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Aktualisiert: 06.08.2015, 14:31 Uhr

Flüchtlinge in Jordanien Die barmherzigen Nachbarn der Samariter

Jordanien empfängt weit mehr Flüchtlinge als Deutschland, doch Proteste gibt es keine. Wer lernen will, was Menschenliebe bedeutet, schaue sich den Umgang mit Flüchtlingen dort an.

von Steffen Huck
© dpa Straßenszene in einem Camp für syrische Flüchtlinge nahe Mafraq in Jordanien.

Es war am zweiten Tag in unserem neuen Zuhause in Amman: Ich drehe in der Küche den Wasserhahn auf, es kommt ein kleiner Schwall, dann nichts mehr. Freundliche Nachbarn erklären uns, dass wir eine Zisterne haben, die einmal in der Woche von der Stadt gefüllt wird. Ist die Wasserration aufgebraucht, bleibt nur der Privatmarkt. Ein Telefonat und eine gute halbe Stunde später fährt ein Tanklastwagen vor. Der Fahrer und sein Gehilfe ziehen einen Schlauch durch den Garten, lassen fünf Kubikmeter Wasser in die Zisterne laufen und kassieren dafür fünfzig jordanische Dinar. Das sind rund 65 Euro. In Deutschland kostet die gleiche Menge um die zehn Euro.

Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt. Der ehedem mächtige Jordan ist nur noch ein Bach, an der Taufstelle Jesu, wo ich ihn zum ersten Mal sah, ist er gerade noch drei Meter breit. Zu viel Wasser wird seit zu langer Zeit im Norden von anderen Ländern abgepumpt. Und so herrscht in Jordanien, wenn es denn mal regnet, dieselbe Jubelstimmung wie in Deutschland an den ersten sonnig warmen Frühlingstagen.

Der syrische Akzent der Bauarbeiter

Jetzt, mit geschätzten anderthalb Millionen Flüchtlingen im Land, erfolgt die öffentliche Wasserlieferung vielerorts in Jordanien nicht mehr jede Woche, sondern nur noch alle zwei, und wer sich die teuren Wasserlieferungen von privaten Händlern nicht leisten kann, darf eben nur noch die Hälfte verbrauchen – die Hälfte, wohlgemerkt, von einer ohnehin nicht sonderlich großzügig bemessenen Menge.

Von Einheimischen kann man hören, wie schwer das ist, aber was man nicht hört, ist Protest von ihrer Seite gegen die Flüchtlinge, obwohl nur rund ein Fünftel in Aufnahmelagern leben, während die anderen in den jordanischen Städten und Dörfern untergekommen sind, wo deshalb die Mieten unter entsprechendem Druck stehen: Neben dem Wasser ist das für viele Jordanier der zweite elementare Lebensbereich, der durch die Flüchtlingskrise massiv beeinträchtigt wird. Der dritte ist der Arbeitsmarkt: In dessen unterem Segment fallen die Löhne, wovon zwar mancher Unternehmer profitiert, die Mehrheit der Jordanier aber kaum. Die Baubranche boomt in Amman, es gibt kaum einen Straßenblock, in dem nicht irgendwo gebaut wird, Lärm überall in der Stadt. Und natürlich hört jemand, der ein Ohr dafür hat, auf den Baustellen wie auch in den Restaurants den syrischen Akzent der Beschäftigten.

Kein Sprengstoff in der Windel?

Anderthalb Millionen Flüchtlinge in einem Land mit rund sechs Millionen Einwohnern – für Deutschland würde das im Verhältnis die Aufnahme von zwanzig Millionen Flüchtlingen bedeuten. Und Jordanien ist ein ressourcenarmes Entwicklungsland; das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur ein Viertel des deutschen.

35591769 © AP Vergrößern Einer von anderthalb Millionen Flüchtlingen, die zur Zeit in Jordanien leben.

Dass es hier nicht zu Ausschreitungen oder wenigstens Protesten kommt, grenzt an ein Wunder. Ein Wunder allerdings, das in der westlichen Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit findet. Nicht, dass die Region als solche keine fände. Aber in den Berichten dominiert der Schrecken islamistischen Terrors. Wann immer Säulen fallen und Weltkulturerbe vernichtet wird, schauen alle auf die arabische Halbinsel. Oder nach einem neuen bestialischen Mord von Daesh (alias Isis oder Isil oder IS).

Die Fokussierung auf bad news führt zu einem traurig verzerrten Bild der arabischen Region und ihrer dominanten Religion, unter dem alle 1,6 Milliarden weltweiten Anhänger des Islams zu leiden haben. Fast keiner unserer arabischen Freunde in Jordanien, der dazu nicht eine konkrete Geschichte beizutragen hätte: böse Blicke von Mitfliegenden am Flughafen-Gate, Befragungen von Grenzkontrolleuren, und bei der Einreise nach Israel muss dem Baby bitte auch die Windel ausgezogen werden, damit man sicherstellen kann, dass dort kein Sprengstoff steckt.

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