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Zum 200. Geburtstag von Marx : So liberal war Marx

Trier hat den Sohn der Stadt mit einem Denkmal zum Jubiläumsjahr 2018 gewürdigt. Bild: Reuters

Er forderte, die Regierung möge sich aus dem Schulwesen heraushalten, und glaubte an das Produkt aus Talent und Fleiß: Marx’ Umgang mit der Idee der individuellen Freiheit ist aktueller denn je. Ein Kommentar.

          Der weltweit berühmteste politische Denker deutscher Nationalität, dessen Geburtstag sich an diesem Samstag zum zweihundertsten Mal jährt, begann seine öffentliche Wirksamkeit als radikaler Liberaler.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Printprodukt, bei dem er seine wichtigsten frühen publizistischen Erfahrungen machen durfte, verstand sich als Blatt für „Politik, Handel und Gewerbe“ (also nicht für rote Fahnen, Geschrei und Pulverdampf).

          Altliberalen wie jenem Karl Marx aus Trier war damals jeder Rest des Mittelalters und aller noch älteren Gesellschaften verhasst, weil in diesen Gemeinwesen der Geburtszufall über Vor- und Nachteile zu Beginn des Lebenswegs der Menschen entschied: adlig oder besitzlos, auserwählt oder verdammt, je nach Stand, Ethnie, Religion, also nach Zugehörigkeit zu Kollektiven.

          Liberale wünschten sich damals stattdessen eine Gesellschaft, in der das individuelle Produkt aus Talent, Lerneifer und Fleiß das Schicksal bestimmt. Noch als Marx, längst Kommunist geworden, im Jahr 1875, also viele Jahrzehnte nach seiner Zeitungszeit, heftige Kritik an einem Parteiprogramm der eben im Entstehen begriffenen deutschen Sozialdemokratie übte, entstanden dabei Sätze, die sich, wenn man sie unaufmerksam überfliegt, fast wie Wahlpropaganda der FDP lesen:

          Da bescheinigt er etwa der „Freihandelspartei“, sie sei für die Modernisierung der internationalen Verhältnisse allemal kraftvoller tätig als die Sozialisten mit ihren Feiertagsphrasen von der grenzübergreifenden Verbrüderung.

          Die Idee der Individualfreiheit

          Oder er fordert, die Regierung (und die alte Hauptfeindin der Urliberalen, die Kirche) solle sich aus dem Schulwesen heraushalten. Er ärgert sich sogar darüber, das kritisierte Programm sei unter dem Einfluss seines Konkurrenten Ferdinand Lassalle vom „Untertanenglauben der Lassalleschen Sekte an den Staat verpestet“, eine Wendung, an der selbst Margaret Thatcher hätte Freude finden können.

          Der Gedankenhintergrund der Donnerworte aus dem Jahr 1875 ist allerdings kein liberaler. Marx wollte lediglich, dass man nicht hinter einen Liberalismus zurückfällt, dessen Scheitern er erlebt hatte, sondern über ihn hinausgeht. Seine letzten restliberalen Hoffnungen waren 1848 zerbrochen, als eine schlecht vorbereitete bürgerlich-demokratische Revolution in Europa zusammenfiel.

          Die Parallelen dieser Enttäuschungserfahrung zu unserer Gegenwart sind nicht zu übersehen: Die Idee der zivilen Individualfreiheit begeistert auch heute nicht genügend Leute, um sie zu einer materiellen Gewalt zu machen, die sich etwa gegen die politische Mobilisierung angeborener Kollektivzugehörigkeiten behaupten könnte. So brachte der „arabische Frühling“ nicht den nordafrikanischen Triumph des Liberalismus, sondern mehr Manövrierraum für allerlei Islamistisches, und im Westen und Norden holen Populisten das Wahlvolk an seinen Gruppenidentitätsorten ab, um sie wer weiß wohin zu karren.

          Man kann darüber wehklagen, wie das viele Besiegte nach 1848 taten. Man kann aber auch tun, was Marx tat: die Frage wagen, welche materiellen Realitäten den politischen Horizont von Menschen auf ihre Gruppengrenzen verengen. Sind das vielleicht, entgegen dem Augenschein und den Behauptungen von Islamisten und Populisten, die sich auf Altes und Geerbtes berufen, durchaus neue, moderne Realitäten? Marx hatte dazu eine erstaunliche Idee: „Individuum“ und „Gesellschaft“ sind gar nicht die unversöhnlichen Gegensätze, als die sie dem Vulgärliberalismus erscheinen.

          Quelle solchen Reichtums ist die Arbeit

          Im Gegenteil wurde das Individuum, wie wir es verstehen – ein Wesen, das Rechte hat, am Markt teilnimmt und so weiter –, gerade von einer ganz bestimmten, im Weltmaßstab sehr jungen Gesellschaft hervorgebracht, als Resultat sowohl von Arbeitsteilung wie großmaßstäblicher Produktion und Reproduktion der Lebensgrundlagen (das gilt für die Zeit der industriellen Revolution so sehr wie für den elektronisch vernetzten Weltmarkt).

          Das entwickelte, komplexe, eigensinnige Individuum ist auf sozialen Reichtum und Kultur als Selbstpflegeressourcen angewiesen. Quelle solchen Reichtums und seiner Kultur aber werde die Arbeit, sagt Marx, nicht als Privatgewurstel, sondern nur „als gesellschaftliche Arbeit, denn wenn die vereinzelte Arbeit auch Gebrauchswerte schaffen kann, kann sie weder Reichtum noch Kultur schaffen“.

          Wer sich heute davor gruselt, das Gemeinwesen könnte in die Stände- oder gar die Hordenzeit zurückrutschen, darf die Kurzsichtigkeit eines Liberalismus nicht teilen, der glaubte, so eine Katastrophe ließe sich aufhalten, indem alle ihre eigene Ich-AG werden. Sucht man nach einem zeitgemäßen, wirklichkeitstauglichen und politikfähigen Begriff der Beziehung zwischen Einzelnen und allen, dann macht man keinen Fehler, wenn man beim Jubilar Marx nachsieht, was er dazu gewusst und gesagt hat.

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