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Iranische Regisseurin Narges Kalhor : Eine Frage der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

„Die Risiken waren mir bewusst”: Die iranische Regisseurin Narges Kalhor im Atelier eines Freundes Bild: Tobias Schmitt

„Dein Leben ist nicht mehr sicher. Komm nicht zurück!“ Dass die Iranerin Narges Kalhor auf einem Filmfestival in Nürnberg einen systemkritischen Film gezeigt hatte, blieb in Teheran nicht unbemerkt. Nun fürchtet die Tochter eines Beraters von Ahmadineschad um ihr Leben.

          Anfang Oktober 2009 läuft ihr Kurzfilm in Nürnberg auf dem „Filmfestival der Menschenrechte“, und Narges Kalhor ist glücklich. Es sind, im Kinosaal wie in ihrer Lebensgeschichte, nur wenige Minuten, aber sie bedeuten der 25-jährigen Regisseurin aus Teheran eine ganze Welt. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie einen ihrer Filme auf einer Kinoleinwand - und zum ersten Mal, das ist vielleicht sogar das größere Erlebnis, ein Publikum, das frei entscheiden konnte, ihren Film anzuschauen. Ohne dabei - wie in ihrer Heimat - unkalkulierbare Strafen zu riskieren. „Die Egge“, so heißt ihr Film, ist genannt nach dem landwirtschaftlichen Gerät, mit dem man größere Erdbrocken noch zerkleinert, nachdem der Acker schon gepflügt ist. Kurz gesagt: Mit dem man alles restlos kleinkriegt. Angelehnt ist Kalhors Kurzfilm an Franz Kafkas Novelle „In der Strafkolonie“, die von einer tödlichen Bestrafungsmaschine erzählt - und eine Metapher für die Folter im iranischen Strafvollzug ist.

          Narges Kalhor geht an diesem Abend, nach der Vorführung ihres Films, ins Bett, und das Glück, das sie empfindet, ist immer noch da. Um vier Uhr morgens klingelt ihr Handy. Sie fährt aus dem Schlaf hoch, findet das Telefon nicht rechtzeitig, um das Gespräch anzunehmen. Der Anrufer hinterlässt eine Nachricht: Man wisse in Iran über sie, den Film, den Festivalbesuch Bescheid. „Dein Leben ist nicht mehr sicher. Komm nicht zurück!“ Narges Kalhor hört ihre Mailbox ab. „Eine Stunde lang konnte ich danach nicht aufhören, zu weinen“, sagt sie. Als der Tag anbricht, beginnt für sie ein neues Leben. Sie weiß das, und es sagt wahrscheinlich alles über die Situation in Iran, dass die 25-Jährige keine Sekunde zweifelt, keine Sekunde hofft, dass der Anrufer übertrieben hat. Wer sich gegen das System äußert, wird mit aller Unerbittlichkeit verfolgt. Und bei ihr hat die kritische Haltung noch eine besondere Nuance: Ihr Vater, Mehdi Kalhor, „ist einer von Mahmud Ahmadineschads engsten Beratern“, erklärt sie. Er plant die Medienauftritte des iranischen Präsidenten.

          „Ich dachte mir: Nürnberg ist nicht New York“

          Die Entscheidung, nach Deutschland zu fahren, trifft Narges Kalhor Anfang 2009. „Mir waren die Risiken natürlich bewusst. Ich habe sie in Kauf genommen, ich hatte Glück, der Film gelang im Frühjahr an der Zensur vorbei aus dem Land, ich wollte, dass man unsere Stimme im Ausland hört.“ Sie schafft es ohne Probleme, Ende September aus Iran auszureisen. „Und“, fügt sie hinzu, „ich dachte mir: Nürnberg ist nicht New York, nicht Paris, ist viel weniger auf dem Radar.“ Es dauert nur Stunden, bis sich die Nachricht über ihren Film nach der Vorführung auf persischsprachigen Websites verbreitet. Am 2. Oktober 2009 beantragt Narges Kalhor in Deutschland Asyl, lebt zwei Wochen in einem Asylbewerberheim im bayerischen Zirndorf. Ihr Antrag wird schnell bearbeitet, jetzt hat sie eine zunächst dreijährige Aufenthaltsgenehmigung.

          Wir treffen uns in der Nähe von Nürnberg im Atelier eines iranischstämmigen Künstlers, bei dem sie jetzt erst einmal wohnt. Außer ihm hat Narges Kalhor noch die Schwester ihrer Mutter, die in Bochum lebt und bei der sie unterkommen kann. „Bis“, wie sie erklärt, „ich eine eigene Wohnung oder ein Zimmer gefunden habe.“ Sie schenkt Tee ein. Neben ihrer Tasse liegen Zigaretten; sie raucht erst nach dem Interview. Den schwarzen Wollpullover, den sie heute trägt, hat sie nach der Zeit im Heim in Nürnberg gekauft; eine Woche wollte sie in Deutschland bleiben, im Winter längst zurück sein bei ihrer Familie.

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