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Iran Unser aller Freiheit

29.06.2009 ·  Wir sind Zeugen eines emanzipatorischen Ereignisses, und auch wenn es dem Regime gelingt, die Proteste niederzuschlagen, wird nichts mehr sein wie zuvor. Der Philosoph Slavoj Žižek über den Freiheitskampf in Iran.

Von Slavoj Žižek
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Wenn ein autoritäres Regime sich seiner letzten Krise nähert, erfolgt die Auflösung in der Regel in zwei Schritten. Vor dem eigentlichen Zusammenbruch findet ein unerklärlicher Bruch statt: Auf einmal wissen die Leute, dass das Spiel vorbei ist, und haben keine Angst mehr. Nicht nur verliert das Regime seine Legitimität, auch seine Machtausübung wird als ohnmächtige Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen die klassische Szene aus den Cartoons: Eine Katze erreicht einen Abgrund, läuft einfach weiter und ignoriert, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat. Sie beginnt erst zu fallen, wenn sie hinunterschaut und den Abgrund bemerkt. Wenn ein Regime seine Autorität einbüßt, gleicht es dieser Katze - man muss es nur daran erinnern, auch hinunterzuschauen.

In „Schah-in-Schah“, Ryszard Kapuscinskis klassischer Darstellung der Chomeini-Revolution, wird der genaue Ort des Bruchs benannt: An einer Kreuzung in Teheran weigerte sich ein einzelner Demonstrant, sich von der Stelle zu bewegen, als er von einem Polizisten dazu aufgefordert wurde. Der verwirrte Polizist zog sich zurück, und innerhalb weniger Stunden wusste ganz Teheran von diesem Vorfall. Obwohl die Straßenkämpfe noch wochenlang anhielten, wusste jeder, dass das Spiel vorbei war. Passiert derzeit Vergleichbares? Es gibt viele Versionen der Ereignisse in Teheran. Manche betrachten die Proteste als Höhepunkt einer prowestlichen „Reformbewegung“ in Analogie zur „orangenen Revolution“ in der Ukraine - als säkulare Antwort auf Chomeinis Revolution. Sie unterstützen die Proteste als ersten Schritt zu einem neuen, demokratischen, säkularen Iran, der vom muslimischen Fundamentalismus befreit ist.

Die traurigsten Gestalten

Die Skeptiker widersprechen ihnen, weil sie glauben, dass Ahmadineschad wirklich gewonnen habe: er sei die Stimme der Mehrheit, wogegen die Unterstützung für Mussawi aus der Mittelklasse und ihrer Jeunesse dorée komme. Wir sollen uns von den Illusionen verabschieden und der Tatsache ins Auge sehen, dass der Iran in Ahmadineschad den Präsidenten habe, den er verdient.

Dann gibt es jene, die Mussawi als Mitglied des religiösen Establishments abtun, den allenfalls Geringfügigkeiten von Ahmadineschad unterscheiden. Mussawi wolle ebenfalls das Atomprogramm fortführen, er sei gegen die Anerkennung Israels und habe zudem in seiner Funktion als Premierminister zu Zeiten des Irakkriegs Chomeinis Unterstützung gehabt.

Die traurigsten Gestalten schließlich sind die linken Unterstützer Ahmadineschads. Für sie steht die Unabhängigkeit Irans auf dem Spiel. Ahmadineschad habe gewonnen, weil er für die Unabhängigkeit des Landes eingetreten sei, die Korruption der Eliten enthüllt und den Ölreichtum dafür eingesetzt habe, das Einkommen der armen Mehrheit zu steigern. Das sei, erklärt man uns, der wahre Ahmadineschad, jenseits des Bildes vom Holocaustleugner und Fanatiker, das die westlichen Medien fabriziert hätten. Folgt man dieser Auffassung, so handelt es sich derzeit um eine Wiederholung des Staatsstreichs gegen Mossadegh im Jahr 1953: ein vom Westen finanzierter Coup gegen einen gewählten Präsidenten. Diese Perspektive ignoriert die Tatsachen. Die hohe Wahlbeteiligung - 85 statt der üblichen 55 Prozent - kann nur als Protest verstanden werden. Zugleich offenbart diese Position ihre Blindheit für eine Demonstration des Volkswillens, indem sie gönnerhaft unterstellt, für die rückständigen Iraner sei Ahmadineschad gut genug, sie seien noch nicht reif, von einer säkularen Linken regiert zu werden.

Rückkehr zu den Wurzeln

So unterschiedlich diese Versionen auch ausfallen, sie interpretieren die Proteste alle nach dem Schema: muslimische Hardliner contra prowestliche Reformer, weshalb es ihnen auch so schwerfällt, Mussawi einzuordnen. Ist er ein vom Westen gestützter Reformer, der mehr persönliche Freiheiten und Marktwirtschaft will? Oder ist er ein Mitglied des religiösen Establishments, dessen Sieg den Charakter des Regimes nicht ernsthaft ändern würde? Dieses extreme Oszillieren zeigt, dass alle Versionen die wahre Natur des Protests verfehlen.

