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Osteuropäische Identität : Die Eingeklemmten

Gleichgeschlechtliche Liebe ist nicht Jedermanns Sache. Trotzdem gibt es diese Ampelmännchen (hier in Wien). Was ist Normalität und was Tugendhochmut? Bild: dpa

In der Bredouille zwischen Putin und Conchita Wurst: Ein bulgarischer Philosoph und ein österreichischer Historiker erklären, warum viele Osteuropäer dem Westen nicht mehr nacheifern wollen.

          Herr Schmitt, Sie wollen einen deutschen „Tugendhochmut“ gegenüber den Osteuropäern entdeckt haben. Erfüllt das deutsche Beharren darauf, dass alle EU-Staaten syrische Flüchtlinge aufnehmen sollten, diesen Tatbestand?

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Oliver Jens Schmitt: Ich denke schon. Obwohl die sogenannte Willkommenskultur auch im Norden und Westen Europas kritisiert wird, richten deutsche Medien und Politiker ihre Kritik vor allem gegen das sogenannte Osteuropa – da muss man doch fragen, was der kulturelle Hintergrund solch einer einseitig auf einen Raum konzentrierten Kritik ist. Negative Bilder des Ostens wurden in Deutschland früher vornehmlich von der politischen Rechten entwickelt, doch nun erleben wir ein negatives Image Osteuropas als Ergebnis eines Mitte-links-Diskurses.

          Die Bundesregierung, unterstützt von Teilen der Medien, hält es für angemessen, dass jeder EU-Staat syrische Flüchtlinge aufnimmt. Was ist daran Tugendhochmut?

          Schmitt: Das beginnt bei der Annahme, es gebe ein gemeinsames Gerüst europäischer Werte, obwohl diese nie Gegenstand einer Debatte gewesen sind. Viele deutsche Meinungsführer setzen voraus, dass im sogenannten Osteuropa – ich ziehe es vor, von den neuen Mitgliedstaaten zu sprechen – bestimmte Werte widerspruchslos geteilt werden. Werte, die auch im Westen, Norden und Süden Europas keineswegs unumstritten sind.

          An welche Werte denken Sie?

          Schmitt: Zum Beispiel an die sogenannte „mariage pour tous“ in Frankreich. In Paris gab es 2013 Kundgebungen mit Hunderttausenden Teilnehmern dagegen. Die kamen nicht nur von der extremen Rechten. Es waren auch viele französische Bürgerliche dort, die erstmals an so einem „öffentlichen Aufschrei“ teilnahmen. Es gibt ähnliche Kundgebungen in Italien. Die Konstruktion eines europäischen Ostens, dessen soziale Werte und kulturelle Perspektiven zurückgeblieben seien, trifft nicht den Kern. Bestimmte Werte und Perspektiven sind auch im Westen nicht unumstritten.

          Zum Beispiel?

          Oliver Jens Schmitt

          Schmitt: In Wien gibt es Fußgängerampeln, auf denen gleichgeschlechtliche Pärchen zu sehen sind. Die Initiatoren stellen die Entscheidung zur Aufstellung dieser Ampeln als Konsens dar, aber selbst in Österreich ist das nicht so. Wir kommen nun wahrscheinlich an das Ende einer Periode moralisierender Politik in Europa, in der Moral als Hauptinstrument politischer Einflussnahme eingesetzt wurde. Das gilt auch für den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen.

          Sie bemängeln, die Deutschen betrieben mit ihrer Kritik am Verhalten osteuropäischer Staaten in der Flüchtlingsfrage eine Politik der Selbsterhöhung, ohne sich für Osteuropa zu interessieren. Angenommen, es interessierte sie – was könnten sie denn lernen von Osteuropa?

          Schmitt: Es geht nicht darum, eine bestimmte Anzahl kultureller Werte, Denkmäler oder literarischer Werke zu definieren, die in irgendeinen paneuropäischen Pantheon aufgenommen werden müssten. Diese Gesellschaften sind Teil unseres Kontinents und verdienen grundsätzlich unser Interesse.

          Iwan Krastew: In der deutschen Debatte wird die Idee des Ostens stark von Eindrücken aus Ostdeutschland geprägt. Betrachtet man die Wahlergebnisse in Ostdeutschland, zeigt sich ja auch, dass es zu Osteuropa gehört.

