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Istanbuler Konflikt : Soll die Hagia Sophia wieder eine Moschee werden?

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Architektonisch ist die Hagia Sophia ein großartiges byzantinisches, von osmanischer Kunst glänzend ergänztes Bauwerk. Bild: Getty Images

Nationalistische Politiker der Türkei fordern, dass der öffentliche Raum islamisiert wird. Die Hagia Sophia wurde als Kirche gebaut und später zur Moschee umgewidmet. Heute ist sie ein Museum. Ob es dabei bleibt, ist umstritten.

          Kaiser Justinians berühmte Basilika Hagia Sophia, „Göttliche Weisheit“, zählt zu den bekanntesten Bauwerken der Welt. Sie war mehr als neunhundert Jahre lang Kirche und wurde 1453, als die Osmanen Konstantinopel eroberten, in eine Moschee umgewandelt. Als solche wurde sie fast fünfhundert Jahre genutzt, bis sie 1934 zum Museum deklariert und 1935 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

          Vor einiger Zeit löste die angeblich von vielen Türken unterstützte Forderung, das Denkmal wieder zur Moschee zu machen, beträchtliche politische Aktivitäten aus. Konkret legte am 7. November 2013 ein Parlamentsabgeordneter der MHP (Partei der Nationalistischen Bewegung), Yusuf Halaçoglu, offiziell einen Gesetzentwurf zur Aufhebung jenes Dekrets vom 24. November 1934 vor, das die Umwandlung der Hagia Sophia in ein Museum verfügt hatte. Zehn Tage später erinnerte der Parlamentsabgeordnete und Regierungssprecher Bülent Ari·nç von der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) die Öffentlichkeit daran, dass zwei weitere Hagia Sophias, in Trabzon (Trapezunt) und Iznik (Nikäa), erst kürzlich wieder dem muslimischen Kult zugänglich gemacht worden seien, und fügte hinzu: „Unser Blick wendet sich dieser traurigen Hagia Sophia zu, und wir beten zu Gott, dass sie bald jubeln wird.“

          Ari·nçs keineswegs subtiler Hinweis auf die größere Hagia Sophia schien anzuzeigen, dass die Regierung den Gesetzentwurf unterstützen werde. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass dies mehr als ein politisches Manöver war. Halaçoglus MHP ist in der Opposition und kann daher die öffentliche Meinung ohne Rücksicht auf die politischen Folgen aufpeitschen. So dürfte ihr Vorstoß eine bequeme Möglichkeit sein, der Öffentlichkeit zu suggerieren, die MHP setze sich stärker für die Sache des Islams ein als die Regierung.

          Die Argumente sind gleich geblieben

          Alles in allem betrachtet, wäre die Rückverwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ein mehr waghalsiger denn wagemutiger Akt, würde sie doch in der Öffentlichkeit und in politischen Kreisen des Westens einen Aufschrei auslösen, das Image der Türkei und die Einnahmen aus dem Tourismus schädigen. Zu einer Zeit, da international die Sorge über die Politik des Ministerpräsidenten Erdogan wächst, dürfte die Regierung es vorziehen, westliche Kritik zu vermeiden.

          Es wird immer die Versuchung geben, mit der Forderung nach Reislamisierung der Hagia Sophia die religiös-konservativsten Teile der Wählerschaft für sich zu gewinnen. Aber es scheint, dass zumindest die Regierungspartei AKP diesen zusätzlichen Auftrieb für ihre populistische Rhetorik nicht nötig hat. Möglicherweise hängt ihr Kommentar zur „trauernden Hagia Sophia“ mit den Vorbereitungen der Kommunalwahlen zusammen, in denen die AKP in Istanbul von einem recht starken Oppositionskandidaten herausgefordert wurde. Dennoch fanden die Wahlen am 30. März statt, ohne dass die Partei sich zur Zukunft des byzantinischen Bauwerks äußerte. Der Sieg der AKP rechtfertigte es, dass man dies heiße Eisen nicht anfasste, und zeigt, dass dies auch in Zukunft wohl so bleiben wird.

          Neu ist die Forderung übrigens nicht. Sie lässt sich bis in die fünfziger Jahre zurückverfolgen und wurde seither in unregelmäßigen Abständen von Politikern, Aktivisten und Ideologen aufgegriffen, die im Namen des nationalistischen und islamistischen Konservatismus sprachen. Auch die Argumente haben sich kaum verändert: Respekt vor dem „Recht des Schwertes“ der Eroberer von 1453; Erfüllung der Bestimmungen der frommen Stiftung, die Mehmed II. zur Erhaltung der Moschee gründete; Freiheit der Religionsausübung für eine überwiegend muslimische Nation.

          Eine neue Wissensinstitution

          Bezüglich der aktuellen Debatte gilt es zu berücksichtigen, dass keine Kirche, sondern ein Museum wieder Moschee werden soll. Da die Umwandlung 1934 eine persönliche Entscheidung Mustafa Kemal Atatürks war, zeugt die Forderung möglicherweise von einem gewissen Antikemalismus. Deshalb versuchte Halaçoglu, dessen Partei für den islamischen Konservatismus wie für den kemalistischen Nationalismus eintritt, Atatürk aus der Schusslinie zu nehmen, indem er das unhaltbare Argument vorbrachte, dieser habe das Dekret nur gezwungenermaßen unterzeichnet.

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