16.12.2009 · „Dein Leben ist nicht mehr sicher. Komm nicht zurück!“ Dass die Iranerin Narges Kalhor auf einem Filmfestival in Nürnberg einen systemkritischen Film gezeigt hatte, blieb in Teheran nicht unbemerkt. Nun fürchtet die Tochter eines Beraters von Ahmadineschad um ihr Leben.
Von Anne Ameri-SiemensAnfang Oktober 2009 läuft ihr Kurzfilm in Nürnberg auf dem „Filmfestival der Menschenrechte“, und Narges Kalhor ist glücklich. Es sind, im Kinosaal wie in ihrer Lebensgeschichte, nur wenige Minuten, aber sie bedeuten der 25-jährigen Regisseurin aus Teheran eine ganze Welt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie einen ihrer Filme auf einer Kinoleinwand - und zum ersten Mal, das ist vielleicht sogar das größere Erlebnis, ein Publikum, das frei entscheiden konnte, ihren Film anzuschauen. Ohne dabei - wie in ihrer Heimat - unkalkulierbare Strafen zu riskieren. „Die Egge“, so heißt ihr Film, ist genannt nach dem landwirtschaftlichen Gerät, mit dem man größere Erdbrocken noch zerkleinert, nachdem der Acker schon gepflügt ist. Kurz gesagt: Mit dem man alles restlos kleinkriegt. Angelehnt ist Kalhors Kurzfilm an Franz Kafkas Novelle „In der Strafkolonie“, die von einer tödlichen Bestrafungsmaschine erzählt - und eine Metapher für die Folter im iranischen Strafvollzug ist.
Narges Kalhor geht an diesem Abend, nach der Vorführung ihres Films, ins Bett, und das Glück, das sie empfindet, ist immer noch da. Um vier Uhr morgens klingelt ihr Handy. Sie fährt aus dem Schlaf hoch, findet das Telefon nicht rechtzeitig, um das Gespräch anzunehmen. Der Anrufer hinterlässt eine Nachricht: Man wisse in Iran über sie, den Film, den Festivalbesuch Bescheid. „Dein Leben ist nicht mehr sicher. Komm nicht zurück!“ Narges Kalhor hört ihre Mailbox ab. „Eine Stunde lang konnte ich danach nicht aufhören, zu weinen“, sagt sie. Als der Tag anbricht, beginnt für sie ein neues Leben. Sie weiß das, und es sagt wahrscheinlich alles über die Situation in Iran, dass die 25-Jährige keine Sekunde zweifelt, keine Sekunde hofft, dass der Anrufer übertrieben hat. Wer sich gegen das System äußert, wird mit aller Unerbittlichkeit verfolgt. Und bei ihr hat die kritische Haltung noch eine besondere Nuance: Ihr Vater, Mehdi Kalhor, „ist einer von Mahmud Ahmadineschads engsten Beratern“, erklärt sie. Er plant die Medienauftritte des iranischen Präsidenten.
„Ich dachte mir: Nürnberg ist nicht New York“
Die Entscheidung, nach Deutschland zu fahren, trifft Narges Kalhor Anfang 2009. „Mir waren die Risiken natürlich bewusst. Ich habe sie in Kauf genommen, ich hatte Glück, der Film gelang im Frühjahr an der Zensur vorbei aus dem Land, ich wollte, dass man unsere Stimme im Ausland hört.“ Sie schafft es ohne Probleme, Ende September aus Iran auszureisen. „Und“, fügt sie hinzu, „ich dachte mir: Nürnberg ist nicht New York, nicht Paris, ist viel weniger auf dem Radar.“ Es dauert nur Stunden, bis sich die Nachricht über ihren Film nach der Vorführung auf persischsprachigen Websites verbreitet. Am 2. Oktober 2009 beantragt Narges Kalhor in Deutschland Asyl, lebt zwei Wochen in einem Asylbewerberheim im bayerischen Zirndorf. Ihr Antrag wird schnell bearbeitet, jetzt hat sie eine zunächst dreijährige Aufenthaltsgenehmigung.
