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Märtyrertum und Islam : Das Leben ist der Güter höchstes doch

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Das Gebet ist im Islam auch der Moment, an dem sich der Niederwerfende der Sterblichkeit seines Leibes erinnert. Bild: Bruns, Franka

Wie kommen die IS-Mörder auf die Idee, sie seien Märtyrer? Der Koran lehrt das nicht. Es ist ganz einfach: Muslime müssen, wie andere Menschen auch, das Gute tun und das Schlechte verbieten. Ein Gastbeitrag.

          Ein alter Studienfreund, der mittlerweile Imam in einer Moschee in Deutschland ist, erzählte mir kürzlich von einem jungen Mann, der sich nichts sehnlicher wünschte, als als Märtyrer zu sterben. Dieser junge Student fand sich vor zwanzig Jahren in den Reihen von Freiwilligen, die auf Seiten der muslimischen Bosniaken gegen die serbischen Angreifer kämpften. Er machte seine Frau zur Witwe und seine beiden Kinder zu Halbwaisen. Wie kann es sein, dass von diesem jungen Muslim der Tod höher geschätzt wurde als das Leben? Legt dies der Koran nahe oder das Leben des Propheten Mohammed?

          Der Tod ist eine anthropologische Konstante, der sich Menschen nicht entziehen können. Damit Menschen mit diesem individuell einmaligen Phänomen umgehen können, haben Weltanschauungen Postmortalitätsvorstellungen etabliert, die das erzeugte Leid des Wissens um die eigene Sterblichkeit mehr oder weniger seelsorgerisch einbetten. Auch der Islam, was übersetzt so viel heißt wie „das Leben in Selbstergebung zu Gott“, findet im Koran zahlreiche Worte dafür, das Phänomen des Todes zu benennen und zu beschreiben. Gleichsam dient das Leben des Propheten Mohammed als Idealkategorie, die ethische Maxime und in gleicher Weise praxisnahe Bestattungsrituale als Momente der Trauerverarbeitung aufzeigen.

          Mainstream der islamischen Theologie

          Insbesondere muslimische Gelehrte wie der Mystiker Dschalal ad-Din Muhammad Rumi (gestorben 1273) haben Bilder dafür gefunden, das schmerzhafte Wissen um den eigenen und den Tod der Familie als die Vereinigung und Hochzeitsnacht mit dem Liebsten – Gott – zu beschreiben und damit der Erkenntnis des Todes den Schrecken zu nehmen. Auch heute wird das Konzept des Märtyrers im weltweiten Mainstream der islamischen Theologie und auch in den Predigten der hiesigen Moscheen verwendet. Die Frage, die sich gerade jetzt wieder stellt, ist: Existiert eine Diskrepanz zwischen dem, was sich durch den Koran und den Propheten für das Märtyrertum sagen lässt, und dem, was mehrheitlich unter Muslimen kommuniziert wird?

          Der Koran stellt fest, ähnlich wie im christlichen Glauben, dass Märtyrer Menschen sind, die sich in der Zeugenschaft ihres Glaubens verdient gemacht haben (Sure 3, Vers 140; Sure 4, Vers 69). Als Zeugen – „shahid“ im Arabischen – werden einzelne herausragende Menschen (Sure 2, Vers 143 und 282), die Propheten (Sure 4, Vers 41), Engel mit bestimmten Aufgaben (Sure 50 Vers 21) und sogar Gott selbst bezeichnet (Sure 3, Vers 98; Sure 4, Vers 33; Sure 5, Vers 117). So heißt es beispielsweise in Sure 4, Vers 33: „Gott ist ja über alle Dinge Zeuge“.

          Der Koran als verschriftlichte Rede Gottes spricht davon, dass Märtyrer nicht als Tote zu bezeichnen seien, sondern dass sie eigentlich lebendig seien (Sure 2, Vers 154; Sure 3, Vers 169–170). Koran-Stellen mit dieser Aussage haben Gelehrte unterschiedlicher Traditionen dazu inspiriert, von sogenannten Zwischenwelten zu sprechen; in einer solchen befinde sich beispielsweise auch Jesus.

          Bedeutungsvielfalt wird nicht rezipiert

          Laut einigen Überlieferungen des Propheten Mohammed, so zum Beispiel in den Hadith-Sammlungen von Bukhari (gestorben 870) oder Ibn Madscha (gestorben 887), gelten die Zeugen des Glaubens als sündenfrei. Sie haben, heißt es, einen Platz an der Seite des Propheten Mohammed im Paradies, müssen keinerlei Befragung im Grab erdulden und brauchen das Jüngste Gericht nicht zu fürchten. Die islamische Gelehrtentradition ist reich an theologischen Deutungen des Märtyrertums. Es fällt allerdings auf, dass die Bedeutungsvielfalt des Märtyrertums in der muslimischen Gemeinschaft hierzulande und weltweit heute wenig bis gar nicht rezipiert wird. Dafür gibt eine Reihe von Gründen.

          Den derzeit überzeugendsten Erklärungsansatz dafür bietet Navid Kermani, der es in seiner Friedenspreisrede 18.Oktober in der Frankfurter Paulskirche so formulierte: „Vielleicht ist das Problem des Islams weniger die Tradition als vielmehr der fast schon vollständige Bruch mit dieser Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie.“ (F.A.Z. vom 19.Oktober) Genau jener Traditionsbruch, den Kermani beklagte, ist eines der schwerwiegendsten Hindernisse, mit denen sich die islamische Theologie und die muslimische Gemeinschaft in Deutschland auch in Zukunft werden auseinandersetzen müssen. Der Verlust unterschiedlicher gleichberechtigter Zugänge zum Koran und des Vorbilds des Propheten und die damit einhergehende sakrale Tabuisierung im exegetischen Umgang mit den Schriften des Islams führten zur Verfremdung von zentralen islamischen Termini und Konzepten dieser lebensbejahenden Weltanschauung des Islams.

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