13.11.2009 · Nicht nur in Europa verblassen alte Feindbilder im Zeichen neuer Wirtschaftsräume. China sieht sich derzeit einer japanischen Charme-Offensive ausgesetzt, die sein nationales Selbstverständnis irritiert.
Von Mark Siemons, PekingAls vor fünf Jahren Studenten in vielen chinesischen Städten auf die Straße gingen und unter Ausrufung wüstester Verwünschungen japanische Geschäfte zerstörten, hätte sich niemand vorstellen können, dass Abgesandte Chinas und Japans sich nun treffen, um nach Vorbild der EU die Möglichkeiten einer künftigen Union für Asien unter gemeinsamer Führung zu erkunden. Innerhalb kürzester Zeit haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten mit langer traumatischer Konfliktgeschichte zu verblüffender Höhe entwickelt.
Seitdem Yukio Hatoyama im September die jahrzehntelange Herrschaft der Liberaldemokratischen Partei brach und Ministerpräsident Japans wurde, überflügelte er im Handstreich die Sympathie-Avancen, die der chinesische Präsident Hu Jintao letztes Jahr bei seiner „warmen Frühlingsreise“ nach Japan gemacht hatte, und schlug diesem als Erstes eine Asiatische Union vor. Schon vor seiner Wahl hatte Hatoyama die Beziehungen zu China zu einer seiner Prioritäten erklärt und angekündigt, dass Japan sich unter seiner Führung unzweideutig zu seiner historischen Schuld im Krieg bekennen werde.
Grausam gegen sich selbst
In keinem Fall ließe sich die Idee einer ostasiatischen Union von heute auf morgen realisieren, dazu ist die Region viel zu heterogen. Doch auch aus einem anderen Grund könnte das Entgegenkommen Tokios Peking noch in Verlegenheit bringen. Denn es ist keineswegs ausgemacht, dass die chinesische Gesellschaft ihrer Regierung eine so rasche Annäherung verzeihen würde. Nach der Avance des japanischen Ministerpräsidenten hielt ein chinesischer Blogger die Zeit für reif, das Mitleid seiner Landsleute herauszufordern, und er stellte Fotos von japanischen Atombombenopfern ins Netz. Doch selbst bei diesen furchtbaren Bildern gingen die meisten Reaktionen in die entgegengesetzte Richtung. „Mitleid zu haben mit dem Feind hieße, grausam gegen sich selbst zu sein“, lautete ein Kommentar, und ein anderer verstieg sich zu dem Wunsch, „dass das jedes Jahr passiert“. Ein Dritter fasste seinen Hass in einem einzigen Wort zusammen: „Karma“.
Wie überall, braucht man auch in China nicht alles zum Nennwert zu nehmen, was sich an Bodensatz in manchen Internetforen sammelt. Doch bei der kalten Wut dieser Einlassungen handelt es sich nur um das besonders extreme Beispiel eines Ressentiments, das auch sonst immer wieder hochkommt - etwa wenn es Schauspielerinnen verübelt wird, wenn sie in japanische Kostüme schlüpfen, oder sich das Gerücht ausbreitet, Japan arbeite an einer Gentechnik, um die Gene des chinesischen Volks zu verändern. Die Hassliebe zu Japan ist seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein wesentlicher Antriebsfaktor der chinesischen Geschichte. Die Reformen des Feudalsystems, der Verwaltung, der Industrie und der Armee, die Japan in der Meiji-Ära nach 1868 vornahm, waren für chinesische Intellektuelle das Vorbild einer gelungenen Verwestlichung; viele von ihnen wie der spätere Staatsgründer Sun Yat-sen und der Schriftsteller Lu Xun studierten in Tokio.
Das nationalistische Reservoir nutzen
Zugleich wurde Japan immer mehr zum Exempel und Inbegriff aller Demütigungen, die das vormoderne China der späten Qing-Dynastie über sich ergehen lassen musste: 1874 annektierte Japan Taiwan, 1895 besiegte es China im Krieg über die Vorherrschaft über Korea, 1915 erhob es sogar Ansprüche auf Teile des chinesischen Festlands. Dass nach dem Ersten Weltkrieg der Versailler Vertrag diese Ansprüche nicht zurückwies und die ehemalige deutsche Kolonie Tsingtau Japan zusprach, war der Auslöser der 4.-Mai-Bewegung von 1919. Die demonstrierenden Studenten forderten einen Boykott japanischer Waren sowie die Bestrafung japanfreundlicher Politiker, und sie entwickelten ein umfassendes Modernisierungsprogramm zur „Rettung Chinas“ und setzten damit jenen Prozess von Revolution und Bürgerkrieg in Gang, der dreißig Jahre später zur Machtübernahme der Kommunisten führte. Dazwischen lagen der Einmarsch japanischer Truppen 1937 und das Massaker von Nanking, das das japanische Militär in der von ihnen eroberten damaligen Hauptstadt Chinas anrichtete; mit mehr als zweihunderttausend Opfern.
Politiker der bisher regierenden Liberaldemokratischen Partei Japans haben sich über diese Vergangenheit oft ambivalent geäußert. Offiziell hat sich das Land zwar mehrfach für seine Kriegsverbrechen entschuldigt, doch zugleich erwiesen mehrere Staatsmänner bei ihren Besuchen des Yasukuni-Schreins den dort neben anderen Gefallenen beerdigten Kriegsverbrechern die Ehre und hielten sich so die Option eines populären Revisionismus offen, der etwa insinuiert, die behaupteten Opferzahlen des Massakers von Nanking ließen sich nicht beweisen. Diese Art Geschichtsleugnung hält das chinesische Ressentiment wach, das eng mit dem immer noch nicht verwundenen nationalen Minderwertigkeitskomplex verbunden ist. Der Anlass für die Ausschreitungen von 2005 waren denn auch die wiederholten Besuche des Yasukuni-Schreins durch den damaligen japanischen Premierminister Koizumi und Textpassagen in Schulbüchern, in denen das Massaker von Nanking zu einem „Zwischenfall“ verharmlost wurde.
