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Islam-Debatte : Wie der Salafismus in unsere Welt kam

  • -Aktualisiert am

Anhänger des radikal-islamischen Predigers Pierre Vogel während einer Demonstration in der Innenstadt von Frankfurt am Main Bild: dpa

Europas Politiker sind mitverantwortlich dafür, dass sich unter den eingewanderten Muslimen extreme religiöse Ideologien ausbreiten konnten. Eine Replik auf Ruud Koopmans.

          In dieser Zeitung äußerte der Soziologe Ruud Koopmans kürzlich die verführerische Ansicht, die Quelle der vom „Islamischen Staat“ inspirierten Intoleranz und des zugehörigen Terrorismus liege nirgendwo anders als im Islam selbst. Er verwirft die „Lieblingsausrede“, wonach der westliche Kolonialismus irgendeine Verantwortung für den politisch-religiösen Zustand des Islams im Allgemeinen oder des Nahen und Mittleren Ostens im Besonderen trage, und erklärt dies für unmöglich, da die Region vergleichsweise unbehelligt von europäischer Besetzung geblieben sei.

          Damit verzerrt er allerdings die Geschichte. Tatsächlich sind die heutige Krise der religiösen Legitimation des Islams und die Ausbreitung der salafistischen Ideologie ein unmittelbares Erbe der europäischen Reiche des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Bemerkung sollte weder als Moralkeule noch als Plädoyer für political correctness verstanden werden. Wenn wir nicht dieselben Fehler nochmals begehen wollen, müssen wir unbedingt die Kontingenz dieser Geschichte wie auch die Leere des Ausdrucks „islamischer Fundamentalismus“ erkennen, den Koopmans als Stellvertreter für alles Mögliche verwendet, von überkommenen Ansichten zu den Geschlechterrollen und zur Homosexualität bis zum religiös inspirierten Massenmord.

          Wenn Koopmans wissen möchte, warum „der Hass auf Freidenker und religiöse Minderheiten nirgendwo so stark verwurzelt ist wie in der muslimischen Welt“ und warum diese spezielle Interpretation des Islams den vergleichsweise toleranten Zweig des osmanischen Islams überflügeln konnte, sollte er sich zunächst einmal mit der Geschichte befassen. Dann wird er bemerken, dass vor einem Jahrhundert, im Sommer 1916, europäische Mächte jene Kettenreaktion auslösten, die 1924 die Übernahme des Hedschas - einschließlich Mekkas und Medinas - durch die Saudis ermöglichte und sanktionierte.

          Größte politisch-religiöse Herausforderung

          In einem eroberten Territorium nach dem anderen kappten Europäer die traditionellen Bande islamischer Autorität und religiöser Erziehung zwischen ihren neuen kolonialen Untertanen und dem Sultan-Kalifen in Istanbul. Die neuen Kolonialherren unterbrachen den Austausch der Richter, Muftis, Koranschulen und Moscheeprojekte zwischen den Osmanen und den Muslimen in Nordafrika, dem Nahen Osten und auf dem Balkan. Jahrhundertealte religiöse Stiftungen und religiöse Führungskonstellationen wurden entwurzelt zugunsten von Institutionen, die Europäer kontrollieren zu können glaubten.

          Betroffen davon waren auch Hunderte Millionen von Muslimen in Britisch-Indien und Holländisch-Ostindien, die nun ihre Freitagsgebete nicht mehr dem Sultan-Kalifen in Istanbul widmen mussten, sondern einer von der britischen beziehungsweise holländischen Krone bestimmten Person (König Hussein beziehungsweise Königin Wilhelmina). Die türkischen Nationalisten vermochten die religiöse Macht des osmanischen Kalifats 1924 wahrscheinlich nur deshalb zu erschüttern und zu brechen, weil Amsterdam, Wien, London, Paris und Rom dieses Amt bereits unterminiert hatten.

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          Die größte politisch-religiöse Herausforderung unserer Zeit befindet sich im Epizentrum dieser fragmentierten Welt: dem mediterranen Kerngebiet des alten Osmanischen Reiches, in der Türkei, in Nordafrika und von der Levante bis hin zur arabischen Halbinsel. Die Beseitigung des Kalifats zündete eine nun schon seit einem Jahrhundert brennende Supernova aus Thronanwärtern und Islamisten quer über den gesamten muslimischen Halbmond. Die Gewaltausbrüche des islamischen Extremismus nach dem Ende des Kalifats folgen genau jenem Pfad der weltweiten Umma, den die panislamische religiöse Diplomatie der Osmanen einst vorgezeichnet hatte, einschließlich des heutigen Bangladesch, Pakistans, des Iraks und Syriens. Das osmanische Erbe wurde umfunktioniert oder eliminiert, und dies schmälert bis heute die Aussichten eines einheimischen Widerstands gegen importierten religiösen Extremismus.

