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Rik Coolsaet zu Dschihadismus : Dieses Gefühl hat keine Nationalität

Menschen schreiben Botschaften an eine Hauswand in Brüssel, als Zeichen für die Getöteten und Verletzten. Bild: dpa

Die Anschläge von Paris und Brüssel wurden von einer neuen Generation von Dschihadisten verübt. Was treibt sie an? Warum führen die Spuren immer wieder nach Belgien? Und wie bekämpft man sie? Ein Gespräch mit dem Politologen Rik Coolsaet.

          Monsieur Coolsaet, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Verhaftung von Salah Abdeslam vor ein paar Tagen und den Terroranschlägen in Brüssel?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Schwer zu sagen. Es könnte einen Zusammenhang geben, wenn der „Islamische Staat“ jetzt zeigen will, dass er noch in der Lage ist, Operationen durchzuführen und die Verhaftung von Abdeslam rächen wollte. Ich glaube aber eher, dass diese Anschläge lange geplant wurden. Dass es eine Wiederholung der Anschläge von Paris gibt, haben die Behörden seit dem vergangenen November befürchtet. Darauf haben sich alle Autoritäten in den großen europäischen Städten vorbereitet.

          Es gibt ja die Theorie, dass Abdeslam ohnehin vom „Islamischen Staat“ fallengelassen wurde, weil er sich bei den Pariser Attentaten vom November eigentlich hätte in die Luft sprengen sollen, was er aber nicht getan hat.

          Das stimmt, in der Propaganda des „Islamischen Staats“ nach den Attentaten vom November taucht Abdeslam als Held und Märtyrer nicht mehr auf. Man weiß also nicht, ob er gerade dabei war, einen weiteren Anschlag zu planen, oder ob er sich vor dem IS versteckte. Beides wäre möglich.

          Warum interessieren sich Dschihadisten ausgerechnet für Brüssel? Angesichts der offenen Flüchtlingspolitik in Deutschland, die dem IS aus propagandistischen Gründen ein Dorn im Auge sein muss, könnten doch auch deutsche Städte ins Fadenkreuz rücken.

          Ja, aber das operative Netz, das in Paris und wahrscheinlich auch in Brüssel zugeschlagen hat, besteht aus frankophonen Leuten, aus Belgiern und Franzosen. Ich glaube, dass dieses Netz jenen Brigaden entspricht, die auch in Syrien existieren. Die Dschihadisten, die aus Europa nach Syrien ziehen, werden dort nach Sprachkenntnissen aufgeteilt, weil die meisten von ihnen kein Arabisch sprechen. Belgier und Franzosen kommen hier zusammen, Kontakte entstehen, Pläne werden gemacht. Weil so viele frankophone Dschihadisten ausreisen, glaube ich, dass deren Netzwerke in Europa zu den größten und bestorganisierten gehören.

          Wie viele Belgier gingen nach Syrien?

          Bis zum vergangenen Monat waren es 470 Menschen.

          Sind die Profile der belgischen Ausreisenden ähnlich heterogen wie die der französischen?

          Ja. Verallgemeinernd kann man sagen, dass es zwei Gruppen gibt: einmal die Kriminellen, die der Polizei wegen Diebstählen oder Drogendelikten bekannt sind und die glauben, im Weg nach Syrien einen Sinn gefunden zu haben. Anstatt ein kleiner Krimineller ohne Zukunft zu sein wird man Mudschahed und kämpft für eine Sache. Diese Gruppe ist in Belgien und wohl auch in Frankreich die wichtigste.

          Wer sind die anderen?

          Es gibt sie in Frankreich, aber auch in England oder den Vereinigten Staaten: junge Leute ohne kriminelle Vergangenheit, die den Sicherheitsdiensten nicht bekannt sind. Manchmal sind es Mädchen, 14 oder 15 Jahre alt, die von ihrem Leben genug haben und eine Identität suchen. In Syrien glauben sie zu finden, was sie hier vermissen – obwohl manche nicht mal wissen, wo Syrien eigentlich liegt. Entscheidend für beide Gruppen ist, dass sie eine Art Subkultur bilden, zu der die Überzeugung gehört, keine Zukunft zu haben. Sie zieht auch diejenigen an, die bisher nicht kriminell geworden sind.

          Dieses Gefühl hat keine Nationalität?

          Es ist in Europa verbreitet, aber auch in den Vereinigten Staaten. Die gefühlte Perspektivlosigkeit, verbunden mit der Möglichkeit, nach Syrien zu reisen, erklärt am besten, warum sich das Phänomen des Dschihadismus so schnell und so erfolgreich verbreitet hat.

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