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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Israel und der Iran Steht endlich auf und sprecht es offen aus

 ·  In Israel gibt es Angst vor einem Angriff des Landes auf Iran, aber man schweigt. Warum stehen nicht Minister und Vertreter der Streitkräfte auf und äußern sich frei? Ein Beitrag des israelischen Schriftstellers David Grossman.

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© AFP Die Zukunft und das Schicksal des israelischen Volkes sind vor allem der Beurteilung durch Präsident Netanyahus extreme, rigide und kompromisslose Weltsicht unterworfen

Hier ein möglicher Ablaufplan: Israel greift Iran an - trotz des heftigen Widerstands von Präsident Barack Obama, der dringend darum bittet, dass Israel die Arbeit den Vereinigten Staaten überlassen möge. Warum? Weil Benjamin Netanyahu eine historische Geisteshaltung und eine historische Auffassung hat, laut der, einfach gesprochen, Israel eine „ewige Nation“ ist und die Vereinigten Staaten, bei allem nötigen Respekt, nur das Assur oder Babylon, das Athen oder Rom unserer Zeit sind. Soll heißen: Wir sind unsterblich, wir sind ein ewiges Volk, und sie, trotz ihrer Stärke und Macht, sind bloß vorübergehend und flüchtig.

Sie haben engstirnige und unmittelbare politische und wirtschaftliche Anliegen: Sie sorgen sich über die Wirkung, die ein Angriff auf die Ölpreise und die Präsidentschaftswahlen haben wird, während wir, wie schon immer, im Reich des Ewigen Israels leben. Wir verfügen über ein historisches Gedächtnis, das gesprenkelt ist mit aufblitzenden Wundern und triumphalen Rettungen, die auf Logik und Wirklichkeit keine Rücksicht nehmen. Ihr Präsident ist ein Weichei, das daran glaubt, dass seine Feinde dasselbe rationale Denken wie er pflegten, während wir in den letzten viertausend Jahren in erbittertem Kampf mit den dunkelsten Mächten der Unterwelt und den finstersten menschlichen Absichten standen und deshalb sehr gut wissen, was nötig ist, um in diesen zwielichtigen Zonen zu überleben.

Netanyahus Weltsicht unterworfen

Einige werden dieses Bild beängstigend finden, aber der israelische Ministerpräsident dürfte es als zutreffende Beschreibung ansehen; er dürfte es sogar als eine Art Kompliment betrachten. Wie die Dinge stehen, genießt der Ministerpräsident die Unterstützung einer breiten Koalition und wird von keiner ernstzunehmenden Opposition belästigt. In gewisser Weise agiert er als ein autokratischer König Bibi, wie ihn das „Time Magazine“ genannt hat. Damit ist gemeint, dass, wenn schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden müssen, die Zukunft und das Schicksal des israelischen Volkes vor allem der Beurteilung durch Netanyahus extreme, rigide und kompromisslose Weltsicht unterworfen sind.

Mit anderen Worten: Selbst jene zahlreichen Israelis von überallher auf der politischen Landkarte, die nicht wollen, dass Israel Iran angreift, sitzen nun zusammen mit gewissen Sicherheitsexperten auf höchst fatale Weise in der Falle der hermetischen Weltsicht des Ministerpräsidenten.

Dennoch hat Netanyahu loyale Partner in der Regierung, Menschen, die seine Auffassung Entscheidungen teilen sollen. Ihr Vorteil gegenüber dem Durchschnittsbürger liegt angeblich im „überlegenen Wissen“, weil sie im Besitz „aller Fakten und Erwägungen“ sind. Stimmt, so funktioniert eine demokratische Regierung, aber die Israelis haben aus böser Erfahrung gelernt, dass ihre Führer vor schwerwiegenden Fehlern nicht gefeit sind und dass sie wie jedermann - und vielleicht sogar noch etwas mehr - anfällig für Selbsttäuschungen sind und von der Euphorie der Falken mitgerissen werden.

Deshalb, weil es um so eine schicksalsträchtige Sache geht, sind wir aufgerufen und verpflichtet, wieder und wieder zu fragen oder zumindest zu verlangen, dass die Entscheidungsträger sich selbst befragen und ehrlich antworten: Wissen die „Wissenden“ wirklich alles, was sie wissen müssen? Ist wirklich jemand befähigt, solch eine Entscheidung zu treffen? Ist jemand wirklich befähigt, „alle Fakten und Erwägungen“, die eine solche Handlung zur Folge hat, abzuwägen und zu kalkulieren?

