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Die andere Krise : Was wir den Griechen schulden

  • -Aktualisiert am

Wer die nicht bewundert, versteht nichts von Europa: Säulenwunder Akropolis Bild: F1online

Ohne die Griechen sähen wir immer noch aus wie Hinkelsteine. Wir können es uns gar nicht erlauben, sie aus Europa rauszuschmeißen – sie sind es doch, die Europa erfunden haben.

          Nach einem anstrengenden Wochenende mit der Familie freue ich mich immer auf den Montag, wenn ich wieder arbeiten darf. Am Sonntagabend bin ich oft so müde vom Erziehen, dass ich nicht mehr vom Sofa hochkomme und beim rituellen Hochfrequenzzappen in einer politischen Talkshow lande, meistens behandeln sie das Thema Griechenland. Ich höre aufmerksam zu, um mich für eine der angebotenen Meinungen zu entscheiden, schließlich will ich auch einmal eine haben, ohne vorher Volkswirtschaftslehre, EU-Recht, Geschichte und die Texte der Vorsokratiker zu studieren.

          Ich würde mich gerne, wie der Schiffshalter sich mit einer Saugplatte am Bauch eines größeren Fischs festsaugt, um sich von seinen Exkrementen zu ernähren, an die Meinung des mich am meisten überzeugenden Diskussionsteilnehmers anhängen und in Zukunft mit ihm mitmeinen. Ich glaube ja auch, dass Masse und Energie auf einer höheren Ebene dasselbe sind, weil ich mich da auf Einstein verlasse, ohne eine Ahnung zu haben, wovon er redet.

          Wobei man beachten muss, dass die sympathischen und kompetenten Teilnehmer, die echten Fachleute, oft keine Erfahrung mit der Diskussionskultur im Fernsehen haben und nicht zu Wort kommen beziehungsweise sofort unterbrochen werden. Man darf sich auch nicht von überzeugenden Argumentationen täuschen lassen, es hilft, genau auf die Gesichter der anderen zu achten, die dann von der Regie eingeblendet werden, ob sie kritisch oder spöttisch gucken, manchmal auch milde nachsichtig, oder ob sie resigniert den Kopf schütteln, weil ein Einzelner mit der Aufgabe, die Menschheit von der Wahrheit zu überzeugen, einfach überfordert ist.

          Sich eine Meinung zu bilden, ohne sich selbst mit dem Thema zu befassen, ist eine riskante Sache, aber angesichts der Vielzahl von Themen, für die man heutzutage eine Meinung braucht, geht es nun mal nicht anders, man muss ja nebenbei auch noch seine Familie ernähren.

          Wenn wir nicht so fleißig wären

          Die Griechenland-Talkshows der letzten zwei Jahre lassen sich zum Glück leicht zusammenfassen: Die einen sind der Meinung, dass diese faulen, verlogenen und korrupten Ziegenhirten, die sich in ihren ergaunerten Palästen die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, mal erleben sollten, wie sich echte Armut anfühlt, also solche Armut, wie wir sie bei uns hätten, wenn wir nicht so fleißig wären und so sparsam mit dem ehrlich verdienten Geld umgingen.

          Vielleicht wären diese Analphabeten mit ihrer absurden Krikelkrakel-Schrift dadurch mal gezwungen, sich anzustrengen und etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit anzustellen, zum Beispiel einen vernünftigen Motor zu bauen, den wir ihnen dann auch gerne abkaufen würden. Aber die kaufen ja lieber von unserem Geld unsere Motoren und beschweren sich dann noch, dass wir sie im Zweiten Weltkrieg besetzt haben, wie sie es nennen, wo wir sie doch in Wirklichkeit nur von sich selbst befreit haben.

          Die anderen sagen, dass unser Reichtum von den Griechen mitfinanziert wird, die gezwungen sind, ihr halbes Land zu verkaufen, um die Zinseszinsen der Schulden zu bezahlen, die wir ihnen ständig aufzwingen.

          Und da sind schon die Wolken aufgezogen - was gar keine symbolische Bedeutung hat.