Das Grün, welches die Mussawi-Anhänger tragen, die „Allah akbar!“-Rufe, die nachts von Teherans Dächern hallen, machen klar, dass sie ihr Handeln als Wiederholung von Chomeinis Revolution verstehen, als Rückkehr zu den Wurzeln, als Annullierung des Verrats an der Revolution. Diese Rückkehr ist programmatisch, und sie betrifft auch die Handlungsweise der Menge. Die emphatische Einheit, die allumfassende Solidarität, die kreative Selbstorganisation, das Improvisierte der Aktionen, die einmalige Mischung aus Spontaneität und Disziplin wie beim Schweigemarsch Tausender - all das zeigt: Wir haben es mit einem genuinen Volksaufstand von Partisanen der Chomeini-Revolution zu tun.

Ein iranischer Berlusconi

Daraus lassen sich einige wichtige Schlussfolgerungen ziehen. Erstens: Ahmadineschad ist nicht der Held der armen, islamistischen Bevölkerung, sondern ein korrupter, islamo-faschistischer Populist, eine Art iranischer Berlusconi, dessen Mischung aus Clownerie und rücksichtsloser Machtpolitik selbst bei der Mehrheit der Ajatollahs Unbehagen erzeugt. Dass er demagogisch Gaben an die Armen verteilt, sollte einen nicht täuschen. Hinter ihm stehen nicht nur die Organe der Repression und ein sehr verwestlichter PR-Apparat, sondern auch eine starke Klasse der neuen Reichen, die das Resultat eines korrupten Regimes ist - Irans Revolutionswächter sind keine Arbeitermiliz, sondern ein Großunternehmen und das Zentrum des Wohlstands.

Zweitens muss man eine klare Linie ziehen zwischen Mehdi Karrubi und Mussawi, den beiden wichtigsten Gegenkandidaten Ahmadineschads. Karrubi ist ein Reformer, der im Prinzip eine iranische Identitätspolitik vertritt und allen möglichen Gruppen etwas verspricht. Mussawi verkörpert etwas vollkommen anderes: Er steht für die Wiederbelebung jenes populären Traums, der die Chomeini-Revolution beflügelte. Selbst wenn dieser Traum eine Utopie war, muss man darin die genuine Utopie einer Revolution erkennen.

Man muss sich erinnern

Das bedeutet: Die Revolution von 1979 kann nicht reduziert werden auf eine Machtübernahme durch islamistische Hardliner. Sie war mehr. Man muss jetzt an die unglaubliche, überschäumende Stimmung in den ersten Jahren nach der Revolution erinnern, an die atemberaubende Explosion politischer und sozialer Kreativität, an die organisatorischen Experimente und Debatten unter Studenten und einfachen Leuten.

Dass diese Explosivität erstickt werden musste, beweist, dass die Revolution von 1979 ein echtes politisches Ereignis war, eine kurze Öffnung, die enorme Kräfte sozialer Umwälzung freisetzte, ein Moment, in dem alles möglich schien. Was folgte, war die schrittweise Abschottung, als das islamische Establishment die politische Kontrolle an sich riss. Um es mit Freud zu sagen: Der Protest von heute ist eine „Wiederkehr des Verdrängten“.

Das bedeutet, drittens, dass es ein wirkliches befreiendes Potential in Iran gibt. Wir sehen dieses Potential direkt vor uns. Die Zukunft ist allerdings ungewiss. Wahrscheinlich werden die Machthaber den Protest eindämmen, die Katze wird nicht in den Abgrund stürzen, sondern wieder Boden unter den Füßen haben. Dennoch wird es nicht mehr dasselbe Regime sein, sondern nur eine korrupte autoritäre Herrschaft unter anderen.

Was immer passiert, es ist wichtig im Kopf zu behalten, dass wir Zeugen eines großen emanzipatorischen Ereignisses sind, das sich nicht in das Schema prowestliche Liberale contra antiwestliche Fundamentalisten fügt. Wenn wir auf Grund unseres zynischen Pragmatismus die Fähigkeit einbüßen, diese emanzipatorische Dimension zu erkennen, dann werden wir auch im Westen in eine postdemokratische Ära eintreten, bereit für unseren eigenen Ahmadineschad. Italien kennt bereits seinen Namen: Berlusconi. Andere stehen schon Schlange.

Slavoj Žižek, 1949 in Slowenien geboren, ist Philosoph und Kulturkritiker, lehrt in London und Buenos Aires und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Peter Körte übersetzte Žižeks Text aus dem Englischen.

Quelle: F.A.S.
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