19.02.2009 · Das vitale Biotop der italienischen Linken galt als große Hoffnung einer ganzen Generation - auch und gerade in Deutschland. Jetzt hat das Bündnis „Partito democratico“ bewiesen, dass es nicht von Utopien lebt, sondern von Klientelismus und Klüngel.
Von Dirk Schümer, VenedigEin Todesfall ist zu beklagen. Gestorben und so gut wie begraben ist Italiens Linke. Nach dem Rücktritt von Oppositionsführer Walter Veltroni, der mit einer geeinten Linkspartei spektakulär Schiffbruch erlitt, sind von der einstigen Bastion der europäischen Avantgarde nurmehr Brösel übrig. Dabei galt das vitale Biotop der italienischen Kommunisten und Anarchisten vor nicht allzu langer Zeit als große Hoffnung einer ganzen Generation – auch und gerade in Deutschland.
Während bei uns Marxisten und Sozialisten, Spontis und Anarchos eher unfreiwillig an Ulbricht, Mielke und Honecker denken mussten, durften sie unter südlicher Sonne von den heiteren Straßenfesten des Partito Comunista Italiano (PCI) träumen, durften sich an der Resistenza weiden, die ihren bleibenden Ausdruck in Bertoluccis rotem Filmepos „1900“ gefunden hatte. Endlich ließ sich die Farbe Rot mit Sinnlicherem assoziieren als Fahnen: Lippen, Sonnenuntergängen, Wein. Maler wie Renato Guttuso, Komponisten wie Luigi Nono, Filmemacher wie Roberto Benigni, Theaterleute wie Dario Fo, Architekten wie Renzo Piano – es ließen sich Dutzende von weltweit geachteten und geliebten italienischen Künstlern aufzählen, die als geistige Speerspitze für einen humanen Sozialismus standen.
Phantasie an die Macht
In Italien, wo ein Drittel der Bürger kommunistisch wählte und ohne schamrot zu werden die Internationale sang, war alles besser, da wurden keine Mauern hochgezogen und keine Liedermacher ausgebürgert. Von Ignazio Silone über Pier Paolo Pasolini und Italo Calvino bis zu Hoffnungsträgern wie Venedigs Philosophenbürgermeister Massimo Cacciari und dem Historiker Carlo Ginzburg wirkten die Autoren in diesem idyllischen Land nicht nur leidenschaftlich links, sondern stets auch erfrischend unorthodox und phantasievoll. Wo in Deutschland Grass und seine Generation die immergleichen, abgetakelten Geschichten im Stil der fünfziger Jahre herunterleierten, standen die roten Italiener – Malerba, Eco, Bufalino, Tabucchi – für postmodernen Witz, Sprachspielerei, skeptische Ironie und wahren historischen und ästhetischen Weitblick. Was konnten wir grobschlächtigen Tedeschi, die ihre Spaghetti noch hilflos mit dem Löffel verknäulten, doch bei den schillernden Genossen aus dem Süden alles an linker Lebensart lernen!
Und diese Compagni aus dem Süden hatten Einfluss im Land, beherrschten die Kolumnen von „Espresso“, „Micromega“ und „Repubblica“ und standen wacker in der Welt für ein Projekt, dass keine stalinistischen Bürokraten, sondern bald einmal die Phantasie an die Macht bringen würde. Wer dachte da noch an die jämmerliche DKP? Es gefiel der deutschen Toskanafraktion ungemein, beim Bildungsurlaub im Süden ein wenig glaubhafte Utopie zu atmen. Lobenswerte geistige Tankstellen wie der Wagenbach-Verlag bezogen ihren Sprit am liebsten bei den Genossen in Italien. Sanfte Kommunisten wie Enrico Berlinguer, der sich gut mit dem Papst vertrug, konnten in Deutschland zu Politikonen werden, während sich der einstige Häftling Toni Negri bis in allerjüngste Zeit mit seinen antikapitalistischen Manifesten als Wiedergänger von Marx verklären ließ.
Jetzt lebt Italiens Linke von Klientelismus und Klüngel
Und nun? Während hierzulande die Nachfolgepartei der SED in ihrer blühenden politischen Landschaft gedeiht, ist in Italien alles dahin. Die PCI kam schon bei der letzten Wahl nicht mehr über die Vier-Prozent-Hürde; Grüne und Trotzkisten sind inexistent, Kathokommunisten eine Lachnummer. Das Schauspiel dieser Tage, da sich der glücklose Walter Veltroni bei den Parteibonzen, die ihn über Monate systematisch beschädigt hatten, für sein Versagen entschuldigen muss, ist keine Farce der Selbstkritik: Es ist eine spätweimaraner Idiotie.
Die linke Sammelbewegung „Partito democratico“ war vor anderthalb Jahren als Antwort auf Populismus und Postfaschismus spät genug entstanden und hatte gleich ein sehr beachtliches Wahlergebnis eingefahren. Danach hatte Veltroni sich bewusst an Barack Obamas Politikstil orientiert, hatte „Yes we can!“ zum Slogan seiner Partei gemacht und zaghaft versucht, mit den selbstverliebten Dinosauriern seiner Couleur aufzuräumen. Die zahlten es ihm unerbittlich heim und bewiesen zum soundsovielten Mal, dass Italiens Linke gar nicht von Utopien lebt, sondern von Klientelismus und Klüngel.
Der Ruf der Parteibasis, die destruktiven Diadochen mögen nun endlich nach Hause gehen, wird – wie seit zehn Jahren – auch jetzt wieder ergebnislos verhallen. Es ist ein Trauerspiel: Vom ach so einfallsreichen und humanen Eurokommunismus bleiben – nicht anders als in der Sowjetunion – ein paar sture, isolierte Opas, denen Wahlen immer schon egal waren. Und die erträumte Massenpartei von links ist jetzt ein Torso, um dessen schäbiges Erbe sich ein paar fünftrangige Konventikler streiten. Das einzige erfolgreiche historische Projekt, das Italiens Linke auf den Weg gebracht hat, heißt Berlusconi.
PCI?
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 19.02.2009, 18:01 Uhr
Paradies für Extremisten
Ralf Kowollik (InterNETkobold)
- 19.02.2009, 18:51 Uhr
Nein, ein Todesfall ist nicht zu beklagen.
Torsten Klier (TorstenKlier)
- 19.02.2009, 22:15 Uhr
Liebenswert bleiben sie, die Italiener.
Peter Zentner (Caterwaul)
- 19.02.2009, 23:19 Uhr
Lebenswert, Italien, vielleicht
Andreas de Jong (braecho64)
- 20.02.2009, 02:18 Uhr