Viel wurde damals im Westen darüber spekuliert, inwiefern der Volkszorn von der Regierung instrumentalisiert, gelenkt oder gar erzeugt worden sei. Zwar versuchten die Behörden bald, die Demonstrationen einzudämmen, etwa indem sie SMS mit dem Inhalt verschickten: „Glaube keinen Gerüchten, verbreite keine Gerüchte, drück deinen patriotischen Eifer auf rationale Weise aus!“ Aber es fiel doch auf, dass Kundgebungen an so vielen Orten gleichzeitig überhaupt möglich waren, während Demonstrationen sonst meist im Ansatz unterbunden werden. Offenbar ist Peking bereit, das nationalistische Reservoir zu nutzen, wann immer es geopolitisch sinnvoll erscheint.
Der Japan-Komplex lässt sich nicht ein- oder ausschalten
Doch wie der Kulturwissenschaftler Geremie Barmé gezeigt hat, kam das antijapanische Rumoren schon in den achtziger Jahren bei ganz anderen Gelegenheiten hoch, wenn es etwa gegen Regierungskorruption und gegen die wachsenden sozialen Unterschiede ging, sei es bei Randalen nach einem Fußballspiel, sei es in der für konsequente Verwestlichung plädierenden Fernsehserie „Flusselegie“ oder bei den Studentendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens.
Der Japan-Komplex scheint zu tief verwurzelt zu sein, als dass ihn die Regierung nach Bedarf einfach ein- oder ausschalten könnte. Das zeigt sich immer klarer, seitdem die chinesische Regierung wieder auf verbesserte Beziehungen zu Japan setzt. Schon vier Monate nach der Charme-Offensive Hu Jintaos, bei der Chinas Präsident in Japan alte Tempel besuchte, mit dem Kaiserpaar dinierte und einen Pandabären verschenkte, glaubten die Staatsmedien die Erfolgsmeldung eines verbesserten Meinungsbilds präsentieren zu können. Doch die Umfragen waren durchwachsen: 42,5 Prozent der befragten Studenten waren der Meinung, die Beziehungen seien einigermaßen gut. Das war immerhin eine Steigerung um acht Prozentpunkte, bedeutete aber zugleich, dass 57,5 Prozent die Beziehungen weiterhin für schlecht hielten.
Die Gefühle sind unberechenbarer denn je
Das wurde noch deutlicher, als dieses Jahr Lu Chuans Film „Nanjing, Nanjing“ in die Kinos kam (siehe auch: Videos: Massaker in Nanking). Der Spielfilm lässt an der Grausamkeit des Massakers keinen Zweifel, aber er erzählt die Geschichte zum Teil aus der Perspektive eines japanischen Soldaten, der am Ende mit den Greueln nicht mehr fertig wird und sich erschießt. Dem Film geht es nicht um Anklagen gegen eine bestimmte Nation, sondern eher um eine Studie von Menschen unter extremen Bedingungen. Selbst diese vorsichtig humanistische Botschaft, die der neuen diplomatischen Linie entspricht, war für viele Kommentatoren im Internet zu viel. Sie reagierten ausgesprochen aggressiv auf den Film: „Dreihunderttausend Seelen in Nanking werden dir nicht vergeben“, schrieb ein Blogger dem Regisseur, „dir modernem chinesischem Verräter, weil du das Massaker für die Japaner vertuscht hast.“
Wenn die Diplomatie jetzt Phantasien eines ostasiatischen Wirtschaftsraums freisetzt, der die Weltkökonomie herausfordert (schon jetzt käme ein solcher Raum auf ein Fünftel der globalen Wirtschaftskraft), stellt sich daher die Frage, auf welche gesellschaftliche Grundlage sie dabei bauen kann. Es rächt sich, dass die chinesische Propaganda ihre Freund- und Feindbilder allein aus dem nationalen Kollektiv ableitete. So gewöhnte sie die Öffentlichkeit daran, dass alle Moral abhängig von wechselnden politischen Zwecken zu verstehen sei - und nicht etwa gebunden an universelle, für alle Menschen gleichermaßen geltende Kriterien. Schon früher hatte es auf den hohen Führungsebenen überraschende Schwenks gegeben. Als sich China 1972 um eine Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten bemühte, sagte Mao zum japanischen Premierminister Tanaka, der ihn in Peking besuchte: „Wir müssen Japan gegenüber dankbar sein. Wenn Japan nicht in China einmarschiert wäre, hätte die Kommunistische Partei nicht gesiegt, und dann könnten wir uns heute nicht treffen. Das ist die Dialektik der Geschichte.“
Es ist zweifelhaft, ob solcherlei Dialektik heute emotional nachvollzogen wird. Bei seinem Treffen mit Hatoyama betonte Staatspräsident Hu jetzt die Notwendigkeit, die „Gefühle der beiden Völker zueinander zu verbessern“, indem man sich mehr um den Austausch von Jugendlichen, Kadern und Medienvertretern kümmere. Aber die Gefühle sind unberechenbarer denn je. Die einmal beschworenen Geister dürfte Peking jetzt, da sich der Wind wieder drehen soll, nicht so schnell loswerden.
Hassliebe
Oliver ten Hoevel (manten75)
- 13.11.2009, 12:55 Uhr
Wie Katz und Hund...
Harry LeRoy (Cimon)
- 14.11.2009, 12:33 Uhr