          Erklärt das, warum der Teil Deutschlands, der ein halbes Jahrhundert russisch und kommunistisch geprägt war, rassistischer ist als der Teil, der nach 1945 amerikanisch und marktwirtschaftlich geprägt war?

          Schmitt: Ein erster Ansatz, um das zu erklären, wäre die weitgehende Tabuisierung des Nationalen in der DDR und die auf starken Feindbildern beruhende Propaganda, aber auch der verordnete kommunistische Internationalismus. Das konnte einer ethnisch recht einheitlichen Bevölkerung mit gewaltsam beschränkter Mobilität nicht glaubwürdig erscheinen.

          Und deshalb brennen in Ostdeutschland häufiger Asylbewerberheime als im Westen?

          Krastew: Die einfache Antwort wäre: Der Kommunismus basierte auf Angst und Misstrauen gegenüber dem Nächsten. Der Kontakt zu Ausländern konnte Schwierigkeiten bringen. Wichtiger scheint mir aber die unterschiedliche Bedeutung des Jahres 1968. Westdeutsche wurden durch ihr 1968 kosmopolitischer, Ostdeutsche durch ihr 1968 misstrauischer. Und heute haben wir es zudem mit einer neuen Generation von Politikern zu tun, die nicht wie die frühere bereit ist, den Westen vorbehaltlos zu imitieren. Polen ist wohl das beste Beispiel. Dort gelang die Transition. Die Ablehnung bestimmter westlicher Vorstellungen entspringt nicht der Tatsache, dass dieses Land gescheitert wäre bei dem Versuch der Integration, sondern es ist im Gegenteil der Erfolg der Integration, der die Ablehnung brachte. Nach 1989 begann in Osteuropa zunächst ein Zeitalter der Imitation. Es wurde erwartet, dass sich der Wandel in den osteuropäischen Gesellschaften durch eine Imitation von Institutionen, Gewohnheiten, Handlungsweisen und Werten des Westens vollziehe. Anfangs war das auch weitgehend unumstritten. Aber jede Imitation ist eine asymmetrische Beziehung. Ihr Erfolg wird vom Original bestätigt, wie das in der EU auch institutionell geschah: Wie „europäisch“ die Osteuropäer waren, hing vom Urteil der Westeuropäer ab. Aber in Osteuropa gibt es nun eine neue Generation, die gern zeigt, dass sie anders ist und die dieses Anderssein als Wert betrachtet. Die Polen sehen sich nicht mehr deshalb als Europäer, weil sie den Westen imitieren, sondern weil sie für etwas stehen, was sie für die wahren europäischen Werte halten.

          Werte, die Westeuropa aufgegeben hat?

          Krastew: So wird es jedenfalls gesehen. Die Polen sagen: „Wir sind Polen, und weil wir Polen sind, ist die katholische Kirche für uns sehr wichtig – aber deswegen fühlen wir uns nicht unterlegen, im Gegenteil. Wir bestehen darauf, dass dies ein wichtiger Teil unserer Identität ist. Wir sind europäischer als die Deutschen, die ihr Deutschtum durch eine Art EUtum ersetzt haben, was nicht dasselbe ist wie Europäertum.“

          Wären 2015 nicht eine Million Muslime, sondern eine Million formal christlich-orthodox geprägte Ukrainer nach Europa gekommen – hätten die Osteuropäer ähnlich ablehnend reagiert?

          Schmitt: Ich bin sicher, dass die Reaktion in Deutschland ganz anders gewesen wäre, weil es weder begeisterte Begrüßungsszenen an den Bahnhöfen noch eine dermaßen ausgeprägte Welle der Hilfsbereitschaft gegeben hätte. Das hat mit der Konstruktion des anderen zu tun. Dieser andere, wie ihn die Ukrainer repräsentieren, ist uns zu nah, um ihn zu idealisieren. Er ist nicht exotisch genug, in ihn lässt sich nichts hineinprojizieren, er lässt sich auch weniger diskursiv und paternalistisch kontrollieren. Es gibt eine Konstruktion des Südens und der mediterranen Welt in den deutschsprachigen Ländern, die sehr positiv besetzt ist. Die Ukraine dagegen ist in der deutschen Vorstellungswelt allenfalls eine riesige Steppe. Die deutsche Phantasie kann da nirgends andocken.

