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Wolfgang Eßbach im Gespräch : Achtundsechzig war das Ende einer Reformphase

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Bild: Barbara Klemm

Als man noch an den grandiosen Durchblick auf die Gesellschaft glaubte: Ein Gespräch mit dem Soziologen Wolfgang Eßbach über Erfolge, Mythen und Irrwege der Achtundsechziger-Generation.

          Herr Professor Eßbach, Sie wurden 1944 geboren, waren 1968 also 24 Jahre alt und studierten damals Germanistik und Geschichte in Göttingen. Von 1967 bis 1968 waren Sie dort Mitglied des SDS und Vorsitzender des Asta. Wie erinnern Sie sich an diese Jahre?

          Wolfgang Eßbach: Die Erinnerung an Achtundsechzig konzentriert sich zu sehr auf die Bilder der Ereignisse in Berlin und Frankfurt. Achtundsechzig war schon vor dem Zerfall der Studentenbewegung in ihre verschiedenen Erben – die SPD Brandts, die K-Gruppen, die Drogenszenen, die Grünen, die Feministen, die Neo-Religiösen, die nach Poona zogen, aber natürlich auch der Terrorismus – keine homogene Geschichte. Bei uns in Göttingen kam es durch die Kooperationsbereitschaft des damaligen Polizeipräsidenten Erwin Fritz zu keinen öffentlichen Zusammenstößen von Demonstranten und Polizei, auch wenn es bei uns wie überall den Rausch der Aktion gab, den täglichen, von den Medien angefeuerten Aufforderungscharakter. Die Gewalt auf der Straße kam erst nach der Abberufung von Fritz 1969 nach Göttingen.

          Die Erinnerungen des Germanisten Albrecht Schöne an 1968, die er kürzlich in dieser Zeitung veröffentlicht hat, sprechen eine andere Sprache. In Flugblättern wurde zur Vergewaltigung der Frauen und Töchter der Göttinger Professoren aufgefordert.

          Alles, was Schöne schreibt, stimmt. Als damaliger Asta-Vorsitzender kann ich das bezeugen. Den Urheber dieser Aufrufe konnten wir leider nie herauskriegen. Ich finde das sehr wohltuend, dass Schöne das jetzt noch veröffentlicht hat, weil ich selbst immer gegen die Vergemütlichung von Achtundsechzig war. Achtundsechzig hat die Bundesrepublik bereichert, aber es gab auch ein ungemeines Maß an Hass, Intoleranz und Wahnvorstellungen bei den Revoltierenden. Von dieser abgründig destruktiven Seite von Achtundsechzig höre ich zu wenig. Die traf auch eher die jüngeren, liberalen und diskussionsbereiten Ordinarien. Kaum einer der deutschen NS-Professoren, von denen die Unis damals ja noch voll waren, hat unter Achtundsechzig gelitten. Sie hatten gelernt zu schweigen. Und natürlich sahen etliche Professoren in uns die neue SS.

          Und Sie in denen die alte SS?

          Natürlich. Für uns Studenten mit unserer Paranoia der Wiederkehr war es genau umgekehrt. Wir erwarteten, dass die bürgerlichen Schichten in der Krise des Kapitalismus zum Faschismus griffen. Die Stichworte sind bekannt – die Notstandsgesetze, Rüdiger Altmanns formierte Gesellschaft etc. Das war aus heutiger Sicht natürlich überzogen, aber wir wussten es damals einfach nicht besser. Und wir können heute auch nicht sagen, wie es gekommen wäre ohne Achtundsechzig und die Folgen. Und es gibt da ja auch noch die dialektische Ironie dieser Geschichte, dass viele Liberale, die damals an der demokratischen Stabilität der Bundesrepublik durchaus ihre Zweifel hatten, in der Abwehr der roten Horden von Achtundsechzig eine viel stärkere Identifikation mit der westdeutschen Demokratie entwickelten als vorher. Wie etwa Wilhelm Hennis...

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