Sind die „Wissenden“ absolut sicher, dass sie die Fähigkeit der israelischen Verteidigungsstreitkräfte, das Problem einer iranischen Nuklearbombe ein für allemal zu lösen, nicht überschätzen und die iranischen Möglichkeiten nicht unterschätzen? Sind sie absolut sicher, dass Iran im Falle eines israelischen Angriffs die Bombe nicht bekommen wird oder dass sie, wenn sie die Bombe doch bekommen, sie gegen Israel einsetzen werden?

„Bombardieren oder Bombardiertwerden“

Mit anderen Worten: Beruht ihr „Wissen“ ausschließlich auf Fakten, oder ist es parteiisch und von Ängsten bestimmt, von Wunschdenken und den Echos früherer Traumata, die niemand so geschickt aufzubauen versteht wie der Ministerpräsident? Und am wichtigsten: Verstehen sie in vollem Ausmaß, dass sich die Entscheidung, eine Supermacht wie Iran anzugreifen, noch dazu in Missachtung Amerikas, als einer der schwersten Fehler erweisen könnte, den eine israelischer Regierung je begangen hat?

Fürsprecher eines Angriffs sehen eine gerade Linie, an deren Ende die Alternative „Bombardieren oder Bombardiertwerden“ steht - mit einem Schild oben drüber: „Das Schwert soll ohne Ende fressen.“ Israels Führung ist so in dieser Denkungsart gefangen, dass es für sie ein himmlisches Gebot oder ein Naturgesetz zu geben scheint, das Israel fast immer dazu verurteilt, bei jedem Dilemma oder Sicherheitsentscheidung nur den einen Weg einzuschlagen: „Bombardieren oder Bombardiertwerden“, zwischen Angreifen und Angegriffenwerden.

Befallen von altbekannten, beinahe mystischen Kräften

Natürlich ist ein nuklear bewaffnetes Iran eine echte Gefahr, nicht nur ein verrücktes Phantasieprodukt der israelischen Regierung. Aber selbst in der gegenwärtigen Lage gibt es andere Wege, andere Möglichkeiten des Handelns oder Nichthandelns, und selbstverständlich gibt es auch die unwiderrufliche amerikanische Versicherung, dass Iran keine Nuklearmacht werde. Aber Israel ist offenbar schon befallen von altbekannten, beinahe mystischen Kräften, die es nicht unter Kontrolle hat, Kräften, die genährt werden von jener bereits erwähnten historischen Geisteshaltung, die fast ausnahmslos alle ihre Ängste wahr werden sieht und wie ein Magnet von existenzieller Gefahr angezogen zu werden scheint.

Deshalb stellt sich die Frage mit noch größerer Dringlichkeit: Warum stehen nicht Minister und Vertreter der Streitkräfte - Menschen, die hier und heute im Amt sind, nicht die, die ihre Amtszeit erfüllt haben - auf und äußern sich frei? Es gibt Leute, die sich im privaten Gespräch als Gegner eines Angriffs erweisen, die der Überzeugung sind, dass ein israelischer Angriff Iran auf dem Weg zur Nuklearmacht nur um ein kleines Stück zurückwerfen wird. Sie fürchten die schwerwiegenden Konsequenzen, die solch ein Angriff für Israels Lage haben wird, für sein schieres Überleben. Warum stehen sie nicht gerade jetzt auf, wo es noch möglich ist, und sagen: Wir teilen diese megalomanische Vision, diese messianisch-katastrophische Weltsicht nicht?

In der Dunkelheit stumm geworden

Ist Treue zum System wichtiger als Treue zur israelischen Sicherheit und Zukunft - jener Sache, der sie ihr Leben gewidmet haben? Eine solch aufsehenerregende Handlung wäre das Sinnvollste, was sie für Israel tun könnten, für seine Sicherheit und seine Zukunft.

Und was ist mit uns, dem israelischen Volk, die wir plötzlich mitten in der sich zusammenziehenden Dunkelheit stumm geworden sind, die wir mit weit geschlossenen Augen in fatalistischer Resignation ignorieren, was mit jedem Tag bedrohlicher zu werden scheint? Was werden wir uns selbst und unseren Kindern entgegnen können, wenn wir gefragt werden, warum wir still geblieben sind? Warum wir nicht in Massen auf die Straße gegangen sind, um gegen einen weiteren von uns begonnenen Krieg zu demonstrieren? Warum wir nicht ein einziges symbolisches Protestzelt vor der Residenz des Ministerpräsidenten aufgestellt haben, um vor der möglichen Katastrophe zu warnen, die uns bevorsteht? Denn wie es der Dichter Chaim Bialik in anderem Zusammenhang gesagt hat: Wir sind es, die den Preis für diesen Schlag mit unserem Blut und Mark bezahlen werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Andreas Platthaus.

Der israelische Schriftsteller David Grossman veröffentlichte zuletzt auf Deutsch „Die Umarmung“.

Quelle: F.A.Z.
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