohung sei im Übrigen noch größer, weil diffuser. Zwar räumte Bauer ein, nur ein kleiner Teil der Muslime sei radikal, nahm diese Differenzierung aber assoziativ wieder zurück, indem er die islamische Übernahme des demographisch kränkelnden Europas ausmalte: Bereits dreiundzwanzig Millionen Muslime seien ja schon hier.
Deutliche Widerworte
Ben Sasson aber sollte recht behalten: Auch nach diesem Manifest schlug die Stimmung nicht um. Ihm wurde nicht von muslimischer Seite mit wohlfeiler Israel-Kritik geantwortet. Die deutlichsten Widerworte kamen vielmehr vom Koreferenten Eli Bar-Chen: Wer nicht einmal Arabisch verstehe, sei kaum zum Generalankläger geeignet.
Bedrückend war es indes, zu sehen, wie die inhaltlich und - fast noch wichtiger - im Ablauf so erfolgreiche Veranstaltung doch vom Pessimismus eingeholt wurde. Beim abschließenden „Round Table“ war ein zusammengesunkener Dan Diner (Jerusalem) zu erleben, der sich im Nahost-Konflikt keine Lösung außer der Internationalisierung des Konflikts mehr vorstellen kann: „There is no way out of it.“ Ähnlich resigniert sah der aus dem Irak stammende, in Hamburg lebende Publizist Najem Wali die Situation in der arabischen Welt insgesamt angesichts tendenziöser Meinungsmaschinerien wie Al Dschazira. Khaleel Mohammed (San Diego) legte nach, die wechselseitige Dehumanisierung sei weit fortgeschritten. Weil die Resignation aber eine gemeinsame war, glühte über ihr doch auch ein schwacher Hoffnungsschimmer. Der Kampf um die Diskurshoheit in der islamischen Kultur steht den moderaten, international ausgerichteten Intellektuellen bevor. Die Bedeutung des Elmauer Treffens kann da schwerlich überschätzt werden.