15.05.2007 · Der islamische Feminismus hat einen schweren Stand. Westlich Orientierte sehen in ihm einen Verrat liberaler Werte, Konservative werfen ihm eine Anbiederung an westliche Werte vor. Eine Berliner Tagung suchte eine Antwort auf die Frage, wie Feminismus innerhalb des Islam möglich ist.
Von Gustav FalkeAmina Wadud (Berkeley) bezog sich auf Augustinus, um ihre Idee von einem muslimischen Feminismus zu erläutern. Denke dir Gott als einen Zirkel, dessen Mittelpunkt überall und dessen Peripherie nirgends ist. Ebendas sei mit der koranischen Tauhid, der Einheit Gottes, gemeint. Wenn Gott aber überall ist und zumal in jedem von uns, müssen Gleichheit und Reziprozität als Grundlage aller menschlichen Beziehungen angesehen werden. Doch statt eines freien Austauschs sehen wir überall vertikale Beziehungen, statische, zwingende, Mauern bauende Autorität. Frauen bewegen sich in festgelegten Optionen.
Jüngst habe sie sich zu einem vierzigtägigen Schweigen zurückgezogen und sei daraufhin von einem Naqshbandi-Oberen belehrt worden, dass sie so etwas, ohne autorisiert zu sein, nicht dürfe. Deshalb sei der Kampf für die Bedingungen, in Würde ein Leben als Frau zu führen, eine Sache des tätigen Mitgefühls. Gleichermaßen wichtig sei jedoch die Authentizität, denn die Freiheit, Gott in Liebe zu verehren, ist nicht umsonst zu haben. Vor zwei Jahren berühmt geworden durch ein in einer anglikanischen Kirche New Yorks abgehaltenes Freitagsgebet, wollte sie von der Aktion nicht mehr viel wissen. Der Ernst der Sache sei von einer Welle der Sensationslust verschlungen worden, und der Gestus der Häretikerin stehe ihr nicht.
Ungewolltes Kind des politischen Islams
„Der islamische Feminismus“, resümierte die iranische Anthropologin und Frauenrechtlerin Ziba Mir-Husseini auf einer Tagung des Berliner Wissenschaftskollegs, „ist ein ungewolltes Kind des politischen Islams.“ „Aber ein legitimes“, befand Omaima Abou Bakr (Qatar). Islam ist da gewiss oft nicht mehr als eine Begründungsstrategie. Schon vor zehn Jahren sprachen maghrebinische Feministinnen klar aus, dass, wer eine Reform des Scheidungs- oder des Arbeitsrechts durchsetzen wolle, heute islamisch argumentieren müsse.
Die freilich, denen es ernst ist mit den religiösen Fundamenten, haben einen schweren Stand. Die Konservativen werfen ihnen eine Anbiederung an den Westen vor, wenn sie nicht gar Verschwörung argwöhnen: Alles werde durch die Globalisierung verändert, wenigstens die Familie müsse intakt bleiben. Bei den Fundamentalisten ist die Kontrolle der Frau zum Aushängeschild geworden. Die westlich Orientierten sehen in der Einmischung der Religion einen Verrat liberaler Werte. Und der staatliche Feminismus kann in seinem Bemühen, eine aufgeklärte Außendarstellung mit dem Befrieden der traditionsorientierten Bevölkerung zu verbinden, keine Gesprächspartner gebrauchen.
Zwischen patriarchalischen Eliten und Islamophobie
Nicht anders in der Diaspora, wo staatliche Stellen sich an die konservativen Auslegungen halten, während westliche Feministinnen, sonst Fackelträger von Vielfalt, den Islam als Inbegriff von Unterdrückung nehmen. Eingespannt sei man zwischen patriarchalischen Eliten und Islamophobie.
Worum geht es? Zum einen um die theologische Vergewisserung. Wir kommen nicht darum herum, so der aus Ägypten nach Utrecht geflüchtete Theologe Nasr Hamid Abu Zayd, dass der Koran von „schlagen“ redet und seine Anweisungen nur an Männer gibt. Wir können jedoch dagegensetzen, dass der Prophet seine, übrigens sehr aktiven Frauen gut behandelte. Wir können den Koran kontextualisieren, indem wir die historischen Geschlechterverhältnisse erforschen, auf die er reagiert. Vor allem können wir Dimensionen des Textes scheiden. Wie Gott, obwohl absolut transzendent, menschlich dargestellt wird, antwortet den Seiten von Ungleichheit das grundsätzliche Wissen um die Gleichheit der Menschen.
Gleiche Fähigkeit zur seelischen Perfektion
Zum anderen geht es um Recht und Gesetz. Nach dem neuen Familienrecht ist in Marokko für Hochzeiten mit Minderjährigen eine Genehmigung erforderlich, die aber nur in 3,5 Prozent der Fälle verweigert wurde. Von den Reformen dürfe man sich also nicht irreführen lassen. Umgekehrt muss jeder Teilstaat Nigerias eine eigene Version der Scharia erarbeiten, und da kommt es dann darauf an, was als Beweis für Ehebruch gelten soll. Offenbar sind die Spielräume strategischen Umgangs mit den Normen gar nicht so gering. Westliche Einmischung, hieß es immer wieder, schränke sie sofort deutlich ein.
„Warum sagen Sie nicht, dass Sie säkular sind?“ So fragte aus dem Publikum einer der antiklerikalen Iraner. „Weil ich es nicht bin“, ereiferte sich Sa'diyya Shaikh (Kapstadt). Was habe uns die sexuelle Revolution gebracht? Wir hätten darüber die Sorge um unser Selbst vergessen. Den Feminismus nur als Antwort auf politische Fragen zu nehmen, heiße, den Menschen seiner geistigen Wurzeln zu berauben. Sie selbst hatte sich in ihrem Beitrag auf den Mystiker Ibn Arabi bezogen: Frauen dürfen alles tun, was Männer tun, weil sie dieselben Fähigkeiten zur seelischen Perfektion haben.
Das Gespräch der Seele mit sich selbst
Das führt auf den Zusammenhang von Authentizität und Engagement zurück, der freilich nirgends expliziert wurde. Während bei einer entsprechenden Veranstaltung des westlichen Feminismus unweigerlich über das richtige Leben debattiert worden wäre, galt hier Authentizität als das, was jeder mit sich auszumachen habe. Doch zugleich war deutlich das Gespräch der Seele mit sich selbst, die Vergewisserung des eigenen Selbst- und Gottesverhältnisses, als Quell der Toleranz zu erkennen. Wir müssten lernen, in der Hybridität die Authentizität zu respektieren, hatte eingangs Amina Wadud gefordert, und darin wollte sie, fromme Frau und begeisterte Großmutter, nach einem ganz kleinen Zaudern, das die Aufrichtigkeit ihrer Überzeugungen besser als alles andere bekundete, auch die Transsexualität eingeschlossen sehen.