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Islamische Reaktionen auf den Papst Die Macht des Wortes

 ·  Während muslimische Organisationen in Deutschland eher gemäßigt auf die umstrittenen Islam-Zitate Papst Benedikts antworten, sind die Reaktionen aus Ägypten und Pakistan um so heftiger - wie im Karikaturenstreit.

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Die islamischen Reaktionen auf die Vorlesung des Papstes am vergangenen Dienstag in der Universität von Regensburg erinnern an den Karikaturenstreit: Sie kommen leicht verzögert, dafür fallen sie drastisch, konzertiert und international aus. Zwei Tage nach dem Zitat, mit dem Benedikt XVI. sich dahingehend geäußert hat, daß gegen die Vernunft zu handeln dem Wesen Gottes zuwiderlaufe und dies mit einem Zitat des Kaisers Manuel II. über den Islam auskleidete, gab der Chef der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, den Tenor vor, indem er dem Papst eine „Kreuzfahrermentalität“ attestierte. Er tat dies an dem Tag, an dem Bundeskanzlerin Angela Merkel in Walldorf den türkischen Medienkonzern Dogan Media besuchte und sich hartnäckigen Fragen zum EU-Beitritt der Türkei ausgesetzt sah.

Während die Einlassungen muslimischer Organisationen in Deutschland eher gemäßigt ausfallen, sind die Reaktionen aus Ägypten und Pakistan um so heftiger - wie im Karikaturenstreit. Das pakistanische Parlament verabschiedete einstimmig eine Resolution, die davon spricht, daß der Papst mit seinem „abschätzigen Bemerkungen“ über die Philosophie des „Heiligen Krieges“ (Dschihad) „die Gefühle der muslimischen Welt“ beleidigt habe. Für die „feindlichen“ Äußerungen habe er sich zu entschuldigen. Hinter der Resolution steht die islamistische Partei Jamaat-i-Islami, deren Sprecher ergänzte, daß die Rede des Papstes die bemerkenswerte Einigkeit zwischen Christen und Muslime konterkariere, die diese in der Verurteilung der „israelischen Aggression im Libanon“ gezeigt hätten.

„Ein falsches Verständnis“

In Ägypten äußerte sich der Anführer der Muslim-Bruderschaft, Mohammed Mahdi Akef, ähnlich und sagte, die Worte des Papstes, „drücken ein falsches Verständnis des Islam aus“. Doch muß man wissen, daß die Muslim-Bruderschaft, die auch in Deutschland aktiv ist und hier etwa 1300 Anhänger haben soll, den „Heiligen Krieg“ im Sinne eines bewaffneten Kampfes durch den Koran legitimiert und für eine nach ihren Dafürhalten „wahre islamische“ Staatsordnung eintritt - insofern muß sie sich von den Bemerkungen Bendikt XVI. in der Tat getroffen fühlen.

Video: Zentralrat der Muslime wünscht „konstruktiven Dialog“

Der Vorsitzende des Aussschusses für Religionsdialog im ägyptischen Parlament, Fawi Zezzaf, nannte den Papst gar einen „Lügner“ und warnte, daß schon die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“ eine wütende Antwort „der muslimischen Massen“ ausgelöst hätten: „Was wird wohl die Reaktion auf derartige Aussagen sein?“

Haken al Mutairi, der Chef der Partei der Islamischen Gemeinschaft, meinte, der Papst reihe sich mit seiner Äußerung „in den Krieg ein, den der Westen gegenwärtig gegen die muslimsiche Welt führt, wie in Afghanistan, im Irak und im Libanon“. Der Katarer Scheich Jussef al Qardawi, der mit seinen Predigten und religiösen Unterweisungen unter anderem auf dem Nachrichtensender Al Dschazira den Ton angibt, sagte, die Muslime seien berechtigt, „wütend“ über die Worte des Papstes zu sein und sich angegriffen zu fühlen.

