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Irans Bildungssystem Die beerdigte Krise

04.05.2007 ·  In Iran gleichen die Schulen oft einer Moschee während der Trauermonate. Der Handel mit Zeugnissen und die sexuelle Diskriminierung haben Hochkonjunktur. Denunziation gilt als Tugend. Und an den Universitäten steht es nicht besser.

Von Amir Hassan Cheheltan
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Seit einigen Jahren beherrscht eine Atmosphäre der Resignation und Lähmung die iranischen Universitäten. Eine offizielle Statistik des Wissenschaftsministeriums berichtet von achtundzwanzig Fällen von Selbsttötung unter den Studenten in einem Zeitraum von nur vier Monaten. Das „Büro zur Stärkung der Einheit“, das die Gesamtheit der islamischen Studentenorganisationen des Landes vertritt, hält die Zahl der Freitode für weitaus höher.

Aufgrund einer Studie, die erst kürzlich veröffentlicht wurde, greifen hundertfünfzigtausend Studenten im Land mindestens einmal im Monat zu Drogen. Die Auswirkungen dieser Situation auf die Studenten und Professoren sind so tiefgreifend, dass Irans Anteil an der weltweiten Wissensproduktion auf weniger als ein halbes Prozent geschätzt wird. Noch hat keine einzige der iranischen Universitäten einen Platz unter den 2000 besten Universitäten der Welt erringen können.

Lehrer im Gefängnis

Im vergangenen Jahr wurde erneut ein beträchtlicher Teil der Professoren der staatlich verordneten Emeritierung ausgesetzt. Die islamische Studentenorganisation einer Universität hatte, unter Beileidsbezeugungen an die Studenten und Gelehrten, vorausgesagt, dass „die Welle der Entlassungen und Säuberungen nicht haltmachen und auch die übrigen gelehrsamen und unabhängigen Studenten und Dozenten erfassen wird“. Manche bezeichnen diese Maßnahmen als Projekt der zweiten Kulturrevolution.

Ahmadineschad hat den Umbau des inländischen Unterrichtswesens unmissverständlich angekündigt und gesagt, dass die Umgestaltung des seit hundertfünfzig Jahren vorherrschenden, säkularen Unterrichtswesens ausgeweitet werden muss. Ebenso ließ er verlautbaren, dass „unsere Studenten gegen liberale Ideen und die liberale Ökonomie anschreien müssen“. Deshalb führte seine Rede vom 11. Dezember 2006 in der Teheraner Amir-Kabir-Universität, einem der betriebsamsten Zentren studentischer Aktivitäten, zu Tumulten. Im vergangenen Jahr wurden mindestens dreihundert Studenten mit massiven universitären Disziplinarmaßnahmen belegt, siebenundfünfzig Studentenzeitschriften wurden verboten, und siebzehn Magisterstudenten wurden der Universität verwiesen. Die letzte Demonstration der Lehrer, die seit einigen Wochen ihre Proteste gegen ihre Einkommensverhältnisse und die desolate Lage des Erziehungswesens öffentlich vortragen und sich dazu mehrmals zu Tausenden vor dem Parlament in Teheran versammelt haben, endete mit dem Angriff der Polizei und der Verhaftung eines erheblichen Teils der Lehrkräfte. Die verhafteten Lehrer verbrachten die Nacht des iranischen Neujahrs, das am 21. März beginnt, im Gefängnis.

Schüsse auf Studenten

Seit 1907, als der mächtige Schiitenführer Scheich Faslollah Nuri sich der Eröffnung von Mädchenschulen in Iran widersetzte, bis heute, wo sechzig Prozent der iranischen Erstsemester Mädchen sind, hat die Gründung von Schulen und Universitäten in diesem Land einen langen und beschwerlichen Weg durchschritten. Scheich Faslollah Nuri wurde zwar zwei Jahre später nach der Eroberung Teherans durch die Konstitutionalisten gehängt, sein gedankliches Erbe bestimmt jedoch noch immer einen beträchtlichen Teil der iranischen Gesellschaft.

Andererseits brennen iranische Universitäten seit länger als fünfzig Jahren im Feuer politischen Aufruhrs. Das lässt sich als Anzeichen für die Krise einer Gesellschaft bewerten, die mangels unabhängiger politischer Parteien und freier Presse in absolutem Misstrauen gegen ihre Machthaber den entschiedensten Widerstand in ihrer Studentenschaft findet.

Am 7. Dezember 1953, gut drei Monate nach dem Putsch der CIA, dem Sturz der Regierung von Mossadegh und der Rückkehr des Schahs an die Macht, eröffnete die Polizei des Schahs zum ersten Mal das Feuer auf Studenten, die gegen die Wiederaufnahme der nach der Verstaatlichung der Erdölindustrie abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen Iran und Großbritannien demonstrierten. Drei von ihnen starben. An diesem Tag signierten die Universitäten ein ungeschriebenes Gelöbnis: Gegenüber Tyrannen darf man nicht schweigen. Zwei Tage später verschärfte die Reise von Richard Nixon, damals amerikanischer Vizepräsident, nach Teheran die Studentenproteste. Die Stadt befand sich in einer Art militärischem Ausnahmezustand, staatliche Einrichtungen wurden mit Panzern und Panzerwagen geschützt, und Hunderte Studenten wurden verhaftet.