          Krastew: Natürlich wäre es viel einfacher, eine Million Russen oder Ukrainer in Deutschland zu integrieren, und viele würden wohl der Aussage zustimmen, dass es besser ist, eine Million orthodoxe Christen ins Land zu nehmen als eine Millionen Muslime. Aber ich glaube ebenfalls, dass eine solche Entwicklung niemals dieselbe Welle der Solidarität hervorgebracht hätte. Mit den Muslimen kann man Mitgefühl zeigen, gerade weil sie anders sind als wir – und auf diese Weise moralische Überlegenheit demonstrieren.

          Tugendhochmut?

          Iwan Krastew

          Krastew: Ja. Es steigert natürlich das moralische Selbstwertgefühl, wenn man sagen kann: Diese Menschen sind anders als wir, aber wir helfen ihnen trotzdem. Ein wichtiger Grund, aus dem das in Staaten wie Ungarn, der Slowakei, Bulgarien oder Rumänien anders gesehen wird, hat damit zu tun, dass die Südosteuropäer sich schon vom Aussehen der Flüchtlinge an Roma erinnert fühlen – und damit an deren gescheiterte Integration in ihren eigenen Gesellschaften. Roma sind in Südosteuropa das Symbol des „anderen“, der sich nicht integrieren lässt. Wer verstehen will, warum einige osteuropäische Gesellschaften in der Migrationskrise so brutal argumentieren, muss das berücksichtigen. Hier wird eine externe Entwicklung mit einem innenpolitischen Dauerproblem assoziiert. Hinzu kommt die demographische Panik als das am stärksten unterschätzte Element in der Analyse osteuropäischer Reaktionen auf die Flüchtlingskrise. In Bulgarien gibt es einen großen Unterschied in der demographischen Entwicklung zwischen Bulgaren und Roma. Mehr als 40 Prozent der Schüler an bulgarischen Grundschulen sprechen nicht Bulgarisch als Muttersprache.

          Migranten wollen aber ohnehin nicht in Länder wie Bulgarien. Woher also die schroffe Ablehnung?

          Schmitt: In Gesprächen etwa mit rumänischen Intellektuellen habe ich den Eindruck bekommen, dass sie eine Schwächung des europäischen Zentrums fürchten. Diese Leute definieren sich als Bewohner schwacher Gesellschaften der europäischen Peripherie, deren Hauptziel es ist, Anschluss an Westeuropa zu finden. Sie wissen, wie es heute in London und Paris aussieht, kultivieren aber dennoch ein idealisiertes Bild Westeuropas als Kern der europäischen Kultur. Sie verfolgen die Schwierigkeiten westeuropäischer Staaten mit der Integration muslimischer Einwanderer sehr genau, und es ängstigt sie, was sie da sehen. Was in Paris geschieht, kommt ihnen unheimlich vor. Die Zentren, von denen sie sich sicherheitspolitischen Beistand, aber auch soziale Orientierung erhoffen, die wichtigsten Bezugspunkte ihres kulturellen Koordinatensystems, werden durch diese gewaltige Einwanderung umgewälzt. Sie fühlen sich von Russland bedroht und wollen sich in Abgrenzung davon als Europäer definieren, aber die Kriterien dieser Definition sind ausschließlich westlich, und ihre Auffassung vom Westen werden von der westlichen Elite nicht mehr geteilt – das verwirrt sie.

          Krastew: So ist es. Die Polen mögen Putin nicht, viele schätzen aber seine ablehnende Haltung zur Homosexualität. In vielen Fragen sind ihre Überzeugungen und Gefühle näher an dem Konservatismus Russlands. Nun fragen sie sich, ob sie eine homosexuellenfreundliche Haltung einnehmen müssen, damit die Deutschen gegen Putin auf ihrer Seite sind.

          Schmitt: Ein Symbol dieser Zerrissenheit ist Conchita Wurst. In Südosteuropa werde ich sehr oft darauf angesprochen. Als ich 2014 mit Studenten in Bulgarien war, wurden sie gefragt, wie sie ein Phänomen wie Conchita Wurst bloß tolerieren könnten.

