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Jan Philipp Reemtsma diskutiert über Gewalt In beispielloser Friedlichkeit über Gewalt reden

Zu den gegenwärtig irritierendsten Gewalterfahrungen gehört die Rede über Gewalt, ob in Wissenschaft, Medien oder Politik. Im Potsdamer Einsteinforum kreuzte Jan Philipp Reemtsma die Klingen mit Helmut Dubiel, Trutz von Trotha und Herfried Münkler.

© dpa Vergrößern Eröffnet mit einer Anekdote: der Soziologe Jan Philipp Reemtsma

Irgendwann wurde es dem Hausherrn zu bunt. Spätnachts schmiss er die Eindringlinge hinaus: Mit Schnapsflaschen von der Tankstelle waren einige Sechzehn-, Siebzehnjährige uneingeladen zur Party seines Sohns aufgetaucht, hatten sich entsprechend aufgeführt und schließlich auch ein paar Möbel zerstört. „Unangenehm freudlos“ erschien den Eltern diese Feierei im ansonsten eher gesitteten Hamburg-Blankenese. Die Ehefrau und Mutter diagnostizierte kurz und bündig angesichts halbwüchsiger Rohheit: „Die brauchen einen Krieg.“

Mit diesem eigenen Feldforschungserlebnis wollte Jan Philipp Reemtsma jetzt in Potsdam illustrieren, wie einen plötzlich auch heute reaktionäre Gedanken über die pädagogische Wirkung des Krieges befallen können. Gewalt gibt es in der Anekdote strenggenommen gleich dreifach: jugendliche Rowdys, den die Ordnung wiederherstellenden Reemtsma sowie in der Metaebene seiner Frau. Reemtsmas hochgelobte Studie „Vertrauen und Gewalt“ handelt von diversen Gewaltformen und von jenem großen Rätsel, warum der Firnis der Zivilisation in der Moderne immer noch so dünn ist. Im überfüllten Potsdamer Einsteinforum kreuzte der Literaturwissenschaftler und Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung die Klingen mit den Soziologen Helmut Dubiel (Gießen) und Trutz von Trotha (Siegen) sowie dem Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler.

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Wenn Vertrauen in Gewaltarmut in Vertrauen in Gewalt umschlägt

Zu den gegenwärtig irritierendsten Gewalterfahrungen gehört die grassierende Rede über Gewalt, ob in Wissenschaft, Medien oder Politik. Dabei leben wir, worauf Reemtsma hinwies, in historisch beispielloser Friedlichkeit: Unsere selbstverständlich Degen tragenden Ahnen sahen hingegen täglich die Leichen an den Galgen und in Folterkäfigen, haben natürlich ihre Kinder und Frauen geprügelt und bei einer Wirtshausschlägerei niemals die Polizei gerufen. Es ist die Gewöhnung an die friedliche Normalität der Gesellschaft, die uns erst so viel empfindlicher macht für die unfriedlichen Regelbrüche, für blutige Fernsehbilder oder Springmesser auf Schulhöfen. Wenn Gewalt üblicher wäre, so steht zu vermuten, würde das intellektuelle Interesse an Gewalt drastisch abnehmen.

Dennoch prägt jener düstere Dreiklang des zwanzigsten Jahrhunderts - Auschwitz-Gulag-Hiroshima -, wonach Vertrauen in Gewaltarmut urplötzlich in Vertrauen in Gewalt umschlagen könne, so Reemtsma. Gedenkrituale an einstige Grausamkeiten seien dabei häufig Strategien der Gewaltverleugnung, wodurch der Eindruck entstünde, als ginge uns Gewalt nichts mehr an. Er plädierte für eine illusionslose Haltung aus Angst und Selbstbewusstsein, die das Wissen um die mühsam eingehegte, immer mögliche Gewalt einbeziehe.

Querfragern aus dem Publikum den Psychiater empfohlen

Gewaltfrei verlief die Diskussion auf dem Podium. Auch hier herrschte offenbar jene „reziproke Polarität“, die Herfried Münkler als vertrauenstiftendes Regulationssystem unter gewaltfähigen Gegnern benannte: Achtung, was du mir antun kannst, vermag auch ich dir anzutun. Kenntnisreich parlierte man über Achilles' Schändung des Hector, über mittelalterliche Ritterehre und Waffentechnik sowie über den wechselseitig als teuflisch empfundenen Umgang der Azteken und Spanier mit getöteten Gegnern (Verspeisen versus verwesen lassen). Man disputierte über Shakespeare als Übergangsfigur zwischen Machiavelli und Hobbes, Thomas Jeffersons mit Blut zu begießenden Freiheitsbaum und Stalins Mordlust.

Doch wohin führt das alles? So fragte Helmut Dubiel und monierte leise Reemtsmas an Carl Schmitt und Walter Benjamin geschulte einseitige Konzentration auf extreme Gewaltphänomene, die graduelle Formen außer Acht ließe. Trutz von Trotha wollte lieber Realitätssinn anstelle der diffusen Kategorien Angst und Selbstbewusstsein verwenden und betonte die Institutionen als Gewalthemmer. Zu Regelbrüchen kam es unter den vier intellektuellen Imperien nicht; hingegen wurde raumfremden Mächten im fragenstellenden Publikum schon mal unfriedlich der Gang zum Psychiater angeraten.

Zwölf Jahre nach dem urplötzlichen Gewalterlebnis

Sind päpstliche Entschuldigungen oder die abnehmende Neigung von Eltern, ihre Söhne zum Militär zu schicken, tröstliche Zeichen für eine Remoralisierung der Welt, wie Dubiel hoffte? Kann man die moralischen Begriffe mit Reemtsma neu besetzen, mit der schwarzseherischen „heiligen Kuh“ Michel Foucault aufräumen und Vertrauen in die Moderne stiften, wie Gastgeberin Susan Neiman schwärmte? Auch künftig dürfte ab und an jene von Reemstma erwähnte Leiche auf dem Marktplatz von Palermo liegen und der friedlichen Umwelt eine Botschaft zukommen lassen.

„Vertrauen und Gewalt“ wird man mit einem anderen Buch des Autors zusammen lesen müssen: „Im Keller“ heißt jenes von Erfahrung zehrende Stück „Parasitenliteratur“ (Reemtsma), in dem er als Entführungsopfer über seine Geiselhaft berichtete. Gerade einmal zwölf Jahre ist Jan Philipp Reemtsmas urplötzliches Gewalterlebnis her.

Quelle: F.A.Z.

 
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