http://www.faz.net/-gqz-87sul
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 14.09.2015, 12:53 Uhr

Ungesteuerte Einwanderung Europa ist gar keine Wertegemeinschaft

Deutschland will ein Einwandererland sein? Dann muss es sich auch so verhalten. Den Unterschied zwischen Asyl und Migration sollte es wenigstens kennen. Ein Gastbeitrag.

von Jörg Baberowski
© dpa Zelte für Flüchtlinge in Eisenhüttenstadt (Brandenburg).

Neulich erklärte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, Deutschland müsse sich darauf einstellen, in jedem Jahr eine halbe Million Flüchtlinge aufzunehmen. Weiß der Mann eigentlich, was er sagt und wie das, was er sagt, in jenen Ländern verstanden wird, aus denen Menschen zu uns kommen? Der Bundeskanzlerin fällt zu dieser Frage nur eine Wahlkampffloskel ein: „Wir schaffen es“. Und sie fügt hinzu, dass Deutschland sich in den nächsten Jahren bis zur Unkenntlichkeit verändern werde. Als ob es die Aufgabe der Politik wäre, die Krise nur zu verwalten. Und als ob es einerlei wäre, was die Bürger dieses Landes darüber denken.

Natürlich kann die jährliche Einwanderung von 500.000 Menschen technisch bewältigt werden. Aber wollen wir sie auch bewältigen? Diese Frage hat niemand gestellt. Hat überhaupt ein Politiker je darüber nachgedacht, was das Gerede von der Willkommenskultur bewirkt? Es hat sich in den Krisenregionen dieser Welt inzwischen herumgesprochen, dass man für die Einreise nach Deutschland keinen Pass benötigt, dass der Wohlfahrtsstaat eine Versorgung gewährt, die in Pakistan oder Albanien nicht einmal für Menschen erreichbar ist, die in Lohn und Brot stehen. Solange der deutsche Sozialstaat der ganzen Welt Angebote macht, dürfen seine Repräsentanten sich nicht darüber beklagen, dass Menschen, die nichts haben, sie annehmen.

Auf das Machbare hinwirken

Deutschland ist ein Land der Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft. Es ist auch ein Land, in dem Menschen unterschiedlicher Sprachen und Kulturen gut miteinander auskommen. Aber dieser Frieden wird aufs Spiel gesetzt, wenn Moral und Tugend die einzigen Ressourcen sind, aus denen die Begründungen für das politische Handeln kommen. In der veröffentlichten Meinung ist nur noch von Flüchtlingen die Rede, nicht von illegalen Einwanderern. Der Flüchtling ist verfolgt. Über ihn darf man nur Gutes sagen. Darüber wissen jene, die über den Wortgebrauch entscheiden, sehr gut Bescheid.

© reuters Juncker fordert Menschlichkeit, Würde und Fairness für Flüchtlinge

Der Einwanderer aber kann auch andere Motive als die Flucht haben. Über ihn spricht man nicht, denn sein Einwanderungswunsch wirft die Frage auf, ob man ihm entsprechen will. Einwände aber sind im Reich der Tugendwächter, in das viele Medien und Politiker Deutschland inzwischen verwandelt haben, verboten. Wer darauf verweist, dass es die Aufgabe der Politik ist, sich am Machbaren, nicht am Wünschbaren zu orientieren, muss sich im schlimmsten Fall den Vorwurf gefallen lassen, er sei „rechts“ und könne deshalb am öffentlichen Diskurs nicht beteiligt werden.

Der Zeitgeist, der das helle Deutschland bewohnt, beschwört demgegenüber Religion, Geschlecht und Kultur, will, dass alle nur noch seine Sprache sprechen. Von der Aufklärung, die der Bürger gegen die Obrigkeit zu verteidigen hätte, von der sozialen Frage, die sein Anliegen sein müsste, aber hat er sich längst abgewandt. Es kommt nicht mehr darauf an, was jemand sagt, sondern, wer es sagt und in welcher Sprache es vorgetragen wird.