          Osteuropäer fühlen sich eingeklemmt zwischen Putin und Conchita Wurst?

          Schmitt: Genau. Ein Problem dabei ist, dass es im Westen eine Tendenz gibt, einseitig eine kulturelle und soziale Norm zu definieren und zu erwarten, dass diese diskussionslos übernommen wird. Wichtig wäre, solche gesellschaftspolitische Debatten weniger apodiktisch zu führen.

          Krastew: Darum ist Putin dieses Schwulenthema so wichtig. Russland greift die EU heute mit Argumenten an, die der Westen in den zwanziger Jahren in ähnlicher Weise gegen die Sowjetunion anführte: Sie sind gottlos und für die freie Liebe. Die Osteuropäer haben den Eindruck, sie müssten sich zwischen Militärparaden und Schwulenparaden entscheiden, dabei wollen sie beides nicht. Es gibt eine großartige Szene in dem Film „Katyn“ von Andrzej Wajda: Eine Brücke ist zu sehen, über die im Herbst 1939 Polen vor den Deutschen flüchten, während ihnen Landsleute entgegenkommen, die vor den Russen zu den Deutschen fliehen. Beide verstehen nicht, warum andere Menschen an das Ufer fliehen, von dem sie davonlaufen. Die Osteuropäer fürchten Russland und sehen sich zugleich aus dem Westen unter Druck, geben dem aber nicht mehr so vorbehaltlos nach wie die Generation vor ihnen. Sie suchen Verbündete im Westen. Nach 1989 galt die Abmachung, dass der Westen den Osten liberalisiert. Nun suchen viele Mittel- und Osteuropäer den Schulterschluss mit westlichen Konservativen – siehe der Flirt Viktor Orbáns mit der CSU. Orbán verteidigt ja nicht nur, was er als Ungarns nationale Interessen definiert. Er sucht auch Allianzen. Das beunruhigt Teile der westlichen Elite. Viele Westler denken, nur andere müssten sich ändern. Das ist wenig überzeugend.

          Sehen Sie Europa vor einer osteuropäisch inspirierten konservativen Revolution?

          Schmitt: Es ist ein Wandel, eine Provokation – und eine Möglichkeit zur öffentlichen Debatte. Es kommt nun darauf an, was die Reaktion auf diese Provokation sein wird. Wenn sie exklusiv sein wird, wie sie es bisher war, wenn man also nicht bereit ist, mit Argumenten auf die Provokation zu reagieren, sondern einfach alle, die bestimmte Ansichten vertreten, mit einem abwertenden Etikett versieht, kann das die Existenz der EU gefährden. Deshalb sollten wir nicht nur die Gründe für die Reaktionen osteuropäischer Gesellschaften analysieren, sondern auch fragen, ob die Folgen dieser Reaktionen europapolitisch wirklich nur schlecht wären.

          Ist es nicht eine positive intellektuelle und politische Provokation, wenn wir als Ergebnis davon lernen, solche Meinungen wieder in den demokratischen Diskurs zu integrieren, der dann natürlich viel schärfer sein wird als der weiche Mainstreamdiskurs, den wir nun haben? Mir scheint, die Reaktionen haben schon erste realpolitische Kompromisse gezeitigt und eine neue Fähigkeit, mit abweichenden Ansichten umzugehen. Auch wer die Regierungen in Polen oder Ungarn vor allem wegen ihrer Innenpolitik mit gutem Recht ablehnt, sollte ihnen europapolitisch dankbar sein, weil sie in einem Moment, in dem so getan wurde, als gäbe es nur eine mögliche Antwort auf eine große Krise, gezeigt haben, dass es andere Optionen gibt. Es geht dabei auch um die Qualität der öffentlichen Debatte. Wie reagiert man auf abweichende Meinungen? In Deutschland gab es die Tendenz, solche Meinungen auszugrenzen oder zu pathologisieren. Das hat sich in den vergangenen Monaten geändert. Das Spektrum der Meinungen hat sich stark ausgeweitet, auch links. Grüne Politiker sagen nun Dinge, die noch vor zwei Jahren undenkbar waren.

          Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán sagt: „Wir wollen keine multiethnische Gesellschaft“. Wenn es aus Berlin dann heißt, das sei in Europa nicht möglich – ist das Tugendhochmut?

          Schmitt: Wir sollten uns daran gewöhnen, dass solche Meinungen in Europa geäußert werden und ernst zu nehmen sind. Demokratisch gewählte Politiker in den neuen Mitgliedstaaten, die konservative Positionen besetzen, bringen neue Positionen in die Debatten ein, und das ist europapolitisch sehr wertvoll.

          Krastew: Den Bulgaren wurde Orbán erst durch die Flüchtlingskrise zu einem Begriff, doch inzwischen haben sie sich vollkommen mit seiner Lesart der Krise identifiziert. Sie fühlen sich von ihm repräsentiert. Das ist erstaunlich, da Orbán keine überzeugenden Lösungen bietet, insbesondere für Bulgarien nicht. Orbáns Angebot an die Bulgaren ist im Grunde, den Grenzwächter für Ungarn zu spielen. Seine Kritik klingt auf nationaler Ebene überzeugend, aber im europäischen Kontext ist sie das nicht mehr.

          Für ihn gibt es keine Flüchtlinge, sondern nur Migranten, die man aufhalten muss.

          Krastew: Wenn es um Migranten geht, ist es mein Recht als Bürger, zu entscheiden, in welcher politischen Gemeinschaft ich leben und ob ich Neuankömmlinge aufnehmen möchte oder nicht. Es gibt nicht die moralische Pflicht, das ökonomische Wohlergehen anderer Menschen zu verbessern. Man kann sich nicht um jeden Menschen kümmern, der schlechter lebt als man selbst. Flüchtlinge dagegen, die vor einem Krieg davonlaufen, bürden mir eine moralische Verantwortung auf. Aber wenn Viktor Orbán Nichteuropäer ablehnt, was bedeutet das beispielsweise für Menschen afghanischer, indischer oder algerischer Herkunft mit deutscher, britischer oder französischer Staatsbürgerschaft? Deutschland wird künftig viele Staatsbürger syrischer Abstammung haben. Will Orbán solchen Deutschen die Niederlassungsfreiheit verwehren, gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, sie wollten nach Ungarn? Ist er darauf vorbereitet, dass nach dieser Logik auch die Deutschen sagen könnten, Menschenrechte und Grundfreiheiten seien nur noch für Westeuropäer gültig, nicht mehr für Ungarn?

          Sagen wir dem Migranten aus dem Punjab, der nun in die Türkei und von dort nach Pakistan zurückgeschickt wird, nicht Ähnliches?

          Krastew: Deshalb ist die europäische Rhetorik vom universalen Anspruch der Menschenrechte so anfällig für die Beschuldigung, sie sei heuchlerisch. Die EU kann diesen Anspruch offensichtlich nicht einlösen. Nehmen wir unsere Kooperation mit der Türkei: Glauben wir, dass die Türkei als Ergebnis unserer Kooperation in der Migrationskrise demokratischer wird?

          Wir glauben, dass europäische Werte für Europäer da sind.

          Krastew: Dann sollten wir eingestehen, dass wir strategische Prioritäten haben und dafür Werte aufgeben. Ja, wir legitimieren Erdogan, aber das ist für unsere Gesellschaften derzeit eben einfach wichtiger als alles andere. Wir sollten nicht so tun, als gewährten wir den Türken Reisefreiheit, um die Qualität der türkischen Demokratie zu verbessern – denn so ist es nicht.

          Zur Person

          Iwan Krastew, geboren 1965 in Bulgarien, ist Vorsitzender des „Zentrums für liberale Strategien“ in Sofia und arbeitet am „Institut für die Wissenschaft vom Menschen“ in Wien. Er schreibt Kolumnen für die „New York Times“ und Bücher, darunter „Das antiamerikanische Jahrhundert“ und „Vertrauen ins Misstrauen: Kann die Demokratie überleben, wenn wir unseren Politikern nicht glauben?“

          Oliver Jens Schmitt, geboren 1973 in Basel, ist Professor für südosteuropäische Geschichte an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Zu seinen Büchern zählen „Die Albaner – eine Geschichte zwischen Orient und Okzident“ und „Skanderbeg – der neue Alexander auf dem Balkan“.

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