          Ich frage mich dann immer, wie es gleichzeitig so unterschiedliche Bewertungen der Realität geben kann. Es muss doch möglich sein, eindeutig festzustellen, ob Griechenland nun von uns Geld bekommt oder wir in Wirklichkeit von den Griechen. Eine von beiden Seiten lügt, und das müsste ihr doch in Zukunft verboten werden können in einer Demokratie.

          À propos Demokratie, die Griechen haben ja die Demokratie erfunden, das heißt ungefähr ein Prozent der Bevölkerung durfte im alten Athen wählen, nämlich die freien, männlichen Bürger, die ein bestimmtes Alter erreicht hatten. Sie mussten sogar so oft zu Versammlungen, dass ihnen das nur möglich war, wenn sie viele Sklaven hatten, die in der Zwischenzeit die Arbeit verrichteten. Die Versammlungen gingen morgens los und dauerten manchmal so lange, dass die Abstimmung verschoben werden musste, weil es schon zu dunkel war, um die Hände zu sehen.

          Weil deshalb viele die Versammlungen schwänzten, versperrten Sklaven, die als Ordnungshüter eingesetzt wurden, die Straßen, die zur Agora führten und trieben die Bürger mit einem zinnobergetränkten Seil in die gewünschte Richtung. Wer auf diese Weise durch die Berührung mit dem Seil einen roten Schandfleck abbekam, schämte sich.

          Wenn die nicht so nobel wären

          Bei Günther Jauch habe ich davon noch nie etwas gehört. Auch nicht davon, dass in Athen das Volk seinen Mund als Geldbeutel benutzte, und dass die Straßen dort so eng waren, dass man, bevor man aus dem Haus ging, an seine Tür klopfte, um nicht mit Vorbeigehenden zusammenzustoßen. Das hat nicht direkt etwas mit der Frage eines möglichen Austritts Griechenlands aus der EU zu tun, ist dafür aber viel interessanter.

          Wenn die Griechen nicht so nobel wären, würden sie im übrigen Tantiemen für alles verlangen, was sie erfunden haben, das Vokalalphabet, ohne das wir alle so schreiben würden, wie Til Schweiger spricht, die olympischen Spiele, die Achillessehne, die Philosophie, den Mittagsschlaf, die Demokratie und die gleichgeschlechtliche Liebe.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Jedes Land, das sich als Demokratie bezeichnet, müsste eigentlich bei jeder Wahl an Griechenland Geld überweisen, jeder, der beim Schreiben Vokale benutzt, müsste an Griechenland zahlen, jeder, der eine olympische Medaille gewonnen hat, jeder, der sich mit den Beinen fortbewegt und nicht mit den Händen und jeder, der noch Popmusik aus den achtziger Jahren hört.

          Es ist eigentlich ein Wunder, dass die Griechen sich mit viel weniger zufriedengeben, man sollte sie nicht noch reizen. Sonst müssen wir irgendwann von der Hälfte unserer Fassaden die Stuckfiguren abschlagen, weil sie irgendwelche Nymphen und griechischen Helden darstellen, man müsste sämtliche Säulen nach Griechenland zurückschicken oder wenigstens viereckig meißeln, die Museen wären leer, weil alle Darstellungen von Zeus und seinen Verwandten rückübertragen werden müssten, natürlich auch der Herkules in Kassel, der durch einen deutschen Bodybuilder ersetzt würde.

          Die EU wäre ein Nichts

          Es würde keine Alpha-Männchen und Beta-Blocker mehr geben, keine Gammaeule, kein Donau-Delta und keine Hollywoodfilme, die ja alle nach dem Schema der Odyssee erzählt sind, also ein zunächst vor seiner Mission zögernder Held muss in die Höhle des Löwen, um dort etwas zu finden, das er braucht, um die Frau zu befreien.

          Die Griechen waren aber auch die ersten, die die Vollkommenheit des menschlichen Körpers erkannt haben, Standbein und Spielbein, Kontrapost, ohne sie würden wir immer noch aussehen wie Hinkelsteine, wir können es uns gar nicht erlauben, sie aus Europa rauszuschmeißen, sie haben Europa ja erfunden. Ohne die griechische Vokalschrift wäre die EU ein Nichts. Man könnte zwar noch „EU“ sagen, aber man könnte es nicht mehr schreiben.

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