Wir treffen uns in der Nähe von Nürnberg im Atelier eines iranischstämmigen Künstlers, bei dem sie jetzt erst einmal wohnt. Außer ihm hat Narges Kalhor noch die Schwester ihrer Mutter, die in Bochum lebt und bei der sie unterkommen kann. „Bis“, wie sie erklärt, „ich eine eigene Wohnung oder ein Zimmer gefunden habe.“ Sie schenkt Tee ein. Neben ihrer Tasse liegen Zigaretten; sie raucht erst nach dem Interview. Den schwarzen Wollpullover, den sie heute trägt, hat sie nach der Zeit im Heim in Nürnberg gekauft; eine Woche wollte sie in Deutschland bleiben, im Winter längst zurück sein bei ihrer Familie.
Nur eines hätte sie anders gemacht
Es wird ein langes Gespräch, und die Gefasstheit, mit der die junge Iranerin spricht, ist beachtlich. Das Schlimmste, sagt sie, sei nicht die Nachricht gewesen, dass sie nicht zurückkehren könne, auch nicht das Asylbewerberheim, „sondern zu sehen, dass dort Iraner sitzen, die wegen Männern wie meinem Vater verfolgt werden und um ihr Leben fürchten müssen.“ Iran ist das Land, das prozentual, laut Amnesty International, die meisten Todesurteile vollstreckt, mehr als China, ein bitteres Ranking. „Das Einzige, was mich getröstet hat“, sagt Narges Kalhor, „war, dass ich jetzt neben diesen Menschen saß.“
Manchmal, immer dann, wenn es schwer wird, blickt die Regisseurin an einem vorbei, auf die gegenüberliegende Wand. „Mein Vater“, sagt sie, „ ist vor eineinhalb Jahren zu Hause ausgezogen, hat seither nicht mit mir gesprochen.“ Narges' Mutter beschuldigt er jetzt öffentlich, sie habe zugelassen, dass die Tochter „vom Westen“ - wie es dann oft heißt, weil es so schön einfach ist - infiltriert wurde. Narges hat Angst um ihre Mutter, der sie gesagt hatte, dass sie nach Deutschland fährt, um an einem Film-Workshop teilzunehmen. Kein Wort vom Festival. „Sie wurde in den letzten Wochen sehr unter Druck gesetzt, sich ebenfalls von mir zu distanzieren.“ Und tat es nicht. Die beiden telefonieren, als klar wird, dass Narges nicht in nach Iran zurückkehren kann, die Mutter wirft ihr nichts vor. Auf Nachfrage, ob sie sich wieder für den Festivalbesuch entscheiden würde, wenn ihr die Konsequenzen bekannt wären, nickt Narges Kalhor. „Ich würde nur eines anders machen: mich richtig von meiner Mutter und meinen Schwestern verabschieden.“ Irgendwann hofft sie, werden sie sich wieder sehen. In Iran oder in Deutschland. Und mehr als einmal hat sie, seit sie in Deutschland ist, den Impuls gespürt, ihren Vater anzurufen und ihn direkt zu fragen: „Wisst ihr eigentlich, was ihr anderen antut?“ Über die Frage, wie er denn reagieren würde, denkt sie länger nach als über die anderen. „Es wäre möglich“, sagt sie schließlich, „dass er gar nicht versteht, was ich meine. Es gibt Menschen, die wollen die andere Seite nicht sehen.“
Gefährliche Produktivität
Die Seite ihres Vaters ist die: Von Regierungsanhängern geachtet als Berater für Medienauftritte von Politikern. Während der Präsidentschaft Mohammad Chatamis hält er sich von der Regierung fern - zu reformorientiert ist Mehdi Kalhor die politische Linie Chatamis. Als Mahmud Ahmadineschad sich in den Wahlkampf um das Amt des Präsidenten aufmacht, ist Mehdi Kalhor an seiner Seite, erzählt Narges. Ihr Vater bietet ihr an, an den Filmen für die Kampagne mitzuarbeiten. „Ich redete mich heraus, dass ich zu viel an der Schule zu tun hätte.“ Die Wahrheit kann sie ihm nicht sagen: Dass sie, je mehr sie vom Leben in Iran mitbekommt, immer kritischer gegenüber den Machthabern wird - und voller Zweifel ist gegenüber dem eigenen Vater.