          Das Problem mit dem salafistischen Wahabismus

          Die daraus erwachsene „Fitna“ sorgt dafür, dass die politische Stabilität - und die militärische Unabhängigkeit von nichtmuslimischen Mächten -, welche die sunnitischen Muslime der Region einst genossen, unerreichbar geworden sind. Die ehedem von Istanbul ausgehende spirituelle Führung ist heute zersplittert und auf mehr als ein Dutzend Nationalstaaten verteilt - und wird überdies entschieden von transnationalen nichtstaatlichen Akteuren wie Al Qaida und dem IS in Frage gestellt. Dieser Dissens spiegelt sich auch im gestörten religiösen Leben vieler Millionen Muslime, die heute in Westeuropa leben und ursprünglich aus derselben Region stammen.

          Wie erwarben Salafismus und Wahabismus die Autorität, großen Teilen zweier Generationen europäischer Muslime ihre Ansichten einzupflanzen? Ebenjene europäischen Mächte, die in den 1970er und 1980er Jahren zu Einwanderungsländern wurden, luden die in Saudi-Arabien beheimatete Islamische Weltliga ein, in ihren Ländern Moscheen zu bauen, Imame zu finanzieren und freie Koranschulen einzurichten. All das im Rahmen einer auf Ölverkäufen basierenden Transaktionsbeziehung.

          Das geschah oftmals auf Kosten von Angeboten Marokkos, der Türkei und Algeriens, eine an den westeuropäischen Kontext angepasste Alternative bereitzustellen. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts standen in Europa mehr marokkanische Imame in den Diensten des saudischen als des marokkanischen Königs. Saudi-Arabien finanziert in Frankreich heute noch vierzehn Imame jährlich. Europäische Muslime fanden den Weg zu einem am salafistischen Wahabismus ausgerichteten Islam, weil ihre politischen Repräsentanten bedenkenlos ihren Beitrag zu den für die Verbreitung extremer Ideologien ausgegebenen Milliarden leisteten.

          Europa hat nichts für Muslime getan

          Vor einer ähnlichen Wahl für das spirituelle Leben der europäischen Muslime stehen die westeuropäischen Länder heute mit Blick auf die Rolle Ankaras, Rabats und Algiers, und mehrere Länder sind dabei, den historischen Fehler vom Beginn des letzten Jahrhunderts zu wiederholen. Wieder einmal versuchen Regierungen, das religiöse Zentrum an seiner Quelle zu enthaupten: den islamischen Gesandten der Herkunftsländer. Im Jahrzehnt nach dem 11. September bemühte man sich durch allerlei Anerkennungs- und Koordinierungsmaßnahmen hektisch um eine Formalisierung des Verhältnisses zwischen Staat und Islam mit dem Ziel, die europäischen Muslime vor den aus der Golfregion eindringenden religiösen Ideologien abzuschirmen.

          Die europäischen Staaten taten sonst kaum etwas, um das religiöse Leben der Muslime zu erleichtern oder sie in die bestehenden Strukturen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat einzubinden. Der ganze Konsultationsprozess wurde überschattet von einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber den von den Regierungen der Herkunftsländer angebotenen religiösen Dienstleistungen, wodurch jungen Muslimen legitime Argumente vorenthalten wurden, die sie gegen extremistische Ideen hätten vorbringen können.

          Erst kürzlich erreichte diese Politik einen Höhepunkt. Das österreichische Parlament verabschiedete 2014 ein Gesetz, das die Finanzierung von Einrichtungen durch die Türkei und die Entsendung religiösen Personals untersagt - ein fernes Echo der Entscheidung Österreich-Ungarns vor einhundert Jahren, das Kalifat in Bosnien-Hercegovina durch ein von Wien gebilligtes islamisches Oberhaupt (Schaich al-Islam) zu ersetzen. In diesem Sommer verabschiedete das belgische Parlament ein ähnliches Gesetz, und deutsche Politiker fordern seit Monaten ein Ende des türkischen Einflusses auf den europäischen Islam. Die EU finanzierte kürzlich ein journalistisches Projekt zur Entlarvung der „türkischen Marionetten“.

