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Putin und Geschichtsfakten : Zarenwahrheit

Er starb im November 1894 nahe Jalta auf der Krim: Der russische Zar Alexander III. mit seiner Gemahlin Maria Feodorowna, gebürtige Prinzessin Dagmar von Dänemark. Bild: Picture-Alliance

Historisches Gedächtnis als Frage der Macht: Bei der Rehabilitierung von Iwan dem Schrecklichen wie bei der Einweihung eines Denkmals für Alexander III. zeigt Putin, dass ihm an geschichtlicher Wahrheit nicht gelegen ist.

          Der russische Präsident Wladimir Putin hat schon wieder ein neues Denkmal der Öffentlichkeit übergeben, dem faktographische Fehler nachgewiesen wurden. Nach der Moskauer Statue des Konstrukteurs des legendären automatischen Gewehrs, Michail Kalaschnikow, an dessen Sockelrelief ein deutsches Sturmgewehr prangte, enthüllte Putin nun in Jalta auf der annektierten Krim ein Standbild des Zaren der Restauration, Alexander III., das dessen Regierungszeit Kulturleistungen anderer Epochen zuschreibt.

          Das Postament der Bronzeskulptur ziert das isolationistische Motto, Russland habe nur zwei Freunde, seine Armee und die Kriegsmarine, und in ihrem Rücken erhebt sich eine Reliefwand, auf dem man Fjodor Dostojewski erkennt, der allerdings vor Alexanders III. Thronbesteigung starb, den Chemiker Dmitri Mendelejew, der sein Periodensystem sogar noch früher entdeckte, und die sibirische Eisenbahn, die kurz vor dem Tod des Zaren begonnen, aber erst lange danach fertiggebaut wurde. Selbst die berühmte Formel von Russlands zwei Freunden hat nicht der Zar selbst, sondern sein Kriegsminister Pjotr Wannowski geprägt. Doch der Bildhauer Andrej Kowaltschuk weist alle Kritik zurück und lehnt Korrekturen ab.

          Wie sehr das historische Gedächtnis und somit die kulturelle Identität eine Frage der Macht ist, veranschaulicht insbesondere die Rehabilitierung von Zar Iwan dem Schrecklichen. Der multimediale History-Park „Meine Geschichte“, den das Kulturministerium und die orthodoxe Kirche für Schülergruppen in mittlerweile siebzehn Städten installiert haben, lehrt, Iwan sei im internationalen Vergleich nicht übermäßig grausam gewesen, vor allem aber sei die Überlieferung, wonach er seinen Sohn umgebracht habe, eine Geschichtsfälschung. Im Herbst, als in Orjol erstmals eine Reiterstatue dieses grimmigen Herrschers aufgestellt wurde, erklärte Putin, die Geschichte vom Sohnestotschlag habe der päpstliche Gesandte am Zarenhof, Antonio Possevino, in die Welt gesetzt. Entsprechend der Doktrin von Kulturminister Medinski qualifiziert Putin Zeugnisse von Ausländern über Russland als böswillige Verleumdungen. Dabei geben auch sechs russische Chroniken des siebzehnten Jahrhunderts, die den Thronfolger als hochbegabten Hoffnungsträger schildern, mehr oder weniger explizit dem Zaren die Schuld an dessen frühem Tod.

          Zeitzeugen, die vor Iwan nach Polen flohen, aber auch ein Moskauer Chronist berichten zudem, dass der Zar seinen Erben oft schlug, auch mit dem metallenen Zepter, was die dynastische Tragödie umso plausibler macht. Spekulationen zarentreuer Alternativhistoriker, wonach der Zarewitsch an einer Arsen- oder Quecksilbervergiftung starb, konnten durch chemische Analysen nicht bestätigt werden. Wer freilich heute mit dem Image dieses vor allem bei seinen Untertanen gefürchteten Monarchen kokettiert, der will wohl auch verdrängen, dass die Brutalität Iwans des Schrecklichen seiner Dynastie die Zukunft nahm und sein Land in eine Zeit der Wirren stürzte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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