Zu der Zeit, als Mahmud Ahmadineschad an die Macht kommt, ist Narges Kalhor schon auf einer Filmhochschule, die zur staatlichen Rundfunkgesellschaft gehört. Die Privatschule, auf der sie im Jahr 2000 das Studium begann, wurde noch während der Amtszeit Chatamis geschlossen. „An unserer Schule produzierten 100 Studenten in einem Jahr 80 Kurzfilme,“ erklärt sie. „An anderen wird in vier Jahren ein Film pro Student gemacht. Unsere Produktivität war in den Augen der Regierung ein Zeichen, dass wir uns gemeinsam engagieren und so gefährlich werden könnten.“ Mitten im Semester wird der Schulbetrieb eingestellt.
Die Nähe Mehdi Kalhors zu Präsident Ahmadineschad bringt für Narges 2005 immer deutlicher den inneren Bruch mit dem Vater. Er habe das anfangs nicht gespürt, sagt sie. Immer wieder fragt er, ob sie bei Veranstaltungen filmen möchte. Sie bewirbt sich schließlich an einer Grafik-Schule nahe Teheran, wird angenommen, „gerade im rechten Moment, als mein Vater schließlich doch skeptisch wurde, warum ich die in seinen Augen großartigen Angebote nicht annehme. Es war der einzige Weg, ein für allemal nein zu sagen.“ Tagsüber geht sie in die Vorlesung, „danach arbeitete ich heimlich an meinen Filmen“.
Ein Film aus dem Keller
„Die Egge“ entsteht im buchstäblichen Sinne im Untergrund: Drehbuchschreiben, Dreh, Schnitt - finden in einem Keller statt. Das Geld, um „Die Egge“ zu produzieren, verdient sich die Regisseurin damit, unbemerkt von ihrem Vater auf Hochzeiten zu filmen. Nach der Präsidentschaftswahl im Juni 2009 gehört Narges Kalhor zu denen, die gegen die Machthaber auf die Straße gehen. Zu dem Zeitpunkt liegt der Konflikt mit ihrem Vater schon offen, hat es zu Hause Streitgespräche über die Politik in Iran gegeben, bevor ihr Vater ausgezogen ist, die Familie verlassen hat. Sie glaube, fügt Narges Kalhor hinzu, „wie viele Menschen in Iran an Gott, aber nicht an die Religion.“ Anfang dieser Woche, am 7. Dezember, kommt es in Iran wieder zu Protesten (siehe auch: Kommentar: Die grüne Protestbewegung lebt).
Studenten verbrennen Bilder des obersten religiösen Führers Chamenei und des verstorbenen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini. Darauf steht in Iran die Todesstrafe; die Bilder sind heimlich gedreht und auf Youtube veröffentlicht. In einigen Berichten in deutschen Medien hieß es danach, die iranische Opposition habe sich diese Woche zurückgemeldet. „Sie war die ganze Zeit da“, sagt Narges Kalhor. Jede Nacht haben sich Menschen auf den Dächern ihrer Häuser versammelt und „Allahu Akbar“ gerufen: Gott ist groß! 1978 war das einer der Protestrufe gegen den Schah, der den Systemwechsel markierte.
Sie hofft, dass die ausländischen Medien trotz aller Hindernisse - Anfang der Woche hatte die iranische Regierung ausländische Journalisten mit einem Arbeitsverbot belegt - weiter berichten werden, auch mehr berichten, Druck verursachen. Narges Kalhor will sich in ihrem neuen Leben, in Deutschland, für die Einhaltung der Menschenrechte in Iran engagieren. „Das kommt an erster Stelle, noch davor, meine Filmarbeit fortzusetzen.“ Nach dem Gespräch bittet der Fotograf sie, sich für Porträtaufnahmen vor eine Wand zu stellen. Sie nickt, geht dann aber doch noch mal weg und kommt mit einem grünen Schal wieder. Grün, die Farbe der iranischen Opposition. Sie legt sich den Schal um den Hals. Jetzt kann es losgehen.