Offene Fragen

Der Besonnene hätte demgegenüber an die Politik viele Fragen zu stellen. Wo sollen all die Menschen leben, die Jahr für Jahr zu uns kommen und die mit den schon jetzt in unseren Städten lebenden Armen um knappen Wohnraum konkurrieren werden? Wie sollen Lehrer die Aufnahme von mehreren hunderttausend Schülern bewältigen, die unsere Sprache erst erlernen und sich an unsere Kultur gewöhnen müssen? Warum soll eigentlich ein Einwanderer gratis erhalten, wofür diejenigen, die schon hier sind, jahrzehntelang hart gearbeitet haben? In den Vereinigten Staaten wissen die Bürger, dass der dazugehört, der sich den Respekt der anderen erarbeitet hat. Wer etwas leistet, kann von jedermann erwarten, geachtet zu werden. Das wissen auch jene Millionen Einwanderer, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind und sich hier heimisch fühlen.

Warum, so fragen sich die Nachfahren der türkischen Gastarbeiter, die als Handwerker und Kaufleute in Deutschland leben, soll Einwanderern, die keinen Asylgrund haben, etwas geschenkt werden? Sekretärinnen, Bauarbeiter, Mütter, die im Alter nur noch wenig Geld zur Verfügung haben, Frisörinnen, die keine Wohnung finden, weil ihr Gehalt dafür nicht ausreicht, verstehen nicht, warum das soziale Netz auch für jene da sein soll, die für seine Finanzierung keinen Beitrag geleistet haben.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Integration Sprachlos in Deutschland

Die Bundesregierung will das Angebot an Integrationskursen massiv ausweiten. Doch vielerorts sind die Wartelisten lang – weil die Ausbilder fehlen. Dem Beruf als Integrationslehrer fehlt es an Perspektive. Mehr Von Philipp Beng

25.06.2016, 19:49 Uhr | Gesellschaft
Vater von Orlando-Attentäter Ich vergebe ihm nicht

Der Vater des Attentäters von Orlando Seddique Mateen hat sich in einem ausführlichen Interview erneut zu den Taten seines Sohnes Omar geäußert. Der Attentäter von Orlando wurde Präsident Barack Obama zufolge nach bisherigen Erkenntnissen nicht von Extremisten gesteuert. Dafür gebe es derzeit keinen klaren Beweis, sagte Obama am Montag vor Journalisten in Washington. Mehr

14.06.2016, 16:08 Uhr | Politik
Amerika nach Orlando Trump will die Amerikaner in Angst vereinen

Nach den Anschlägen treibt Trump seinen Keil tiefer zwischen Elite und Politik. Und übertritt dabei Grenzen seiner eigenen Partei. Mehr Von Andreas Ross, Washington

19.06.2016, 16:05 Uhr | Politik
Volksabstimmung Schweizer lehnen bedingungsloses Grundeinkommen ab

Bei der Volksabstimmung in der Schweiz sollten die Einwohner darüber entscheiden, ob sie für oder gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen sind. Das Ergebnis fiel deutlich aus. 78 Prozent der Wähler sprachen sich einer Hochrechnung zufolge dagegen aus, dass jeder Erwachsene monatlich 2500 Franken erhält. Dabei sollte es keine Rollen spielen, ob die Person arbeitet oder nicht. Mehr

05.06.2016, 15:20 Uhr | Wirtschaft
Fremdenhass in Großbritannien Eine deutsche Einwanderin bittet im Radio um Hilfe

Eine deutsche Einwanderin berichtet mit gebrochener Stimme im britischem Radio von dem Fremdenhass, der ihr täglich entgegenschlägt. Die Gegenreaktion im Internet bestätigt ihre Ängste. Mehr

30.06.2016, 18:35 Uhr | Politik
Glosse

Revolte der Körper

Von Thomas Thiel

Politik richtet sich an den Verstand. Doch die abstrakte Weltpolitik lässt die Körper revoltieren. Zum Vorteil der Patriarchen. Mehr 4

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“