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Veröffentlicht: 23.10.2016, 15:03 Uhr

Die Macht des Silicon Valley Sie haben die bürgerlichen Werte in Trümmer gelegt

Eines Tages werden die Geschäftspraktiken unserer Zeit von Menschen beurteilt, die kein finanzielles oder nationalistisches Interesse an ihren Ergebnissen haben. Ihr Urteil wird kaum auf Liebe gründen. Ein Gastbeitrag.

von Jarett Kobek
© Helmut Fricke Der amerikanische Schriftsteller Jarret Kobek

Jarett Kobeks Roman „Ich hasse dieses Internet“ ist soeben im Verlag S. Fischer erschienen. Die Rede, die wir veröffentlichen, hat der Autor am Dienstagabend in der „AMP“-Bar in Frankfurt zur Eröffnung der Booklounge der F.A.S. und der Buchmesse gehalten.

Jeden Tag stelle ich mir aufs Neue die gleiche Frage: „Was werden künftige Historiker über unsere Zeit schreiben?“ In den Vereinigten Staaten würden die meisten Menschen bei dieser Frage aus einer Palette von Antworten wählen, die alle auf der gleichen Annahme beruhen, nämlich dass die künftigen Historiker ihr Urteil über Amerika mit einem gewissen Wohlwollen fällen werden, weil die künftigen Historiker Amerikaner sein werden.

In den Köpfen steckt diese durch und durch amerikanische Überzeugung, Amerika würde auf ewig bestehen, es würde durch die Jahrhunderte stapfen wie Frankensteins Monster, gelegentlich in ein Schloss wanken und im Namen der Demokratie die Mauern schleifen. Nur ist Amerika endlich.

Und wenn es Amerika einmal nicht mehr gibt, werden die Geschäftspraktiken unserer Zeit von Menschen beurteilt, die kein finanzielles oder nationalistisches Interesse an ihren Ergebnissen haben. Und ich glaube nicht, dass ihr Urteil auf Liebe gründen wird.

Die amerikanische Scheinheiligkeit

Durch meinen Roman „Ich hasse dieses Internet“ zieht sich unter anderem der Gedanke, dass es doch seltsam ist, wenn Menschen mit Hilfe von Twitter und Facebook andere dazu bringen, sich beschissen zu fühlen, indem sie sich in diesen sozialen Netzwerken zu Moralpredigten aufschwingen. Vom Tippen über das Versenden, Speichern und Zustellen bis zum Lesen geschieht das auf Geräten, die unter unmenschlichen Bedingungen und zu katastrophalen Löhnen gebaut wurden. Die Leute, die sich hier in Rechtschaffenheit hüllen, beteiligen sich an einem weit größeren und weit schädlicheren Übel als die Menschen, die sie anprangern. Das ist Scheinheiligkeit in Aktion, das Pendant zu Sklavenhaltern, die prächtige Abhandlungen über das Wesen der menschlichen Würde und Freiheit schreiben. Wobei Amerika natürlich genau so gegründet wurde.

Die letzten vierzig Jahre wurden von einer sich schleichend ausbreitenden neoliberalen Ordnung geprägt, gestützt von der Wirtschaftstheorie, die Globalisierung habe einen positiven Nettoeffekt, weil sie zu niedrigeren Warenpreisen führt. Die Nebenwirkungen dieser Entwicklung – egal, wie sehr sie der Gesellschaft schaden – sind nicht so wichtig wie die Möglichkeit, für 150 Euro einen neuen Kühlschrank zu kaufen. Dieses Prinzip können wir zu der Annahme verdichten, dass Wert nur anhand von Geld gemessen wird.

42970506 © Helmut Fricke Vergrößern „Hören Sie auf, Vampirromane zu veröffentlichen!“ Jarett Kobek während seiner Rede in Frankfurt

Die Rede, die ich heute Abend halte, habe ich schon vor einigen Wochen geschrieben. Während ich diese Rede schreibe, treffe ich eine Vorhersage, dass mich jeder Einzelne, der merkt, dass ich Amerikaner bin, nach Donald Trump fragen wird. Und bisher ist es genau so gewesen. Wir interessieren uns für Trumps politischen Aufstieg, weil er ebenso wie der Brexit oder der IS veranschaulicht, dass die Globalisierung unsere Welt aus den Angeln gehoben und dabei das Bewusstsein der Menschen verändert hat. Die Welt wimmelt von Männern, die durch die Globalisierung überflüssig geworden sind. Und ihnen sind die gesellschaftlichen Fortschritte der letzten fünfzig Jahre scheißegal. Ihre Unzufriedenheit und ihre Bewusstseinsveränderung basieren auf einem älteren Modell.

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