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Veröffentlicht: 27.01.2016, 19:17 Uhr

Rom und Rohani Wer hat die Venus verhüllt?

Italien ist empört: Für den iranischen Präsidenten Rohani wurden auf dem Kapitol antike Statuen hinter Kartons versteckt. Aber von wem? Keiner will es gewesen sein.

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© AFP Stein des Anstoßes: Die kapitolinische Venus sollte der iranische Präsident Rohani nicht sehen. Also wurde sie versteckt. Doch von wem?

Der „L’Espresso“-Kolumnist Mauro Munafò versucht es mit Ironie und schlägt einen neues Stichwort für die sozialen Netzwerke vor, in Anlehnung an das berühmte Solidaritätsbekenntnis „Je suis Charlie“: #jesuisscatola, ich bin die Schachtel. Will heißen: Ich bin derjenige, der die überdimensionierten Kartons und Sichtblenden vor den Statuen in den Kapitolinischen Museen aufgestellt hat, die mit ihrer Nacktheit nicht die religiösen Gefühle des iranische Präsidenten Rohani verletzen sollten bei seinem Staatsbesuch in Rom.

Ursula Scheer Folgen:

Was hätte Rohani auch alles zu sehen bekommen können auf seinem Weg vom Gespräch mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi, in dem es um Milliardengeschäfte für die Wirtschaft ging, zur Pressekonferenz: die steinernen Brüste der Statuen zweier junger Frauen aus dem 4. Jahrhundert vor Christus etwa, eine nur spärlich bekleideten Faunskulptur, den nackten Genius des Kaisers Domitian, die römische Kopie einer Hirtenstatue aus alexandrinischer Zeit, die zwar jede Menge faltiges Gewand, aber eben auch eine faltige männliche Brust zeigt, von der man offenbar fürchtete, sie könnte vom unkundigen Betrachter für den Oberkörper einer Greisin gehalten werden, das Fragment eines Eros-Standbildes und schließlich, hinter einer Stellwand den Blicken entzogen, die Kapitolinische Venus in ihrer ganzen idealen Schönheit.

Die schamhafte Venus

Es wirkt fast wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass ebenjene Darstellung der Liebesgöttin aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert dem Typus der „Venus pudica“ angehört, der schamhaften Venus, die mit ihren Händen ihre Blöße schützt. Für Scham allerdings besteht angesichts der antiken Bildkonvention der idealen Nacktheit, die als geistiges Prinzip das Gegenteil eines Pin-ups ist, nicht der geringste Grund. Das hat die Renaissance verstanden und solche Standbilder zurück auf öffentliche Plätze geholt.

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Scham ist vielmehr das Wort, das so oft wie kein anderes in den italienischen Kommentaren zu der Verhüllungs-Aktion für Rohani fällt, ganz gleich, ob in den sozialen Netzwerken oder den klassischen Medien. Es ist die Scham darüber, dass diese Form des Verbergens Scham über die eigene Kulturgeschichte ausstellt und auf das antike Erbe, welches zu Europas Identität gehört, die Blickregeln des politischen Islams angewandt wurden, woraufhin es als vermeintlich anstößig unsichtbar gemacht wurde.

38263466 © AP Vergrößern Sichtsperre: Weil der iranische Präsident an diesen beiden Statuen auf dem Kapitol vorbeiging, mussten sie hinter Pappe verschwinden.

Nicht nackte Steine seien ein Affront, schreibt eine Twitter-Nutzerin unter #museicapitolini, sondern wie Iran die Menschenrechte mit Füßen trete. Im Kurznachrichtendienst machen Karikaturen zur Sache die Runde. Eine zeigt eine Frau mit Burka, deren Mann sagt: „Es ist doch nur für den Besuch von Rohani, Schatz.“ Ein andere Zeichner setzt die „italienische Lösung“ der „logischen Lösung“ entgegen: Rohani neben verborgenen Statuen, Rohani neben nackten Statuen - da trägt er selbst eine Schachtel über dem Kopf als Blickschutz.

38263465 © AP Vergrößern Das hätte Rohani gesehen: die Statue eines Schäfers und die eines Fauns.

Das sind Scherze, die aber treffsicher ins Bild setzen, dass Sichtbarkeit einer der wunden Punkte ist, wenn es um das Aufeinandertreffen von westlicher und arabischer Welt geht: die Bildwürdigkeit des Menschen, des nackten zumal, die Darstellbarkeit Mohammeds, die Sichtbarkeit der Frau im öffentlichen Raum. Die „verhüllten“ Statuen hätten nicht solche Empörung hervorgerufen, wären nicht Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ in Paris von Islamisten ermordet worden und würde der IS nicht eine antike Stätte nach der anderen dem Erdboden gleichmachen. Der Präsident des islamischen Gottesstaats Iran soll, so die Hoffnung, ein strategischer Partner gegen den Terror werden. Aber muss sich Rom deshalb vorauseilend den Moralvorstellungen des Gastes anpassen?

Iranian President Hassan Rouhani visits the Colosseum © dpa Vergrößern Im Kolosseum hatte Rohani freie Sicht.

Abgeordnete fast aller italienischen Parteien und Medien von links bis rechts haben die Verhüllungen kritisiert. Für die will nun - darauf zielt der im Ton bittere Ich-bin-die-Schachtel-Kommentar in „L’Espresso“ - keiner mehr verantwortlich sein. Sein Ministerium habe mit der Sache nichts zu tun, sagt der italienische Kultusminister Dario Franceschini vom Partito Democratico; weder er noch sein Parteikollege, der Ministerpräsident Matteo Renzi, hätten etwas von der Entscheidung gewusst, die in Stein gemeißelte Nacktheit hinter Kästen und Wänden verschwinden zu lassen. Um auf die Empfindlichkeiten des Gastes Rücksicht zu nehmen, hätte man andere Wege gehen sollen, meint Franceschini. Auch Renzi distanzierte sich: Er habe die Maßnahmen nicht angeordnet und heiße sie nicht gut, ließ er wissen. Italienische Medien zitieren ihn mit der Aussage, ein Protokollchef habe da im „Exzess des Eifers“ gehandelt. Rohani selbst, auf der Pressekonferenz auf die verborgenen Kunstwerke angesprochen, sagte, das Ganze sei doch mehr ein Medienthema als ein tatsächliches und ergänzte: „Ich kann nur sagen, dass die Italiener sehr gastfreundlich sind, sie tun alles, damit der Gast sich wohl fühlt, und dafür danke ich ihnen.“

Quelle: F.A.Z.

 

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