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Veröffentlicht: 30.05.2017, 07:31 Uhr

Israel, Juden und die SPD Vom Kniefall zu vielen Versehen

1970 gedenkt Willy Brandt auf Knien der toten Juden Europas. 2017 legt Frank-Walter Steinmeier einen Kranz für Arafat ab und Sigmar Gabriel interpretiert den Holocaust neu. Warum passieren einigen Sozialdemokraten solche Versehen, wenn es um Juden, um Israel geht?

von Anna Prizkau
© Reuters Ein Kranz für einen Friedensnobelpreisträger und Terroristen: Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zum Grab Jassir Arafats.

Es gab diese Mär, die Menschen einander erzählten, um sich zu schütteln und dann mit gutem Gewissen Juden zu jagen, zu verjagen. Das war im Mittelalter. Das war die Mär von der jüdischen Brunnenvergiftung. Im Jetzt, genauer im vergangenen Jahr, wurde die Mär wieder erzählt. Das war im Europäischen Parlament. Da sprach Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, und seine neue und alte Mär der Brunnenvergiftung ging so: „Eine Gruppe von Rabbinern in Israel hat ihre Regierung klar, sehr klar dazu aufgefordert, das Wasser der Palästinenser zu vergiften.“ Die, die ihm zuhörten, klatschten, und einer drückte darauf das Wort „inspiring“ in sein Telefon rein, um es auf Twitter zu schicken. Das war Martin Schulz. Vielleicht war das ein Versehen. Was aber ist mit den anderen Versehen der Sozialdemokraten, die immer dann versehentlich geschehen, wenn es um Juden, um Israel geht? Davon erzählen die Ereignisse der vergangenen Wochen.

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Doch die Geschichte Israel-Juden-Sozialdemokraten muss im Damals anfangen. Anfangen nach dem kleineren, größeren Schock des Zweiten Weltkriegs. Anfangen mit Willy Brandt. In Polen, wo sonst? Dezember 1970. Der Himmel liegt grau über dem Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Willy Brandt kniet. Das ist auch SPD. Vielleicht das Jetzt-Gegenteil. Sicher riskant. Denn es geht um die Ostpolitik, Brandt kniet im judenfeindlichen Osten.

Die kommunistische Deutung geht nicht mehr

Zwei Jahre zuvor hat die polnische Führung eine antisemitische Megakampagne gefeiert, nach den März-Unruhen musste sie Schuldige zeigen, Juden natürlich. Denn Kommunisten benutzten, um alle möglichen, unmöglichen Probleme zu lösen, Antisemitismus politisch. Deshalb schwiegen sie über die Schoa, erzählten, dass nicht Juden die Opfer der Nazis waren, sondern die Kommunisten. Diese kommunistische Deutung geht heute nicht mehr. Doch sozialdemokratisch die Schoa auslegen, das geht schon, das machte der sozialdemokratische deutsche Außenminister im April 2017, aber dazu später.

Denn noch ist der 7. Dezember 1970, noch kniet der Kanzler. Eine Randnotiz ist der Kniefall in der polnischen Presse. Und in Deutschland? Da ist Polen, andersherum: Alle sprechen, schreiben, streiten über das schöne, traurige, große Ereignis vor der Gedenktafel in Warschau. Und eine Umfrage sagt, dass die Mehrheit der Deutschen den Kniefall als „übertrieben“ empfinde. In deutschen Köpfen und Herzen ist Brandt trotzdem und deshalb zum Synonym des guten Deutschen geworden.

46642531 © dpa Vergrößern Das ist auch SPD: 1970, Willy Brandt kniet vor dem Warschauer-Getto-Ehrenmal.

Gute Deutsche werden bestimmt auch die Partei-Enkel Brandts. Trotz und wegen der vielen Versehen im Inspiring-Schulz-Stil. Denn das Bild des guten Deutschen, so wie das der großen moralischen und politischen Geste, hat sich verändert. Die zeitgenössische Form führte Frank-Walter Steinmeier vor. In Ramallah, wo sonst? Mai 2017. Der Himmel ist blassblau, der Präsident neigt seinen Kopf, die Hände liegen als andächtige Hände an seinem Körper. Als erster deutscher Präsident legt Steinmeier einen Kranz am Grab Jassir Arafats ab. „Skandal“, könnte man brüllen, „Arafat war Terrorist.“ Oder „Nein“ schreien, „Nobelpreisträger war der“. Doch niemand schreit, zumindest nicht in der deutschen Presse, die sich zum Fall Arafat-Steinmeier verhält wie die polnische damals zum Kniefall von Brandt. Eine Randnotiz ist seine Geste, und es herrscht Stille.

Wieder mal Terror

Es ist immer noch der 9. Mai 2017, Steinmeier verneigt seinen Kopf vor dem Grab Arafats. Er weiß, wer der Tote war, was er sagte und tat. Es ist bekannt, dass die Karriere Arafats mit der Gründung der Fatah beginnt. Deren Ziel damals: die absolute Auslöschung Israels. Berühmt machen Arafat auch Anschläge auf Zivilisten. Er plant, bezahlt über Jahrzehnte den Terror. „Die Revolution wird ihre Waffen nicht niederlegen, bevor ganz Palästina befreit ist“, zitiert 1970 der „Spiegel“ Jassir Arafat.

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