Aufmacher bei Al Dschazira

Was mit Blick auf solche Einlassungen in manchen deutschen Zeitungen als dpa-Meldung verkürzt unter dem Titel „Islam-Schelte“ des Papstes lief, brachte es bei besagtem arabischen Nachrichtensender Al Dschazira am Donnerstag zum Aufmacher. „Der Papst kritisiert den Islam und zitiert eine Beleidigung seines Propheten“, hieß es. Al Dschazira heizte die Stimmung an mit zitierten Reaktionen wie dieser: „Gefährliche Worte, die nicht einmal ein Vorschulkind aussprechen würde, weil es weiß, daß es damit dem Terrorismus den Boden bereitet.“ Oder: „Man wußte ja, daß sich dieser Papst mit dem internationalen Zionismus verbündet hat.“ Bei dem Sender Al Arabija hieß es, der Papst übe wenige Wochen vor seinem Türkei-Besuch Kritik am Islam: „Damit dürfte er den Zorn der islamischen Welt heraufbeschwören.“ So beschwört man den Zorn, der beschworen werden soll.

Das Echo von Geistlichen und Politikern, derart verstärkt durch maßgebliche Medien, findet auch seinen Niederschlag in den muslimischen Communities im Internet. Daß extremistische Seiten den Papst angreifen und in seinen Äußerungen ihren Begriff vom „Heiligen Krieg“ bestätigt sehen, versteht sich von selbst. Die in Deutschland verbotene Islamistenorganisation Hizb-Ut-Tahrir ist der Ansicht, daß sich der Papst mit seiner Äußerung neben Georg W. Bush und Tony Blair in die Reihe jener Stelle, die den Islam im Rahmen des sogenannten „War on Terror“ angriffen.

„Eine tragische Unverschämtheit“

Aber auch Reaktionen auf einer Seite wie der populären „muslimmarkt.de“, die sich als gemäßigtes Forum für Muslime in Deutschland versteht, lassen in ihre radikalen Sprache nichts zu wünschen übrig. „Es ist geradezu eine tragische Unverschämtheit unserer Zeit“, heißt es dort, „daß jetzt auch der sonst so besonnen wirkende Papst sich zum Werkzeug des Kulturkampfes macht, und das noch dazu mit den Mitteln der Unwahrheit, die ausgerechnet ein Papst nicht nutzen sollte.“ Was Benedikt XVI. zitiere, habe mit dem Islam nichts zu tun, es gebe kaum Muslime, die glaubten, „daß Gott unvernünftig handelt“.

Unvernünftig sei das Christentum, „denn ein allmächtiger Gott, der ohnehin alles erschaffen hat, hat keinen Sohn, und es widerspricht jeglicher Vernunft, daß Gott einen Menschen schaffen muß, um die Sünden der Menschheit auf ihn zu laden, wenn doch er allein die Sünden vergibt! Und die Tatsache, daß der Papst eine der heiligsten Frauen aller Zeiten als ,Gottesmutter' diffamiert und damit gleichzeitig Gotteslästerung betreibt, haben Muslime im Rahmen des gegenseitigen Respekts und der Toleranz immer hinuntergeschluckt.“ Der Papst zeige „sein wahres Gesicht“: „Möge Gott ihm die Wahrheit zeigen und ihm vergeben, falls der Schaden, den er für das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen angerichtet hat, nicht böswillig geschehen ist.“

Von „gegenseitigem Respekt“ ist nichts zu spüren. Auch geht es - wie im Karikaturenstreit - nicht um Deutungshoheit oder eine theologische Kontroverse. Es geht darum, den „Ungläubigen“ die öffentliche Auseinandersetzung über den Islam und seine politische Ausformungen, die nun einmal bis zu Usama Bin Ladin und seiner Lehre des heiligen Terrors reichen, auszutreiben. Mit aller Macht, nicht nur des Wortes.

Quelle: F.A.Z., 16.09.2006, Nr. 216 / Seite 43
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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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