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Islamismuskritik : Ein anderer Islam ist möglich

  • -Aktualisiert am

Zeichen gegen Extremisten: Muslime beten in Frankfurt während eines Aktionstages der Muslime im September Bild: Fricke, Helmut

Warum ist es für deutsche Muslime so schwer, die Hamas oder die Salafisten deutlich zu kritisieren? Und wie ließe sich das ändern? Ein Plädoyer für einen modernen zivilgesellschaftlichen Islam.

          Traditionell ist die Moschee die Institution, die das gemeinschaftliche Leben der Muslime prägt. Moscheen sind nicht nur Gebetsräume, sondern lokale Einrichtungen, die den Muslimen bestimmte Dienstleistungen anbieten. Das war in der Geschichte schon immer so: Rund um den Gebetsraum fanden sich im Moscheekomplex Stiftungen, Märkte, Bibliotheken, Armenküchen und andere karitative Einrichtungen. Sie waren Zentren einer lebendigen muslimischen Zivilgesellschaft mit spirituellen, sozialen und vor allem ökonomischen Komponenten.

          Die meisten Moscheegemeinden in Deutschland sind heute eingetragene Vereine, oft eingebunden in große, zentral agierende Dachverbände. Dieses Modell des politischen Islams basiert auf der Idee, über möglichst viele Mitglieder zentral zu entscheiden; es folgt der Vorstellung, dass Macht organisierter Wille sei. Die Funktionäre dieses organisierten Islams streben die politische Anerkennung an und den damit verbundenen Zugang zu den Geldtöpfen.

          In den letzten Jahren formiert sich hierzulande aber Widerstand gegen diese etablierten Organisationsformen. Manche kritisieren die mangelnde Flexibilität dieser Großvereine, ihre fehlende Transparenz oder auch die wachsende Bürokratie. Neben den Verbänden des organisierten Islams werden darum vermehrt lokale Initiativen gegründet, die in erster Linie von jungen und deutschen Muslimen getragen werden. Diese sind für die großen Verbände eine Herausforderung, in gewisser Weise sind sie es aber auch für die Mehrheitsgesellschaft. Denn sie definieren sich nicht über die Ethnie, die Herkunftsländer ihrer Eltern, sondern betonen, dass sie deutsch und muslimisch sind. Der Islam stellt sich nach diesem Verständnis nicht als Phänomen der Fremde dar, sondern erweist sich kompatibel zur deutschen Kultur.

          Bornierte Solidarität

          Jenseits der Frage, wie sich Muslime organisieren sollten, gibt es eine andere Grundsatzfrage, der sie sich in Europa stellen müssen. Aufgrund der aktuellen Ereignisse vermissen nicht wenige Deutsche ein stärkeres Engagement des organisierten Islams gegen Antisemitismus oder die salafistisch-wahhabitische Ideologie - auch wenn die Demonstrationen vom Wochenende ein Anfang waren. Aber es war nicht genug, die Kritik wird zu Recht vorgetragen. Denn entweder beruhigen die muslimischen Verbände ihr Gewissen, indem sie sich mit einzelnen Wortmeldungen oder Pressemitteilungen von diesen Gruppen distanzieren, aber nicht wirklich etwas unternehmen. Oder sie lehnen eine Distanzierung mit dem Argument ab, man habe nichts mit diesen Ideologen zu tun.

          Weshalb dieser passive Umgang mit Gruppen, die negative Auswirkungen auf das Bild der Muslime insgesamt haben? Es liegt daran, dass Teile des organisierten Islams ihre Ursprünge im islamischen Modernismus haben, der während und nach der Kolonialisierung der arabischen Welt als Reaktion auf ebendiese entstand. Im Denken dieses Modernismus tritt der Islam im „Kleid der Technik“ als Partei, Ideologie, Bewegung oder, in seiner radikalsten Form, als Terrorismus auf. Der Einfluss der modernistischen Ideologie der Muslimbrüder in Deutschland ist nicht zu leugnen.

          Daraus resultiert eine bornierte Solidarität etwa mit der Hamas, die ihre Ursprünge ebenfalls in der Muslimbruderschaft hat. Wenn man als Muslim die Hamas-Ideologie, die eher nationalistisch als islamisch ist, kritisiert, wird man nicht selten reflexartig als „Verräter“ oder als „unsolidarisch“ gebrandmarkt. Aber ist es eine Glaubensfrage, wenn man die jahrzehntelang erfolglose Politik einer Bewegung in Frage stellt, für die gerade viele eigene Anhänger mit dem Leben bezahlt haben?

          Gegen Terror, gegen Ehrenmorde

          Ein zentraler Gedanke des islamischen Modernismus, der immer noch in vielen Köpfen herumspukt, kreist um die Vorstellung eines vermeintlich „islamischen Staates“. Auch diese Idee entstand gegen Ende der Kolonialzeit mit der Gründung der Muslimbruderschaft. Beeinflusst durch das westliche Staatsdenken, prägten Vordenker der Muslimbrüder wie Hassan Al-Banna, Jamal-ad-din Al-Afghani oder Sayyid Qutb die Idee, dass die islamische Welt ihre Unabhängigkeit nur wiedererlangen könne, wenn sie die Techniken und die Staatsstrukturen der überlegenen Kolonialmächte kopieren und mit dem Islam kombinieren würde. Daraus sollte dann der „islamische Staat“ entstehen. Der Islam im Kleid westlich-revolutionärer Ideologien wurde dadurch zur Heilsbotschaft des politischen Islams, der „Wille zur Macht“ dominiert seitdem. Nicht wenige muslimische Organisationen in Europa sind davon beeinflusst.

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