          Kampf gegen die katholische Kirche

          Das Bündnis zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, dass das wilhelminische Deutschland im Unterschied zu nahezu allen anderen europäischen Mächten nicht versuchte, das Kalifat zu schwächen. Doch in früherer Zeit hatte deutscher Verdruss über einen angeblich „autoritären Despoten“ im Ausland die Regierung durchaus schon einmal veranlasst, die Religionsfreiheit der Bürger im Inland einzuschränken.

          Nach der Reichsgründung kämpfte Bismarck ein Jahrzehnt lang gegen die katholische Kirche wegen der Bestellung von Bischöfen und Pfarrern durch Rom. Der Staat behielt sich das Recht vor, sein Veto gegen Nominierungen einzulegen, die in seinen Augen die öffentliche Ordnung bedrohten, und sorgte dafür, dass neun von zwölf preußischen Bistümern ohne Bischof und 1400 Pfarreien ohne Pfarrer blieben.

          Spezielle Kurse mit zertifizierten Abschlüssen

          Mitte der 1880er Jahre wurden die diskriminierenden Gesetze des Kulturkampfes zurückgenommen, die - ähnlich der heutigen Versuchung, solche Bande zu lösen - eine unhaltbare Politik darstellten, weil sie der sozialen Realität der Bevölkerung im neugegründeten Deutschen Reich nicht entsprach. In die Weimarer Verfassung wurden dann religionsfreundliche Artikel aufgenommen, die bis heute Bestand haben. Berlin ist gegenwärtig führend im Import türkischer Imame und Lehrer, die sich an der spirituellen Betreuung und religiösen Erziehung deutscher Muslime beteiligen. Tatsächlich verbessern die Türkei und andere Staaten wie Algerien und Marokko ständig ihren Islamexport nach Europa.

          Dazu gehören spezielle, vor der Abfahrt zu absolvierende Kurse in Sprache und Kultur des Gastlandes und mit zertifizierten Abschlüssen versehene Bildungsgänge, in denen europäische Muslime für ihren spezifischen Kontext geschult werden. Die deutschen Behörden wissen dieses Personal aus der Türkei zu schätzen, auch wenn sie durchaus vernünftige Pläne hegen, vielfältige Netzwerke islamischen Wissens und religiöser Einrichtungen in Deutschland selbst zu entwickeln.

          Warum die Ditib wichtig ist

          Doch der gegenwärtige Lärm um islamischen Fundamentalismus und der Hohn auf die Person Präsident Recep Tayyip Erdogans drohen inzwischen zu politisieren, was eigentlich eine klinische Entscheidung über die Art von Islam sein sollte, dessen Gedeihen man fördern möchte. Angesichts der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen mit islamischem Hintergrund in Deutschland ist es indessen noch dringlicher, dass der türkische Islam des türkisch-islamischen Dachverbandes Ditib neben zahllosen anderen Angeboten religiöser Dienstleistungen eine wichtige Stellung behält. Dazu müsste die deutsche Öffentlichkeit davon überzeugt werden, dass den religionspolitischen Beziehungen zur türkischen Regierung auch in absehbarer Zukunft eine wesentliche Bedeutung zukommen wird.

          Es ist richtig, von Ditib und allen sonstigen inländischen islamischen Vereinigungen zu verlangen, dass sie sich an die Gesetze und Vorschriften des Landes halten, aber es wäre kontraproduktiv, die Verbindungen im Bereich des Personals, des Gebets und der religiösen Unterweisung abzuschneiden. Wer das bezweifelt, sollte sich den aktuellen Aufstieg des Wahabismus in Bosnien-Hercegovina anschauen.

          Im einundzwanzigsten Jahrhundert lauert nicht Saudi-Arabien hinter dem Vakuum, sondern der IS samt einem virtuellen Universum sozialer Medien. Die europäischen Reiche des letzten Jahrhunderts konnten kaum vorhersehen, welche Wirkung ihre Eingriffe ein Jahrhundert später auf den weltweiten Islam haben würden, doch die heutigen europäischen Nationalstaaten sollten es besser wissen. Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

          Zum Autor

          Jonathan Laurence ist Professor für Politikwissenschaft am Boston College, an dem er über das Verhältnis von europäischer Politik und Staatsreligion forscht.

          Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

          Quelle: F.A.Z.

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