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Veröffentlicht: 25.05.2016, 14:19 Uhr

Osteuropäische Identität Die Eingeklemmten

In der Bredouille zwischen Putin und Conchita Wurst: Ein bulgarischer Philosoph und ein österreichischer Historiker erklären, warum viele Osteuropäer dem Westen nicht mehr nacheifern wollen.

von
© dpa Gleichgeschlechtliche Liebe ist nicht Jedermanns Sache. Trotzdem gibt es diese Ampelmännchen (hier in Wien). Was ist Normalität und was Tugendhochmut?

Herr Schmitt, Sie wollen einen deutschen „Tugendhochmut“ gegenüber den Osteuropäern entdeckt haben. Erfüllt das deutsche Beharren darauf, dass alle EU-Staaten syrische Flüchtlinge aufnehmen sollten, diesen Tatbestand?

Michael Martens Folgen:

Oliver Jens Schmitt: Ich denke schon. Obwohl die sogenannte Willkommenskultur auch im Norden und Westen Europas kritisiert wird, richten deutsche Medien und Politiker ihre Kritik vor allem gegen das sogenannte Osteuropa – da muss man doch fragen, was der kulturelle Hintergrund solch einer einseitig auf einen Raum konzentrierten Kritik ist. Negative Bilder des Ostens wurden in Deutschland früher vornehmlich von der politischen Rechten entwickelt, doch nun erleben wir ein negatives Image Osteuropas als Ergebnis eines Mitte-links-Diskurses.

Die Bundesregierung, unterstützt von Teilen der Medien, hält es für angemessen, dass jeder EU-Staat syrische Flüchtlinge aufnimmt. Was ist daran Tugendhochmut?

Schmitt: Das beginnt bei der Annahme, es gebe ein gemeinsames Gerüst europäischer Werte, obwohl diese nie Gegenstand einer Debatte gewesen sind. Viele deutsche Meinungsführer setzen voraus, dass im sogenannten Osteuropa – ich ziehe es vor, von den neuen Mitgliedstaaten zu sprechen – bestimmte Werte widerspruchslos geteilt werden. Werte, die auch im Westen, Norden und Süden Europas keineswegs unumstritten sind.

An welche Werte denken Sie?

Schmitt: Zum Beispiel an die sogenannte „mariage pour tous“ in Frankreich. In Paris gab es 2013 Kundgebungen mit Hunderttausenden Teilnehmern dagegen. Die kamen nicht nur von der extremen Rechten. Es waren auch viele französische Bürgerliche dort, die erstmals an so einem „öffentlichen Aufschrei“ teilnahmen. Es gibt ähnliche Kundgebungen in Italien. Die Konstruktion eines europäischen Ostens, dessen soziale Werte und kulturelle Perspektiven zurückgeblieben seien, trifft nicht den Kern. Bestimmte Werte und Perspektiven sind auch im Westen nicht unumstritten.

Zum Beispiel?

40308834 © Jutta Benzenberg/Universität Wien Vergrößern Oliver Jens Schmitt

Schmitt: In Wien gibt es Fußgängerampeln, auf denen gleichgeschlechtliche Pärchen zu sehen sind. Die Initiatoren stellen die Entscheidung zur Aufstellung dieser Ampeln als Konsens dar, aber selbst in Österreich ist das nicht so. Wir kommen nun wahrscheinlich an das Ende einer Periode moralisierender Politik in Europa, in der Moral als Hauptinstrument politischer Einflussnahme eingesetzt wurde. Das gilt auch für den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen.

Sie bemängeln, die Deutschen betrieben mit ihrer Kritik am Verhalten osteuropäischer Staaten in der Flüchtlingsfrage eine Politik der Selbsterhöhung, ohne sich für Osteuropa zu interessieren. Angenommen, es interessierte sie – was könnten sie denn lernen von Osteuropa?

Schmitt: Es geht nicht darum, eine bestimmte Anzahl kultureller Werte, Denkmäler oder literarischer Werke zu definieren, die in irgendeinen paneuropäischen Pantheon aufgenommen werden müssten. Diese Gesellschaften sind Teil unseres Kontinents und verdienen grundsätzlich unser Interesse.

Iwan Krastew: In der deutschen Debatte wird die Idee des Ostens stark von Eindrücken aus Ostdeutschland geprägt. Betrachtet man die Wahlergebnisse in Ostdeutschland, zeigt sich ja auch, dass es zu Osteuropa gehört.

Erklärt das, warum der Teil Deutschlands, der ein halbes Jahrhundert russisch und kommunistisch geprägt war, rassistischer ist als der Teil, der nach 1945 amerikanisch und marktwirtschaftlich geprägt war?

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