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Veröffentlicht: 26.08.2014, 13:08 Uhr

IS-Vormarsch Das kommt ja nicht aus heiterem Himmel

Die Kämpfer des „Islamischen Staats“ sind nicht vom Himmel gefallen, sondern stehen in der Nachfolge anderer Terrorgruppen. Ihr Vormarsch zerstört die westliche Illusion, dass jeder politische oder militärische Konflikt mit Geld zu lösen wäre.

von Hans Christoph Buch
© AFP Vorbilder der IS: Dschihadisten bei der militärischen Ausbildung in Gaza (2009)

Die Berichterstattung über den Vormarsch der Isis oder der IS, wie die Terrormiliz nunmehr heißt, erweckt den fatalen Eindruck, es handelte sich um eine Naturkatastrophe, die aus heiterem Himmel über den Nahen Osten hereinbrach: unvorhersehbar wie ein Orkan, der sich über dem Ozean zusammenbraut und alles niederwalzt, was sich seiner blindwütigen Gewalt entgegenstellt. Dieser Eindruck stimmt nur bedingt, denn der IS ging aus der Konkursmasse des Irak-Krieges und des syrischen Bürgerkrieges hervor: Von dorther stammen seine Waffen und seine Kämpfer, einschließlich in Europa rekrutierter Extremisten, die, frustriert von den gebrochenen Versprechen des arabischen Frühlings und radikalisiert durch Israels Vorgehen in Gaza, zum Islamismus überlaufen und sich als Kanonenfutter verheizen lassen. Das Geld und die ideologische Motivation hingegen stammen sowohl aus Saudi-Arabien wie aus Qatar, zwei Verbündeten des Westens.

Das Gedächtnis der Medien ist kurz, denn das Ganze trägt Züge eines Déjà-vu: Die erste Welle des Dschihad waren die Mudschahedin, die mit amerikanischer Hilfe die Sowjetarmee aus Afghanistan vertrieben; die zweite Welle waren die Taliban, in Pakistan ausgebildete Religionsschüler, deren Siegeszug darauf beruhte, dass es nach dem verlustreichen Krieg in Afghanistan, ähnlich wie jetzt im Irak, nur noch demoralisierte Verlierer gab. Die dritte Welle war Usama Bin Ladins Al Qaida, bei der die IS-Milizen in die Lehre gingen.

„Der Weltkreis ruht, von Ungeheuern trächtig“, schrieb Goethe nach dem Sturz Napoleons, als der Wiener Kongress Europa neu zu ordnen versuchte. Damals wie heute erwarteten die Geschichtsschreiber, dass auf verlustreiche Kriege eine Periode des Friedens oder zumindest eine Waffenruhe folgt, aber das ist keine Selbstverständlichkeit, wie das Beispiel Gaza vor Augen führt. Ein Blick zurück auf die Epoche der Kreuzzüge zeigt, dass es schon damals keinen Sieger, nur Verlierer gab, auf christlicher, jüdischer wie auf muslimischer Seite: Statt das Heilige Land zurückzuerobern, verlor die Christenheit Konstantinopel, das letzte Bollwerk gegen die Expansion des Islams, die dann erst vor den Toren von Wien zum Stillstand kam.

Chaos ist älter als Ordnung

Was lehrt uns das? Nicht, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Doch die Vorstellung, dass jeder politische und militärische Konflikt mit Geld und gutem Willen lösbar sei, gehört nun endgültig der Vergangenheit an, ebenso wie die Illusion, dass Kriege, wenn überhaupt, nur in weit entfernten Ländern stattfinden und keine Auswirkungen haben auf Stabilität und Prosperität westlicher Staaten. In Wahrheit war ja schon der Kalte Krieg der an den Fronten festgefrorene Konflikt zweier Supermächte, die sich mit Atomraketen gegenseitig in Schach hielten, so wie der Zweite Weltkrieg die Fortsetzung des Ersten war und diesen an Destruktivität noch übertraf.

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Stimmt es, dass die Welt aus den Fugen ist, wie Deutschlands Außenminister kürzlich verlauten ließ? Oder war das immer so, und nur der Lack ist nun ab, der die Risse vor aller Augen verbarg? In gewisser Weise - so zynisch es klingt - ist dies die Rückkehr zur Normalität: Frieden und Harmonie sind nicht naturgegeben, sondern müssen unter Opfern erkämpft und verteidigt werden. Schon die alten Griechen wussten, dass das Chaos älter ist als die Ordnung und alle menschlichen Bemühungen zunichtemachen kann.

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