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Jonathan Littell im Gespräch : Die Nazis hatten Kultur

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Versucht, die Henker zu verstehen: Jonathan Littell Bild: picture-alliance/ dpa

Kein anderes Buch hat Frankreich in letzter Zeit mehr erschüttert als Jonathan Littells Debütroman „Les Bienveillantes“ („Die Wohlgesinnten“). Holocaust-Überlebende nannten das Buch gar amoralisch. Im Interview spitzt der Autor die Debatte weiter zu und bezeichnet „die Allianz mit den Nazis“ als „ethische Option“ der damaligen Zeit.

          Historiker und Überlebende des Holocaust haben seinen mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Les Bienveillantes“ („Die Wohlgesinnten“) über den SS-Offizier Max Aue (siehe auch Jonathan Littell: Leute, jeder ist ein Deutscher) als amoralisch kritisiert. Im Interview spitzt der Autor Jonathan Littell die Diskussion weiter zu und bezeichnet „die Allianz mit den Nazis“ als „ethische Option“ der damaligen Zeit.

          Weshalb haben Sie einen Roman über den Nationalsozialismus geschrieben, wo doch schon so viel dazu gesagt wurde?

          Ja, es ist viel darüber geschrieben worden. Das heißt aber nicht, dass alle Fragen beantwortet sind. Mein Roman „Les Bienveillantes“ hat die Henker und Mörder zum Thema. Auch darüber wurde bereits geschrieben, aber ich wollte mich von einem anderen Punkt her annähern, mit einer anderen Perspektive. Und die richtigen Antworten auf die Frage bleiben offen. Mich fasziniert das Thema des Henkers, besonders bei den Nazis. Da kann man dieses Phänomen besonders gründlich untersuchen, es gibt viel Material, viele Dokumente, auf deutscher, aber auch auf russischer Seite. Deshalb habe ich diese Zeit gewählt. Ich wollte das nicht in unserer Gegenwart ansiedeln, obwohl auch das möglich wäre.

          Kein anderes Buch hat Frankreich in den letzten Jahre so sehr erschüttert wie dieses

          Sie schreiben über den Russland-Feldzug. Nichts, was die Menschheit erlebt hat, ähnelt der Apokalypse mehr.

          Exakt. Das Essentielle des Krieges geschah im Osten. Ich bin in Frankreich aufgewachsen und weiß, wie wichtig die Besetzung, die Résistance und all das war. Aber diese Geschehnisse sind eher geringfügig, wenn man sie mit der Konfrontation zwischen Sowjets und Deutschen vergleicht. Hier haben wir die Essenz des Krieges.

          Sie zeigen in Ihrem Buch, dass die Ideologie der Nazis, ihre Weltsicht starke kulturelle Wurzeln hatte. Das zeigt sich an der Hauptfigur, dem SS-Offizier Max Aue.

          Ja, und dafür wurde ich heftig kritisiert, vor allem von Historikern.

          Wie soll man das Fazit Ihres Buches verstehen? Die Schlussfolgerungen der Nazis waren grausam, aber ihre kulturelle Basis war sehr solide?

          Sie sagen es. Natürlich habe ich versucht, mich in die Ursprünge der NS-Ideologie einzuarbeiten, ich habe sehr viel gelesen darüber, aber auch nicht alles und nicht auf Deutsch. Ich habe es nicht geschafft, „Mein Kampf“ ganz zu lesen. Ich glaube, ich verstehe viele Aspekte dieser Ideologie, aber es gibt andere, die ich gar nicht kenne. Die mich am meisten bewegen, sind die, die mir am fernsten liegen.

          Ebendiese Herangehensweise überrascht, sie scheint neu und gewagt für einen Roman.

          Seit ich klein war, galt der Kommunismus immer als die ernsthaftere Ideologie, die ihrer eigenen Rationalität, einem inneren Sinn folgte. Die Nazis nahm niemand so richtig ernst. Als ich anfing, nachzuforschen, wurde mir klar, dass auch der Nationalsozialismus auf soliden Grundlagen basierte. Seine Unterschiede zum Faschismus, sein Wirtschaftskonzept, das alles ist sehr komplex. Es war für mich eine sehr konstruierte Weltsicht, die man nicht nur auf das zurückführen konnte, was ein Verrückter durch das Radio schrie, obwohl das auch ginge.

          Hat man den Feind in dieser Hinsicht also unterschätzt?

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