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Islamischer Religionsunterricht : Kühnes Experiment

Islamkundeunterricht in einer Bonner Realschule Bild: ddp

Außerhalb von Berlin gibt es islamischen Religionsunterricht nur als Schulversuch. Eine Tagung führte Verbandsvertreter und Beamte zusammen. Die muslimischen Dachverbände stellten sich einig und dogmatisch dar - auch, weil das deutsche Staatskirchenrecht es in dieser Frage von ihnen erwartet.

          Da saß sie also, eine Woche nach der zweiten Plenarsitzung der Islamkonferenz, doch noch an einem Berliner Debattentisch, eine hübsche junge Frau, gehüllt in eng anliegendes Ganzkörperperlmutt: die Repräsentantin der von Feridun Zaimoglu beschworenen „breiten, selbstbewussten Strömung“ jener „Neo-Musliminnen“, die der Schriftsteller zu Avantgardistinnen der Integration ausgerufen hat. Selma Öztürk ist Geschäftsführerin der Schura Niedersachsen, eines eingetragenen Vereins, der mit dem Anspruch eines „Landesverbands der Muslime“ auftritt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Friedrich-Ebert-Stiftung hielt vorgestern eine Tagung zum Islamunterricht ab. Beamte aus vier Kultusministerien berichteten über Modelle und Schulversuche. Die Teilnehmer des zweiten Podiums sollten „Muslimische Positionen“ vortragen. Alle drei Frauen neben den Vertretern der türkisch gesteuerten Ditib und der Berliner Islamischen Föderation sowie dem ersten Ordinarius für islamische Religionslehre, Harun Harry Behr aus Erlangen, verbargen ihr Haupthaar; die Kölner Pädagogin Rabeya Müller und Asiye Köhler, Ehefrau des Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime und Vorsitzende von dessen Pädagogischem Fachausschuss, führten die Kopftuchalternative des turmartigen Aufputzes vor.

          Die kritische Frage nach der Sexualität

          Um die Integration von Frau Öztürk, deren Verein mit dem Land Niedersachsen einen Schulversuch ausgehandelt hat, an dem im laufenden Schuljahr circa 1030 Schüler teilnehmen, muss man nicht bange sein. Sie mochte einen leider sogar allzu sehr an einen aus der Bildungswelt der Bundesrepublik vertrauten Typus erinnern. Ungalanterweise sei es ausgesprochen: In ihrer übersprudelnden Beflissenheit lag etwas arg Klassensprecherinnenhaftes. Auf Heidemarie Ballasch aus dem Niedersächsischen Kultusministerium, die den seit 2003 laufenden Schulversuch erläutert hatte, bezog sie sich wie auf eine Lieblingslehrerin. Schuldig blieb sie die Antwort auf eine Frage aus dem Publikum. Eine Zuhörerin, die sich als ehemalige Kopftuchträgerin und Mutter von fünf Söhnen vorstellte, wollte wissen, wie der Religionsunterricht Mädchen und Jungen auf die „Beziehungsfähigkeit“ vorbereite.

          Man sollte denken, dass die Lehrplanmacher regelmäßig mit der kritischen Frage nach der Sexualität konfrontiert würden und eine Standardantwort parat hätten. Im katholischen Religionsunterricht der frühen Achtziger kam das Thema „Freundschaft und Liebe“ in jedem Jahr vor; häufiger behandelt wurden nur die „Jugendsekten“. Frau Öztürk hatte die quengelige Ausrede zu bieten, zwei Stunden in der Woche könnten nur eine Ergänzung der anderen Fächer oder der Koranschule sein und dürften nicht mit Erwartungen überfrachtet werden. Während sie also der Geschlechterfrage auswich, nahm sie sich die Zeit, um auf zwei Redner aus der Vormittagssitzung zurückzukommen.

          Wenn Beamte Steckenpferde reiten

          Die verfassungsrechtlichen Ausführungen von Klaus Gebauer, der am nordrhein-westfälischen Landesinstitut für Schule in Soest jahrzehntelang die Curriculumsentwicklung bestimmt hat, waren allerdings in der Tat kritikbedürftig. Der nordrhein-westfälische Versuch ist der älteste und gründlichste; das ordentliche Schulfach der Islamkunde haben heute an 150 Schulen etwa 8000 Schüler gewählt. Gebauer verteilte ein ausführliches Paper, in dem er seine Erfahrungen in der Lehrerausbildung schildert - etwa die von Denkgewohnheiten der strengen Schriftreligion erzeugten Schwierigkeiten des Einsatzes von Bildmedien im Unterricht.

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