Menschen ohne moralischen Widerstand

Die folgenden fünfundzwanzig Jahre lang waren die iranischen Universitäten unfriedlich, und als in der damaligen politischen Blockadesituation schließlich zwei Guerrillagruppen, die Attentate auf Amerikaner und iranische Sicherheitskräfte verübten, ihre Existenz ankündigten, bildete die Universität erneut die größte und bedeutsamste gesellschaftliche Basis zu ihrer Unterstützung.

Nach Abschluss des Projekts, den Schah zu stürzen, flauten die Unruhen ab. Die islamische Obrigkeit betrachtete - ohne dies anzukündigen - die Unterwerfung der Universitäten als ihre vornehmlichste Aufgabe. In einem ersten Schritt organisierte sie die sympathisierenden islamischen Studenten, um den übrigen Studentengruppierungen mit marxistischer oder patriotischer Orientierung das Leben schwerzumachen. Als dies nicht fruchtete, wurde die Schließung der Universitäten angeordnet.

Im Verlauf dessen, was die Islamische Republik als Kulturrevolution bezeichnete, wurde eine große Anzahl von Studenten von der Fortsetzung ihres Studiums ausgeschlossen. Die Universitätsprofessoren, die noch wenige Monate zuvor, insbesondere nach der Ermordung eines Kollegen in den letzten Tagen der Schah-Zeit, endlich Anerkennung gefunden hatten, speziell jene, die unabhängige Studenten befürworteten, wurden für immer nach Hause geschickt. Zahlreiche religiöse Fächer wurden in den akademischen Lehrplan aufgenommen. Als die Herrschenden sich sicher sein konnten, dass die Universitäten islamisch geworden waren, öffneten sie wieder deren Pforten mit dem Ziel, an den Universitäten Menschen ohne moralischen Widerstand zu erziehen.

Ein gewaltiges Scheitern

Die neuen Studenten hatten eine so umfassende Gewissensprüfung über sich ergehen lassen müssen, dass sie es als ihre Aufgabe betrachteten, zu lernen und staatlichen Anweisungen zu folgen. Die Flitterwochen zwischen den Studenten und der Obrigkeit waren jedoch nur von kurzer Dauer. Wenige Jahre später begannen die landesweiten islamischen Studentenorganisationen, die zur Ausschaltung der übrigen Studentenbewegungen vorgesehen waren, die Herrschenden zu kritisieren. Diese Kritik richtete sich hauptsächlich gegen die Konservativen; einige politische Analysten räumen den Studenten einen beachtlichen Anteil am Wahlsieg des Reformers Chatami ein.

Unter Präsident Chatami nahm die Konfrontation der Studenten mit den Konservativen, die das Rückgrat der Herrschaft bilden, neue Ausmaße an, die schließlich zur brutalen Reaktion der Herrschenden am 9, Juli 1999 führten. Die Rache, die die Obrigkeit an diesem Tag an den Studenten nahm, tilgte die Erinnerung an den finsteren 7. Dezember 1953.

Aber nicht nur die Universitäten, auch die Schulen des Landes leiden. Die Lehrer leiden unter Armut und mangelndem sozialen Ansehen, und der Lehrerberuf hat sich in eine bedeutungslose Profession verwandelt. Als Zeichen der besonderen Gratifikation werden zuweilen Lehrer aus abgelegenen Provinzstädten in die Hauptstadt entsandt, die weder das Leben in einer Großstadt gewohnt sind noch sich mit ihrem Dialekt den Schülern verständlich machen können. Unter dem Eindruck dieses gewaltigen Scheiterns haben die Stadtverwaltungen, Sicherheitskräfte und eine Reihe von Dienstleistungsunternehmen in Iran Teile des Unterrichtswesens übernommen. Die Anleitung zum Umweltschutz, zur Wahrung des kulturellen Erbes und die Ertüchtigung zum Alltagsleben sollten aber ursprünglich in den Schulen stattfinden.

Den Worten des Sprechers des unabhängigen iranischen Lehrerverbands zufolge gleichen die Schulen in der Islamischen Republik an vielen Tagen des Jahres einer Moschee während der Trauermonate. Der Handel mit Zeugnisurkunden und Noten und die sexuelle Diskriminierung haben Hochkonjunktur. Denunziation gilt als Tugend; Musik- und Kunsterziehung haben keinen Platz in ihnen. Auch nach der Ausweitung von Aids fehlt es an jeglichem Sexualkundeunterricht, und seit der Einführung militärischer Regeln an den Schulen sind Fotos veröffentlicht worden, die das Auspeitschen von Schülern zeigen. In solchen Schulen findet mangels Laboren und Werkstätten oder aufgrund deren Ineffektivität de facto kein praktischer Unterricht mehr statt.

Niemand weiß, welche Folgen die Fortsetzung der Lehrerproteste im neuen iranischen Jahr zeitigen wird. Erst kürzlich wurden 45 Mitglieder der Lehrergewerkschaft in Hamadan verhaftet. Für den 8. Mai ist eine Lehrerdemonstration vor dem Parlament mit landesweiter Beteiligung geplant.

Aus dem Persischen von Susanne Baghestani.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Teheran.

Quelle: F.A.Z., 04.05.2007, Nr. 103 / Seite 40
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